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Milan Babić – Geschichte eines Künstlers

Milan Babić – Geschichte eines Künstlers

Was genau mich an diesem 18. Dezember in das Atelier von Milan Babić getrieben hat weiß ich nicht mehr. Es gibt keinen wirklichen Grund für mich hier zu sein. Nun gut, es gibt den Vorwand den ich mir ausgedacht habe, dass ich ihm an diesem vierten Advent ein Geschenk bringen wollte, so wie man das als guter Nachbar macht. Aber nun, da ich vor seiner Tür stehe, fällt mir mehr und mehr die Schwäche dieses Argumentes auf. Milan Babić wohnte bereits hier als ich vor einem Jahr hierhergezogen bin, aber zu mehr als ein paar höflichen Begrüßungen über den Gartenzaun hat es in dem ganzen vergangenen Jahr irgendwie nie gereicht. Insofern habe ich bisher auch nur recht wenig über meinen Nachbarn gewusst, alles was ich wusste war, dass er ein Künstler ist und größtenteils zurückgezogen in seinem Atelier lebt. Damit war für mich eigentlich schon alles gesagt, Künstler habe ich nie wirklich verstanden, mit ihren seltsamen Verhaltensweisen und dem Hang zum Geheimnisvollen. Im Gegensatz zu so vielen anderen Dorfbewohnern bin ich Milan Babić auch nie über den Weg gelaufen, weder beim Einkaufen, noch im Gottesdienst, noch an der Theke in der Dorfkneipe. Trotz dieses isolierten Lebens genießt er allerdings hohes Ansehen bei den anderen Dorfbewohnern, jedenfalls waren sie alle immer nur voll des Lobes, wenn ich mich nach meinem mysteriösen Nachbarn erkundigt habe. Doch das alles erklärt nun immer noch nicht, warum ich jetzt mit einer Schüssel Plätzchen vor seiner Haustür stehe. Ich sagte anfangs, dass ich nicht genau wüsste, was mich hierher verschlagen hat. Nun, das stimmt nur zum Teil, tatsächlich ist es sogar komplett gelogen. Eigentlich weiß ich noch ganz genau was es war, das in mir den Drang ausgelöst hat, diesen Mann kennenzulernen.

Es muss vor einigen Tagen gewesen sein, als ich mich im Rathaus befand, aufgrund irgendeines irrelevanten bürokratischen Details. Wie so oft war ich nicht der einzige dort und so wurde ich gebeten erst einmal zu warten. Im dafür vorgesehen Raum, wollte ich mich eigentlich gleich der Lektüre des Sportteils widmen, als mein Blick auf einmal abgelenkt wurde. Vor mir hing ein Gemälde welches eine auf den ersten Blick belanglose Szene darstellte, nämlich eine Menschenmenge in einem Park, die sich allerlei Aktivitäten hingab. Was aber meine Aufmerksamkeit erregte, war eigentlich ein winziges Detail: leicht zu übersehen, im Hintergrund der Szenerie konnte man ein Mädchen sehen. Es stand auf einem Balkon und schien das Getümmel der Massen unter seinem Wohnblock zu beobachten, doch mir war es, als ob sein Blick in Wirklichkeit aus dem Bild heraus, zu mir in die Wirklichkeit blickte. Das Mädchen blickte mich an, ich bin mir heute absolut sicher. Dazu kam, dass das Mädchen unglaublich detailgetreu dargestellt war, obwohl es ja eigentlich gar nicht der Fokus des Bildes war. Genau weiß ich es nicht, was in diesem Moment mit mir passiert ist, aber es war etwas in der Art der Darstellung dieses Mädchens, das mich zutiefst beeindruckt und berührt hat. Ja, ich glaube man könnte sogar sagen, dass ich mich erinnert gefühlt habe. Jedenfalls war der Effekt dieses Bildes auf mich so groß, dass ich gleich nachgefragt habe, wer der Künstler sei. Man antwortete mir, mit leichter Verwunderung, dass ich es nicht bereits wüsste, dass es ein Gemälde des beliebten Dorfkünstlers Milan Babić sei, meines Nachbarn.

Nun stehe ich also hier, bereit und entschlossen, diesen Mann kennenzulernen. Ich klopfe an seine Tür, dreimal denn das scheint mir eine akzeptable Anzahl zu sein, und warte. Drinnen tut sich erst mal nichts, doch nach einigen Sekunden hört man schwere Schritte, die sich wie in großer Anstrengung zur Tür bewegen. Mit einem gequälten Knarren öffnet sich die schwere Holztür, fast so als ob sie sich das erste Mal seit vielen Jahren wieder einem Menschen öffnen würde. Ehe ich mich es versehe, steht er auch schon vor mir: Milan Babić. Obwohl er durch sein hohes Alter inzwischen etwas eingegangen ist, merkt man ihm an, dass er wohl in der Blüte seines Lebens ein relativ groß gewachsener Mann gewesen sein musste. Unter Haarausfall scheint er auch noch nicht zu leiden, denn seine schneeweißen Haare reichen ihm ohne Probleme bis zu seinem Hals. Nicht sonderlich gut gealtert ist jedoch sein Gesicht, es ist von tiefen Furchen durchzogen die sich wie Risse nach einem massiven Erdbeben durch die ergraute Landschaft seines Gesichts ziehen. Auf seiner Nase ruht bedächtig eine dicke Brille durch die, hinter einer dicken Glaswand gefangen, zwei dunkelgrüne Augen mich fragend, aber nicht abweisend, begutachten.

„Ähm, guten Tag Herr Babić! Mein Name ist Gustav Kaster, ich wohne im Haus neben Ihnen, vielleicht erinnern Sie sich, wir haben uns manchmal kurz begrüßt…“

Mein Gegenüber hat sich keinen Millimeter gerührt. Er scheint noch immer abzuwägen, was er von diesem unerwarteten Gast vor seiner Tür zu halten habe. Doch mit absoluter Sicherheit kann ich das nicht behaupten, es ist unmöglich seine Mimik zu deuten.

