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Teppich (Teil 2 – ENDE)

20 Apr
Teppich (Teil 2 – ENDE)

Heute veröffentliche ich den zweiten und letzten Teil der Geschichte „Teppich“, die Geschichte eines Schriftstellers in einer Schaffenskrise.

 

 

Die Geräuschkulisse der Stadt drang zu ihm herauf, doch dauerte es einige Augenblicke, bis er vermochte, die Solisten dieses Konzertes voneinander zu unterscheiden. Ein kleiner Vogel streifte sein Blickfeld und seine Augen folgten ihm nachdenklich. Erneut ergriff ihn die schmerzliche Sehnsucht nach Freiheit, danach, aus den Mauern auszubrechen, in denen seine Gedanken gefangen waren und zu neuen Horizonten aufzubrechen. Je stärker diese Sehnsucht in ihm hochstieg, desto mehr verspürte er den Drang, diesem Zimmer, dem Ort seines Scheiterns zu entfliehen. Er wandte seine Schritte zur Tür, mit dem Vorhaben, sich wieder an dem geschäftigen Treiben des Lebens zu beteiligen.

Als er über die Schwelle hinaus trat, atmete er tief durch und spürte, wie seine Brust sich weitete. Tausend Eindrücke drangen auf ihn ein, längst vergessen und doch vertraut. Er nahm die Farben und Geräusche wahr, die ihn umgaben sowie den Duft des milden Frühlingstags. Gegen seine Erwartung löste all dies ein leises, fröhliches Gefühl des Wiederentdeckens in ihm aus, anstatt des erwarteten Befremdens. Doch ging mit diesen Eindrücken auch das Bewusstsein einher, dass er aufs Neue lernen musste, das Leben in all seiner Fülle wahrzunehmen. Zu lange hatte er sich seiner Szenerie entzogen und ihr keine Beachtung geschenkt. Er erinnerte sich des Parks, sein ehemaliger Hort des Entfliehens, wo er sich stets in die Ferne geträumt hatte und es ihm gelungen war seine alltäglichen Sorgen zu vergessen. So beschloss er denn, seine Schritte in jene Richtung zu lenken. Die Sonne schien ihm ins Gesicht, als seine Füße ihn umhertrugen, durch eine Welt, die untrennbar mit dem Leben verbunden war und in der er doch so lange abwesend gewesen war. Ihm war, als ob er langsam aus einer Trance erwachen würde und sich somit seinen Augen noch nicht alles in seiner vollständigen Form präsentieren würde. Doch je weiter er fortschritt, umso mehr wurde der Schleier gelüftet. Langsam wurde er wieder empfänglich für die Farben dessen, was sich um ihn herum abspielte, für seine Formen und er spürte wie das Leben ihn mit offenen Armen empfing, als er aus seinem Traum erwachte und sich inmitten jener Elemente widerfand, aus denen es zusammengesetzt ist. Er begegnete den Helden des Alltags, die dem Leben seine Form verleihen, von der Sonne auf seinem Gesicht über den Duft des Frühlingstages, der die Luft erfüllte bis zu den Gesprächsfetzen, die an ihm vorbeischwappten.

Als er so voller Staunen durch die Straßen wandelte, kam er an einem Zeitungshändler vorbei. Schmerzlich musste er dem Bewusstsein Einlass gewähren, dass keine einzige der Schlagzeilen ihm vertraut war. Zu lange hatte er den Ereignissen in der Welt keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt, zu tief sich in seine eigne Welt vergraben. Er hatte sich aus der Literatur einen herrlichen Palast errichtet, mit einem wunderschönen Garten, doch hatte er die Türen verschlossen und somit wurde er der Gefangene all dieser Herrlichkeit. Er war dem Anblick der stets gleichen Einrichtung entwachsen und seine Augen verlangte es nach neuen Eindrücken. Sein Quell der Inspiration war unter der stetig wachsenden Staubschicht versiegt.

So blieb er denn stehen um sich eine Zeitung zuzulegen und gewahr zu werden, welche Veränderungen sich in der Welt in der schließlich auch er umherwandelte, vollzogen hatten. Das Lächeln und die freundlichen Worte, die der Verkäufer ihm widmete, riefen ein seltsames Gefühl in ihm hervor, denn so lange hatte er sich der menschlichen Interaktion enthalten. Doch zugleich breitete sich ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht aus. Sein Weg zurück zum Zentrum des Gemäldes des Lebens wurde mit jedem Schritt fester und ebener und die Pflastersteine wichen einem gut begehbaren Weg. Wie hatte er glauben können, dass seine literarische Existenz sich am Rande des Gemäldes abspielen könnte? Wenn sie auch auf verschlungenen Pfaden zum Rande führt und darüber hinaus, so findet sie doch ihre Anfänge mitten im Gewirr der Farben, die ihr ihre Konsistenz einflößen.

Als er den Park erreichte und es ruhiger um ihn wurde, blieb er erneut stehen, die Zeitung noch in der Hand. Er atmete tief durch und sog begierig das ihn umhüllende Parfum der Welt ein. Er schloss die Augen und hüllte sich in den Umhang, das die von leisen Geräuschen unterbrochene Stille für ihn wob. Alle seine Sinne schmiegten sich in diesen Umhang und ihm wurde bewusst, welcher Taubheit ein Sehender ausgesetzt ist. Als er, den Kopf nach hinten geneigt, die Augen öffnete, wurde er von Staunen erfüllt, dass über alldem ein blauer Himmel stand, der dieses Wunder umriss. Ihm war, als sähe er diese Kulisse, die der Welt ihre Begrenzung aufzeigt und zugleich ein Wegweiser in die Freiheit ist, zum ersten Mal in seinem Leben. Weitere längst vergessene Empfindungen durchströmten ihn, die später die Gestalt von Worten annehmen und den Grundstein für seine Werke legen würden. Er wusste nun, dass das Garn mit dem er webte, nur auf diese Weise entstehen konnte, denn entsprang er selbst, so wie alle großen Weber vor ihm, dem ewigen Kunstwerk des Lebens. Kein Teppich kann losgelöst von der Vielfältigkeit und der abstrakten Klarheit dieses Werkes gewebt werden, denn es ist der Webstuhl aller großen und bewegenden Werke.

 

Sophie Aduial

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Verfasst von - 20. April 2016 in Allgemein, Literatur

 

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