„Jedenfalls wollte ich Ihnen einen frohen vierten Advent wünschen.“

Ich halte ihm in der ungeschicktesten Art und Weise meine Schüssel mit Plätzchen vor die Nase. Ich würde es ihm nicht übelnehmen, wenn er einfach die Tür schließen würde. Aber plötzlich scheint sich etwas in ihm zu tun. Seine Gesichtszüge lockern auf, seine grünen Augen scheinen mir plötzlich heller zu sein und mit einer warmen, freundlichen Stimme lädt er mich zu sich ein:

„Das ist sehr nett von Ihnen, Herr Kaster. Kommen Sie doch rein, ich habe mir gerade Tee zubereitet.“

Im Fall von Milan Babić von einem Haus zu sprechen würde der Situation wohl nicht ganz gerecht werden. Bereits nach einigen Schritten wird mir klar, dass dieser Künstler praktisch mitten in seinem Atelier lebt. Die Wände hängen voll mit Bildern, von ihm aber auch die Stile einiger anderer Künstler sind darunter zu erkennen. Insgesamt vier Staffeleien zähle ich und an jeder befindet sich ein noch nicht fertig gestelltes Gemälde, er scheint wohl jemand zu sein der gerne an vielen Projekten gleichzeitig arbeitet. Während mein Blick über die fensterartigen Bilder streift, fällt mir immer wieder das Mädchen auf. Hier und da, subtil im Hintergrund, niemals im Zentrum der Aufmerksamkeit aber auf irgendeine Art und Weise doch der interessanteste Punkt eines jeden Gemäldes. Wir nehmen uns Platz an einem runden Holztisch, ungefähr in der Mitte des einen großen Raumes, aus dem Milan Babićs Haus besteht. Mein freundlicher Nachbar schüttet mir behutsam Tee in eine kleine, hellblaue Tasse.

„Nun Herr Kaster, dann sagen Sie mir doch jetzt warum Sie wirklich hier sind!“

Weder in seinem Tonfall, noch in seinem Gesichtsausdruck liegt auch nur der Hauch eines Vorwurfs und doch fühle ich mich überrumpelt von seiner Aufforderung. Der alte Künstler scheint es offensichtlich zu bemerken, da er gleich lachend hinzufügt:

„Ich bin vielleicht alt und ein allein lebender Künstler, aber ein ganz bisschen Verstand ist mir schon noch geblieben.“

Erleichtert, dass er mein kleines Täuschungsmanöver wohlwollend aufgelöst hat, berichte ich ihm von meiner indirekten ersten Begegnung mit ihm im Rathaus. Milan Babić hört mir aufmerksam zu und unterbricht den Blickkontakt dabei nicht einmal für eine einzige Sekunde. Er scheint jedes meiner Wörter auf eine innere Waagschale zu legen und abzuschätzen wie unser Verhältnis sich daraufhin entwickeln wird. Im Allgemeinen strahlt Babić eine große Ruhe aus, aber keine leere auf Passivität beruhende Stille, sondern eine fast spürbare, dauernd agierende Ruhe die einen fast schon etwas einschüchtert, wenn da nicht dieses warme, einladende Lächeln auf seinem Gesicht wäre, welches einem ein angenehmes Gefühl von Sicherheit vermittelt. Ich bin inzwischen mit meinem Bericht fertig und lasse meine Stimme langsam wieder sinken. Milan Babić schweigt erst einmal. Seine nun wieder tiefgrünen Augen liegen schwer in seinen vom Alter und wohl auch der Kunst gezeichneten Augenhöhlen. Während ich gesprochen habe, ist mir diese sehr subtile Veränderung bereits aufgefallen, fast so als ob es ihn auf eine resignierende Art anstrengen würde an seine Kunst zu denken. Er nimmt einen Schluck Tee zu sich, ohne irgendein Anzeichen einer nahenden Antwort zu vermitteln, steht langsam auf und bewegt sich behutsam zu einer der vier Staffeleien zu. Er hält inne und sagt schließlich komplett wertfrei:

„Sie interessieren sich also für meine Kunst Herr Kaster?“

Trotz seines Bemühens um Freundlichkeit merke ich, dass ich, wenn ich jetzt nicht handele, sein Vertrauen nie gewinnen könnte. Milan Babić, der Künstler: wie viele haben ihn wohl zu seiner Kunst angesprochen? Es ist an der Zeit komplett ehrlich zu sein:

„Eigentlich interessiert mich ein ganz bestimmter Teil Ihrer Kunst Herr Babić.“

Noch immer steht er mit dem Rücken zu mir gewendet, aber ich bemerke eine neugierige Anspannung in seinem Genick.

„Wer ist das junge Mädchen?“

Er hebt seinen Kopf, jetzt überhaupt nicht mehr behutsam, und wendet sich mir zu. Über den Raum hinweg blitzen die grünen Augen wieder auf und scheinen plötzlich wie wiederbelebt. Er nähert sich mir, schleichend und offensichtlich noch vorsichtig prüfend:

„Was meinen Sie damit Herr Kaster?“

Ich habe ihn zurückgewonnen.

„Das junge Mädchen welches in jedem Ihrer Gemälde zu finden ist.“

Während ich ausführe, gehe ich von einem Bild zum nächsten und zeige auf die Mädchenszenen.

„Nie im Zentrum, nie das Hauptmotiv, aber es ist in jedem Bild…“

Ich erreiche die vierte Staffelei, vor der Milan Babić gerade steht. Es ist noch nichts auf dieser Leinwand, außer dem Mädchen, auf einer Parkbank sitzend in die Lektüre eines Buchs mit violettem Einband vertieft.

„…und jedes Mal ist es das faszinierendste Element der ganzen Szenerie.“

Nun schweigen wir beide. Milan Babić lächelt noch immer. Jetzt allerdings, ist es ein Lächeln aus Dankbarkeit.

Wir setzen uns wieder an den kleinen Holztisch und nachdem ich uns Tee nachgegossen habe, fängt der Künstler an zu erzählen:

„Es ist nun schon viele Jahre, ach Jahrzehnte!, her. Damals in meiner Jugend als ich noch in Kroatien wohnte, lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hieß Vitalia und war aus beruflichen Gründen in meiner Gegend. Wir kamen ziemlich schnell ins Gespräch und lernten uns langsam kennen. Sie war, wie ich, eine Kunstliebhaberin, ganz besonders mochte sie Gedichte. Wir verbrachten ganze Stunden von Tagen damit, über Kunst zu reden, auf eine Art wie ich es noch nie zuvor mit jemandem tun konnte. Doch durch die Kunst begannen wir auch immer mehr von uns zu reden. Sie müssen wissen, Herr Kaster, die Werke eines Künstlers offenbaren oft mehr über ihren Erschaffer als er es sich selbst bewusst ist, aber genauso verraten die Werke die wir selbst mögen auch eine ganze Menge über uns. Persönliche, sehr private Dinge, die sie gar nicht in einer anderen Art als die der Kunst ausdrücken können. Vitalia und ich, wir sprachen endlos lange über Kunst, unsere Kunst, und nach und nach machten wir uns dadurch einander natürlich auch immer verwundbarer. Aber es war ein wunderschönes Gefühl. Vitalia war der erste und einzige Mensch, der mich wirklich kennengelernt hat und sie war die Einzige die meine Seele sehen konnte. In vielerlei Hinsicht kannten wir uns wohl gegenseitig besser als wir uns selbst je kennen könnten. Ein halbes Jahr lang war ich glücklich. Wirklich glücklich, im Sinne von: ich spürte in meinem Herzen kein anderes Gefühl als das eines alles umfassenden Glücks und Vitalia war der Quell dieses wunderschönen Gefühls. Nach diesem halben Jahr aber, geschah es, dass sie gehen musste. Der Zufall war es, der uns bekannt machte, der Zufall war es, der uns einander entriss. Sie musste gehen, in ein anderes Land, ihre Arbeit ließ ein Bleiben nicht zu. Ich wollte ihr folgen, aber ich war der Älteste einer mehrköpfigen Familie und mein Vater war im letzten großen Krieg verstorben. Bei unserem Abschied hatte sie eine einzige Bitte an mich: vergessen. Sie vergessen und weitergehen. Sie wünschte sich, dass ich eines Tages eine Frau kennenlernen würde, mit der ich über Kunst reden könnte und ihr meine Heimat, auf die ich damals so stolz war, zeigen könnte. Es war glaube ich der einzige Punkt, in dem Vitalia mich nie verstanden hat. Ich konnte sie nicht vergessen. Ich dachte an sie in jeder Sekunde eines jeden Tages der nach ihrer Abreise verging und ich dachte an sie an jedem Tag eines jeden Monats der ins Land zog und ich dachte an sie in jedem Monat eines jeden Jahres die unerbittlich vergingen während sie nicht mehr bei mir war und ich werde an sie denken in jedem Jahr das noch zu kommen ist, bis es mich ins Grabe trägt. Ich liebe Vitalia, Herr Kaster. Ich liebe sie von ganzem Herzen und auch heute, nach nun fast fünfzig Jahren, liebe ich sie immer noch wie damals als wir uns gegenseitig Gedichte vorlasen.“

Mit jedem Wort füllen sich Milan Babićs Augen mehr und mehr mit den Tränen die sich ohne Zweifel während Jahrzehnten in seinem Herzen angestaut hatten. Fünf einzelne dieser Tränen einer verlorenen Liebe, fließen schließlich langsam über die pergamentartige Haut eines Mannes der ein Leben lang gewartet hat.

„Sie trauen sich nicht Ihre Stimme zu erheben Herr Kaster, aber ich weiß was Sie mich fragen wollen: warum konnte ich sie nicht vergessen? Nun die Antwort ist so simpel wie komplex. Vitalia hat mich verändert. Den Milan Babić den sie damals in Kroatien zurückließ, war nicht mehr der gleiche der er so viele Jahre lang war. Sie ist in mein Wesen übergegangen und hat alle meine weiteren Entscheidungen beeinflusst. Nachdem sie gegangen war, beschloss ich italienisch zu lernen, weil es ihre Muttersprache war. Ich lernte diese Sprache mit einer Motivation, wie ich es nie zuvor für etwas aufbringen konnte, weil ich sie in dieser Sprache, die ich sie manchmal sprechen hörte, wieder treffen konnte. Sie ist mir nah, heute noch, wenn ich diese Sprache spreche oder höre, für einen kurzen Moment kann ich sie wieder spüren. Ich entschied mich zu dieser Zeit auch, Künstler zu werden, weil Vitalia das für mich gewollt hätte. Seither habe ich immer versucht Werke zu schaffen, die ihr gefallen würden, weil es irgendwo in mir immer noch diese kleine Hoffnung gibt, dass sie vielleicht eines Tages irgendwo auf eines meiner Werke stößt und weiß, dass ich noch immer an sie denke. Dass ich sie nicht vergessen habe.“

„Malen Sie sie deshalb in jedes Ihrer Gemälde?“

Ein Lächeln breitet sich bei dieser Frage wieder über das erschöpfte Gesicht des großen Künstlers aus:

„Zum Teil. Es hat aber auch mit etwas zu tun, was wir einmal besprochen hatten. Wie an alle unsere Gespräche, kann ich mich noch erinnern als ob es gestern gewesen wäre. Wir haben darüber gesprochen was für eine Art Figuren wir wohl wären, wenn wir in einem Kunstwerk auftauchen würden, etwa in einem Roman oder eben in einem Gemälde. Vitalia war sich damals sicher, dass sie eine nervige und von allen gehasste Figur wäre. Ich weiß, für Sie ist das bestimmt befremdlich, aber es sind Dinge wie diese die ich an ihr mochte und auch für mich persönlich nachvollziehen konnte. Ich hatte ihr damals aber versichert, dass ich sie eher als eine unauffällige Figur im Hintergrund sehen würde, nie im Zentrum der Aufmerksamkeit…“

„…aber immer unerlässlich für die Schönheit des Bildes.“

Der aufgelöste Künstler nickt zustimmend:

„Genau Herr Kaster. Genau.“

Nach diesem sehr persönlichen Gespräch mit Milan Babić sprechen wir noch etwas über seine Werke und Vitalias Rolle in jedem einzelnen von ihnen. Schließlich aber wird es später Abend und ich entschließe mich nach Hause zu gehen. Ich verabschiede mich von Babić und wünsche ihm zum Abschied, dass er Vitalia irgendwann doch noch einmal wiedersehen könnte. Der gutmütige Künstler erklärt mir daraufhin mit ruhiger Stimme:

„Wissen Sie Herr Kaster, in all diesen Jahren ist mir eines bewusst geworden: lieben ist die stärkste und beste Eigenschaft die wir Menschen besitzen. Es ist nicht entscheidend, ob diese Liebe erfüllt wird, solange wir mit ganzer Seele lieben, gibt es einen Grund sich auf den morgigen Tag zu freuen. Wahnsinnig zu werden, aus unerschöpflicher Liebe zu einer anderen Person, das ist das Schönste was einem geschehen kann.“

Während ich langsam zu meinem Haus zurückschlendere, sehe ich aus dem Augenwinkel noch einmal die Silhouette von Milan Babić, die sich gerade an der vierten Staffelei zu schaffen macht. Vielleicht zeichnet er gerade den Titel auf das violette Buch des Mädchens.

Copyright 2016 Tom Weber

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Si un jour tu veux revenir

Sans mots, sans pleurs, sans même sourire

Négligemment et sans te retenir

Sans farder du passé tout l’avenir…

Le soir quand je te vois sourire

Sur cette photo qui ne veut rien dire

Sous ta vieille lampe qui tremble et chavire

Tu viens grimacer dans mes souvenirs

 

Maintenant, comme avant,

Doucement, sans pâlir, sans mentir, sans souffrir…

Aujourd’hui, je te dis:

 

Souffrir par toi n’est pas souffrir,

C’est comme mourir ou bien faire rire

C’est s’éloigner du monde des vivants

Dans la fôret, voir l’arbre mort seulement.

Comme un jour tu viendras sûrement

Dans ce salon qui perd son temps,

Ne parlons plus jamais de nos déserts…

Et si tu restes je mets le couvert

Maintenant, comme avant,

Doucement, sans pâlir, sans mentir, sans souffrir

Aujourd’hui, je te dis:

 

Tous les voyages ne veulent rien dire

Je sais des choses qui te feraient rire

Moi qui entassais des souvenirs par paresse

Ce sont tes vieux chandails que je caresse

 

Maintenant, comme avant, doucement

Restons-en au présent pour la vie,

 

Aujourd’hui, reste ici

 – Texte par Étienne Roda-Gil, mis en musique par Julien Clerc (écoutez la chanson ici)

 
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Verfasst von - 18. Dezember 2016 in Literatur

 

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Bill Hicks – Zwischen Genie und Obszönität

Bill Hicks – Zwischen Genie und Obszönität

Es gibt einige sehr wenige Menschen, die man als Legenden bezeichnen kann. Für mich persönlich zählt zu diesen besonderen Persönlichkeiten ein Mann, der uns leider, wie so viele Legenden vor und auch nach ihm, viel zu früh verließ. Er ist als Humorist bekannt geworden und für mich bleibt er einer der besten und unangenehmsten Künstler aller Zeiten. Ich spreche von niemand anderem als Bill Hicks.

Für jeden der ihn nicht kennt, Bill Hicks wurde am 16. Dezember 1961 in Valdosta, Georgia geboren und wurde besonders während der 80er Jahre als Humorist bekannt, insbesondere auch in Großbritannien. Sein Programm war äußerst derb und bissig und wurde von konservativen Zeitungen auch mal als „satanisch” beschrieben. Er konsumierte in hohem Maße Alkohol und andere, härtere, Drogen, schaffte es aber aufgrund eines Erlebnisses mit seiner Freundin 1988 dem Alkohol zu entsagen. Seine Auftritte wurden regelmäßig gekürzt, um sie einem „Mainstream” Publikum zugänglich zu machen, ein Ziel welches Hicks selbst wohl nicht gleichgültiger hätte sein können. Mit einer Mischung aus Freude und Frustriertheit entlarvte und denunzierte er erbarmungslos die rückgratlose Konsumgesellschaft und zog sie auf eine brutal ehrliche Weise ins Lächerliche. In seinen Metaphern griff er oft auf Vergewaltigungsmotive und ähnlich drastische Bilder zurück, welche seine Sozialkritik auf eine sehr direkte Art in die Köpfe seiner Zuschauer schlug. Seine Karriere fand leider ein viel zu frühes Ende als er im Juni 1993 mit Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde. Er verstarb im Alter von 32 Jahren am 26. Februar 1994 in Little Rock, Arkansas.

Prägend ist für mich persönlich besonders sein berühmtes Schlusswort. Ihr könnt es euch hier als Videobeitrag ansehen, ich möchte es aber auch gerne hier einmal zitieren:

„The world is like a ride in an amusement park, and when you choose to go on it you think it’s real because that’s how powerful our minds are. The ride goes up and down, around and around, it has thrills and chills, and it’s very brightly colored, and it’s very loud, and it’s fun for a while. Some people have been on the ride a long time, and they begin to question, „Hey, is this real, or is this just a ride?“ And other people have remembered, and they come back to us and say, „Hey, don’t worry; don’t be afraid, ever, because this is just a ride.“ And we … kill those people. „Shut him up! I’ve got a lot invested in this ride, shut him up! Look at my furrows of worry, look at my big bank account, and my family. This has to be real.“ It’s just a ride. But we always kill the good guys who try and tell us that, you ever notice that? And let the demons run amok … But it doesn’t matter, because it’s just a ride. And we can change it any time we want. It’s only a choice. No effort, no work, no job, no savings of money. Just a simple choice, right now, between fear and love. The eyes of fear want you to put bigger locks on your doors, buy guns, close yourself off. The eyes of love instead see all of us as one. Here’s what we can do to change the world, right now, to a better ride. Take all that money we spend on weapons and defenses each year and instead spend it feeding and clothing and educating the poor of the world, which it would pay for many times over, not one human being excluded, and we could explore space, together, both inner and outer, forever, in peace.“

– Bill Hicks

Wäre er noch am Leben, was würde Bill Hicks wohl zu unserer heutigen Gesellschaft sagen? Ich bin mir sicher, er würde ihre Scheinheiligkeit anprangern, den oberflächlichen Konsum, welcher durch die digitale Revolution nur noch schlimmer geworden ist, immer noch in Frage stellen und mit zynischer Freude auf die angeblichen Probleme der „besorgten Bürger“ eingehen. Man muss Bill Hicks nicht mögen, seine Auftritte waren immer von Vulgarität und Obszönität geprägt. Wer aber erkennt, was hinter diesen drastischen Metaphern sticht und wie gut dieser äußerst belesene Mensch die Gesellschaft seiner Zeit analysiert hat, wird sich womöglich sogar daran erfreuen von Hicks zurück auf den Boden der Tatsachen geholt zu werden. Seine Shows „Sane Man” und „Revelations” sind inzwischen auf Netflix zu sehen und sind defintiv wert, (wieder-)entdeckt zu werden. Definitiv nichts für den „braven Bürger” dem seine heile Welt wichtig ist, aber eine Offenbarung für jeden der über den Schein der Gesellschaft hinaus blicken möchte.

 
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Verfasst von - 30. Oktober 2016 in Gemischtes, Politik

 

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The dance of humanity

The dance of humanity

Heute möchte ich euch in eine experimentelle Form der Lyrik einführen, die in vier verschiedenen Sprachen verfasst ist und mit der ich zeigen möchte, dass die Literatur keinen Grenzen unterliegt und somit auch linguale Unterschiede überwindet. Die Kunst ist keine Errungenschaft der Nationen, sondern der Menschheit.

The dance of humanity

We all breathe in the same sunset,
nur an unterschiedlichen Orten in der Welt.
The colours of the bright horizon,
elles dansent avec nous tous.
Il vento ci abbraccia tutti
und wird zu unserem stillen Gefährten
qui se mêle à cette danse.
Eine Tanzfläche für uns alle
that doesn`t distinguish between
les différentes techniques de danse,
illuminated by the stars
der hereinbrechenden Nacht
qui offrent leur lumière à tous les hommes
e li fa ballare tutti
the dance of humanity.

 

Sophie Aduial

 
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Verfasst von - 16. August 2016 in Literatur

 

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Dichter sein

Was ist die Funktion des Dichters? Über keine andere Frage habe ich während der letzten 3 Jahre wohl so häufig meditiert wie über diese. Nach sorgfältigen Lektüren der größten Werke aus 4 verschiedenen Sprachen und höchst bereichernden Diskussionen mit anderen Literaturfreunden und Dichtern glaube ich eine erste Bilanz ziehen zu können. Die Wahrheit ist ein heißes Eisen und wer sich viel und gerne mit Literatur beschäftigt weiß, dass sie der Liebe an Ambivalenz in nichts nachsteht. Wer liest oder schreibt, sucht die Wahrheit doch ist sich stets bewusst, dass er sie niemals finden wird. Im Gegensatz zu den exakten Wissenschaften will die Literatur keine messbaren, präzisen Resultate präsentieren. Sie entsteht durch das Gefühl, dieses geheimnisvolle „Etwas“ welches sich der rationalen Betrachtung auf ewig entziehen wird. Literatur und Wissenschaft sind keine Gegensätze die sich abstoßen, sie ergänzen sich und wirken komplementär. Während die Wissenschaft es sich zur Aufgabe gemacht hat, Licht in das Dunkel zu bringen, erkundet die Literatur das Wesen der Dunkelheit an sich. Der Dichter ist dieser Forscher, doch viel eher noch würde ich ihn als einen Beobachter bezeichnen. Der Vorwurf vom „Schriftsteller im Elfenbeinturm“ ist nicht neu und doch auch heute noch aktuell. Der Dichter aber muss sich distanzieren, er ist von seiner Natur aus marginalisiert und dies ist zu seinem Vorteil. Vom Rand aus bietet sich ihm ein breiter Blick über die Gesellschaft seiner Zeit. Dabei ist er nicht einmal unbedingt physisch außerhalb derselben, oft nimmt er aktiv an ihr Teil. Etgar Keret stellt in seinem Memoir „Die sieben guten Jahre“ klar:

„Der Schriftsteller ist weder ein Heiliger, noch ein Zadik, noch ein Prophet, der am Tor steht, er ist bloß ein Sünder mehr, der eine etwas schärfere Auffassungsgabe hat und eine etwas präzisere Sprache benützt, um die unbegreifliche Wirklichkeit unserer Welt zu beschreiben.”

Gerade dadurch, dass er „bloß ein Sünder mehr” ist, gelingt es ihm die Mechanismen der Welt in der er sich befindet zu erkennen. Der Dichter ist immer kritisch, immer skeptisch, er hinterfragt alles und jeden und am meisten sich selbst. Der poetische Geist ist Gabe und Fluch zugleich, denn Ruhe oder gar Zufriedenheit wird ein solcher Mensch nicht finden. Der wahre Dichter schreibt um sein Leben. Thomas Mann beschrieb es bereits aufs Vortrefflichste in seiner Novelle „Der Tod in Venedig”, in welcher er die Kunst als „ein erhöhtes Leben” bezeichnet. „Sie beglückt tiefer, sie verzehrt rascher”, für den Künstler gibt es nur das Absolute. Er ist der Spielball seiner Gefühle und es ist seine Aufgabe zu lernen mit ihnen umzugehen. Im Französischen gibt es den Begriff der „béatitude”, der Zustand welcher sich aus Ataraxie und Aponie ergibt, also vollster geistiger und körperlicher Zufriedenheit. Im Deutschen würde man den Begriff am ehesten mit „Glückseligkeit” übersetzen, doch trifft es nicht genau den Sinn seines Französischen Pendants. Auf jeden Fall ist dieser Zustand für den Dichter nicht erreichbar. Er ist von Natur aus ein innerlich zerrissener Charakter, gefangen im ewigen Gegensatz seiner „zwei Seelen”, zwischen „Spleen” und „Ideal”, zwischen Apoll und Dionysos. All dies klingt nicht gerade heiter und könnte zu dem Trugschluss verleiten, der Dichter sei zu einer jämmerlichen Existenz voller Leiden verurteilt. Doch weit gefehlt. Es ist die Literatur die dem Dichter diese komplexe Persönlichkeit auferlegt, es ist die Literatur die ihn an den Rand drängt, doch es ist auch die Literatur die ihn von seiner eigenen Last befreit. Der französische Schriftsteller Marcel Proust bringt es in seinem Jahrhundertwerk „À la recherche du temps perdu” auf den Punkt:

„La vraie vie, […] c’est la littérature”

(übersetzt: „Das wahre Leben, [..] ist die Literatur”)

Denn auch wenn der künstlerische Geist auf ewig in unserer materiellen Realität zu ziellosem Streben nach mehr verurteilt ist, so findet er seine Erfüllung in der Literatur. Der Fehler von Gustave Flauberts Heldin Emma Bovary war, dass sie versucht hat, ihre romantischen Träume in die Realität zu übertragen. Doch was in die Realität übertragen wird, ist ohne Ausnahme zur Vergänglichkeit verurteilt. Die Gefahr der Romantik lag und liegt immer noch in der Schaffung einer Welt der Illusionen die scheinbar der Wirklichkeit entspricht, doch tatsächlich nur in der künstlerischen Phantasie existiert. Der große Fehler Emma Bovarys war so der Versuch, die idealisierte Welt des Künstlers in der Wirklichkeit zu suchen. Der Dichter hingegen agiert umgekehrt: er beobachtet seine Umwelt, destilliert aus ihr die Essenz hinter dem Schein, verdichtet sie in der künstlerischen Form der Lyrik und erhebt sie so auf eine intellektuelle Ebene. Die Literatur übernimmt dabei die Rolle eines Prismas. Kein Spiegel, denn niemals ist sie eine bloße Abbildung oder eine schwache Reflexion der Realität, vielmehr bricht sie den Schein der Welt und offenbart ihre einzelnen Bestandteile. Der Dichter ist ein Beobachter seines Umfelds und seiner selbst, sein Werkzeug ist das Gefühl und seine Werkbank die Literatur. Dichter sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Man arbeitet sein Leben lang und findet in der Literatur Start, Mittel und Ziel. Sie bietet einem die höchsten Freuden und die tiefste Traurigkeit, doch kann man sich immer Gewiss sein, dass sie einem zugleich die breiteste menschenmögliche Erfahrung der Welt bietet.

 
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Verfasst von - 12. Juni 2016 in Literatur

 

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Schlaflied

Schlaflied

Heute möchte ich mit euch ein Gedicht über die Nacht teilen, die für mich stets eine Quelle der Inspiration gewesen ist und der Welt, durch den Zauber den sie versprüht, ein anderes Gesicht verleiht.

 

Schlaflied

Nun tauche in die Nacht hinein

und lasse sie Spiegel deiner Seele sein.

Lass ruhen nun die Welt,

auf dass alles Bindende fällt.

 

Wenn die Worte dich umfließen

werden sie dir sanft offenbaren,

welch weite Welt sie erschließen,

deren Schlüssel sie sicher verwahren.

 

Über ein Netz dicht gesponnen,

dessen Fäden aus Sternen geronnen,

werden sie dich sicher führen

zu der Nacht offenen Türen.

 

Deine Seele wird sich erkennen

in deiner Träumereien Weiten.

Doch wird die Dämmerung sie trennen,

nachdem nächtliche Worte sie befreiten.

 

 

Sophie Aduial

 

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Teppich (Teil 2 – ENDE)

Teppich (Teil 2 – ENDE)

Heute veröffentliche ich den zweiten und letzten Teil der Geschichte „Teppich“, die Geschichte eines Schriftstellers in einer Schaffenskrise.

 

 

Die Geräuschkulisse der Stadt drang zu ihm herauf, doch dauerte es einige Augenblicke, bis er vermochte, die Solisten dieses Konzertes voneinander zu unterscheiden. Ein kleiner Vogel streifte sein Blickfeld und seine Augen folgten ihm nachdenklich. Erneut ergriff ihn die schmerzliche Sehnsucht nach Freiheit, danach, aus den Mauern auszubrechen, in denen seine Gedanken gefangen waren und zu neuen Horizonten aufzubrechen. Je stärker diese Sehnsucht in ihm hochstieg, desto mehr verspürte er den Drang, diesem Zimmer, dem Ort seines Scheiterns zu entfliehen. Er wandte seine Schritte zur Tür, mit dem Vorhaben, sich wieder an dem geschäftigen Treiben des Lebens zu beteiligen.

Als er über die Schwelle hinaus trat, atmete er tief durch und spürte, wie seine Brust sich weitete. Tausend Eindrücke drangen auf ihn ein, längst vergessen und doch vertraut. Er nahm die Farben und Geräusche wahr, die ihn umgaben sowie den Duft des milden Frühlingstags. Gegen seine Erwartung löste all dies ein leises, fröhliches Gefühl des Wiederentdeckens in ihm aus, anstatt des erwarteten Befremdens. Doch ging mit diesen Eindrücken auch das Bewusstsein einher, dass er aufs Neue lernen musste, das Leben in all seiner Fülle wahrzunehmen. Zu lange hatte er sich seiner Szenerie entzogen und ihr keine Beachtung geschenkt. Er erinnerte sich des Parks, sein ehemaliger Hort des Entfliehens, wo er sich stets in die Ferne geträumt hatte und es ihm gelungen war seine alltäglichen Sorgen zu vergessen. So beschloss er denn, seine Schritte in jene Richtung zu lenken. Die Sonne schien ihm ins Gesicht, als seine Füße ihn umhertrugen, durch eine Welt, die untrennbar mit dem Leben verbunden war und in der er doch so lange abwesend gewesen war. Ihm war, als ob er langsam aus einer Trance erwachen würde und sich somit seinen Augen noch nicht alles in seiner vollständigen Form präsentieren würde. Doch je weiter er fortschritt, umso mehr wurde der Schleier gelüftet. Langsam wurde er wieder empfänglich für die Farben dessen, was sich um ihn herum abspielte, für seine Formen und er spürte wie das Leben ihn mit offenen Armen empfing, als er aus seinem Traum erwachte und sich inmitten jener Elemente widerfand, aus denen es zusammengesetzt ist. Er begegnete den Helden des Alltags, die dem Leben seine Form verleihen, von der Sonne auf seinem Gesicht über den Duft des Frühlingstages, der die Luft erfüllte bis zu den Gesprächsfetzen, die an ihm vorbeischwappten.

Als er so voller Staunen durch die Straßen wandelte, kam er an einem Zeitungshändler vorbei. Schmerzlich musste er dem Bewusstsein Einlass gewähren, dass keine einzige der Schlagzeilen ihm vertraut war. Zu lange hatte er den Ereignissen in der Welt keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt, zu tief sich in seine eigne Welt vergraben. Er hatte sich aus der Literatur einen herrlichen Palast errichtet, mit einem wunderschönen Garten, doch hatte er die Türen verschlossen und somit wurde er der Gefangene all dieser Herrlichkeit. Er war dem Anblick der stets gleichen Einrichtung entwachsen und seine Augen verlangte es nach neuen Eindrücken. Sein Quell der Inspiration war unter der stetig wachsenden Staubschicht versiegt.

So blieb er denn stehen um sich eine Zeitung zuzulegen und gewahr zu werden, welche Veränderungen sich in der Welt in der schließlich auch er umherwandelte, vollzogen hatten. Das Lächeln und die freundlichen Worte, die der Verkäufer ihm widmete, riefen ein seltsames Gefühl in ihm hervor, denn so lange hatte er sich der menschlichen Interaktion enthalten. Doch zugleich breitete sich ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht aus. Sein Weg zurück zum Zentrum des Gemäldes des Lebens wurde mit jedem Schritt fester und ebener und die Pflastersteine wichen einem gut begehbaren Weg. Wie hatte er glauben können, dass seine literarische Existenz sich am Rande des Gemäldes abspielen könnte? Wenn sie auch auf verschlungenen Pfaden zum Rande führt und darüber hinaus, so findet sie doch ihre Anfänge mitten im Gewirr der Farben, die ihr ihre Konsistenz einflößen.

Als er den Park erreichte und es ruhiger um ihn wurde, blieb er erneut stehen, die Zeitung noch in der Hand. Er atmete tief durch und sog begierig das ihn umhüllende Parfum der Welt ein. Er schloss die Augen und hüllte sich in den Umhang, das die von leisen Geräuschen unterbrochene Stille für ihn wob. Alle seine Sinne schmiegten sich in diesen Umhang und ihm wurde bewusst, welcher Taubheit ein Sehender ausgesetzt ist. Als er, den Kopf nach hinten geneigt, die Augen öffnete, wurde er von Staunen erfüllt, dass über alldem ein blauer Himmel stand, der dieses Wunder umriss. Ihm war, als sähe er diese Kulisse, die der Welt ihre Begrenzung aufzeigt und zugleich ein Wegweiser in die Freiheit ist, zum ersten Mal in seinem Leben. Weitere längst vergessene Empfindungen durchströmten ihn, die später die Gestalt von Worten annehmen und den Grundstein für seine Werke legen würden. Er wusste nun, dass das Garn mit dem er webte, nur auf diese Weise entstehen konnte, denn entsprang er selbst, so wie alle großen Weber vor ihm, dem ewigen Kunstwerk des Lebens. Kein Teppich kann losgelöst von der Vielfältigkeit und der abstrakten Klarheit dieses Werkes gewebt werden, denn es ist der Webstuhl aller großen und bewegenden Werke.

 

Sophie Aduial

 
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Verfasst von - 20. April 2016 in Allgemein, Literatur

 

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Teppich (Teil 1)

In meinem ersten Blogeintrag möchte ich mit euch eine Geschichte teilen, in der ich versuche einzufangen, wie ich das Wesen der Literatur und des Schreibens wahrnehme und wie sie zum Spiegelbild des Charakters und der Entwicklung eines Menschen werden können. Ich werde die Geschichte in zwei Teilen publizieren, die Fortsetzung folgt am 20. April.

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Langsam hob er den Blick von dem vor ihm liegenden Blatt Papier, das darauf wartete, die ihm von seiner Feder eingeflößten Wörter in sich aufzunehmen, bereit, sich in die Kulisse prachtvoller und überschwänglicher Ereignisse zu verwandeln, oder doch stille und melancholische Szenen zu erwecken. Doch welche Rolle er ihm auch zugedacht haben mochte, es würde das ihm Anvertraute sicher verwahren. Doch vorerst offenbarte sich seinen Augen nur eine verachtende Leere, in deren Adern keine Tinte pulsierte, sondern ein tiefer Abgrund sich aufzutun schien, ihn wegen seines Scheiterns verspottend. Vergeblich wartete er seit einiger Zeit auf der Muse Kuss, der Quell seiner Inspiration schien versiegt. Der Moment, in dem sich die Welt ihm von ihren Grenzen freigelegt präsentierte und er eintauchte in die von den Gesetzen der Zeit losgelöste Spiritualität des Universums, blieb ihm verwehrt. Doch war er nicht bereit den Kampf aufzugeben, denn es verlangte ihn, die Dinge von ihrem irdischen Zwang befreit zu betrachten. Ihm entfuhr ein Seufzer und in seinen tiefen, strengblickenden grauen Augen stand eine entnervte Verzweiflung, jedoch auch Kampfeswille.
Er hatte ein Stück seines Garns in den literarischen Teppich, der in sämtlichen Farben schillert und durch den sich die unterschiedlichsten Muster ziehen, hineinverwebt, war aber immer kritischer geworden, was die Qualität seines Garns und des so entstandenen Werkes anbelangte. Er wollte sein Garn jedoch noch nicht aufgebraucht sehen und versuchte denn weiter zu weben, doch schien ihm inzwischen kein Muster mehr komplex und keine Farbe nuanciert und subtil genug.
Er erhob sich aus seinem Stuhl und drehte sich von seinem Schreibtisch, der Stätte seines künstlerischen Schaffens, weg zu seinen Bücherregalen, die das gesamte Zimmer tapezierten. Mit einem Funkeln in den Augen betrachtete er diese für die Ewigkeit geschaffenen Meisterwerke, die sein Leben geprägt und ihn stets geleitet hatten. Diese Regale beherbergten Erinnerungen an prachtvolle Reisen, gewaltige Landschaften und süße Abenteuer des Gefühls, die für ihn den grauen Schleier, von dem die Welt zuweilen umgeben scheint, gelüftet und ihm die schillernde Farbenpracht ihres wahren Gewandes offenbart hatten.
Doch auch die Zeugen vergangener Lebensgefühle fanden sich in ihnen, die Autoren der Wesenszüge, die einst seinen Geist geziert hatten. In jungen Jahren hatte sein Herz für Hesse und Rilke geschlagen. Er hatte sich mit Hesses Darstellungen des sensiblen und einsamen Daseins des Künstlers identifiziert, das er am Rand der Gesellschaft fristet, sowie mit Ehrfurcht Rilkes melodiöse und tiefe Verse gelesen, die den stillen Nebendarstellern des Lebens eine größere Bedeutung zusprechen, als jene, die sie oft erfahren. Ebenso hatte die Welt der Romantik ihn stets mit offenen Armen empfangen, wenn er in ihr die Flucht aus dem Alltag suchte. Sein gesellschaftliches Vorbild hatte er in Friedrich Dürrenmatt gesehen, dessen Werke es der Gesellschaft nicht erlauben, sich dem Blick in den Spiegel zu entziehen. Doch nicht nur in der deutschen Literatur war er zu Hause, sondern auch eine große Affinität zu ihrer französischen Schwester zeichnete ihn aus. Mit Genuss hatte er sich Victor Hugos Werk gewidmet, sowie der Lektüre der Romane von Albert Camus. Er liebte Baudelaires bildreiche Sprache und die klangvolle Fülle des Meisters der Musikalität, Verlaine, schaffte es stets ihm eine große Bewunderung abzuringen. Sie waren die Werke jener Helden, die einst die literarische Welt erschüttert hatten.
Eine ebenso bedeutende Präsenz in seiner Erinnerung nahmen die Anfänge seiner eigenen literarischen Tätigkeit ein. Er gedachte des unvergleichlichen Gefühls, das stets das Zusammenstellen seiner Texte begleitet hatte, wenn die Tinte des Stiftes, den seine Hand damals so sicher über das Blatt geführt hatte, dem Papier sein Blut, seine Gedanken, seine Seele eingeflossen hatte und der Stift zu seiner Stimme ward. Das Schreiben hatte für ihn das Entfliehen vor der Welt bedeutet, das Erschaffen von Leben, das ihm erlaubt hatte, sich in seiner inneren Welt zurecht zu finden und dabei doch das Leben nicht aus den Augen zu verlieren. Diesen Exkursionen war stets ein Gefühl der Leichtigkeit vorausgegangen, die Worte waren ihm zugeströmt und ihm hatten diese leichten Skizzen genügt, anstatt nach einer vollendeten Form seiner Wortmalereien zu streben. Doch hatte nach und nach eine große Bewunderung für Thomas Manns keinen Fehltritt erlaubende, gemeißelte Perfektion der formvollendeten Sprache sowie für die Künstler des Parnasse von ihm Besitz ergriffen, welche maßgeblich sein künstlerisches Selbstverständnis geprägt hatten. Ein für ihn unübertroffenes Werk, das größte sämtlicher je Geschaffenen, war zudem Goethes Faust, den er als Sinnbild des idealen menschlichen Strebens sah.
Während er noch vor seinen Erinnerungen stand, wanderten seine Augen suchend durch den Raum, jedoch wohlwissend, dass das Objekt seiner Begierde, ein seines künstlerischen Schaffens würdiger Vers, sich ihm in keiner materiellen Form präsentieren würde, konnte er doch nur aus ihm selbst entstammen. Sein Blick streifte die zugezogenen Vorhänge, die den Blick nach draußen verbargen, denn er tolerierte keine Ablenkung durch des Lebens banale Vorgänge. Er war überzeugt, dass der Quell seiner Inspiration seinem Inneren entsprang, hatte die Natur ihn doch zum Künstler auserwählt und ihm somit den Auftrag gegeben, in dieser niederen und vulgären Welt, in deren Rahmen das menschliche Leben sich abspielt, Schönheit zu erschaffen und ihr somit die Maske der Ästhetik aufzusetzen. So konnte denn auch jede ihm von der Außenwelt eingeflößte Idee nur die Banalisierung seiner Muster und das Verblassen seiner Farben bedeuten.
So setzte er sich denn wieder an seinen Schreibtisch, in dem Versuch, seiner Kreativität doch noch einige Ideen abzuringen, doch konnte er den Blick nicht länger verschließen vor der Leere, die sich seiner bemächtigt hatte. Sein Innerstes war ausgelaugt und die Welt der stillen Musik hatte sich ihm verschlossen. Wutentbrannt warf er den Stift zur Seite und fuhr aus seinem Stuhl hoch. Plötzlich wurde er sich der Notwendigkeit bewusst, der Begrenzung, der er sich durch das Zimmer ausgesetzt sah, zu entfliehen und hastete zum Fenster, um die Vorhänge beiseite zu ziehen. Er öffnete das Fenster, damit frische Luft die Enge seiner Gedanken zerstreuen könne und blinzelte in das sanfte Sonnenlicht hinein, dessen Wärme, wie ihm schlagartig bewusst wurde, er schmerzlich vermisst hatte.

Sophie Aduial

 
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Verfasst von - 12. April 2016 in Allgemein, Literatur

 

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