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Teppich (Teil 2 – ENDE)

Teppich (Teil 2 – ENDE)

Heute veröffentliche ich den zweiten und letzten Teil der Geschichte „Teppich“, die Geschichte eines Schriftstellers in einer Schaffenskrise.

 

 

Die Geräuschkulisse der Stadt drang zu ihm herauf, doch dauerte es einige Augenblicke, bis er vermochte, die Solisten dieses Konzertes voneinander zu unterscheiden. Ein kleiner Vogel streifte sein Blickfeld und seine Augen folgten ihm nachdenklich. Erneut ergriff ihn die schmerzliche Sehnsucht nach Freiheit, danach, aus den Mauern auszubrechen, in denen seine Gedanken gefangen waren und zu neuen Horizonten aufzubrechen. Je stärker diese Sehnsucht in ihm hochstieg, desto mehr verspürte er den Drang, diesem Zimmer, dem Ort seines Scheiterns zu entfliehen. Er wandte seine Schritte zur Tür, mit dem Vorhaben, sich wieder an dem geschäftigen Treiben des Lebens zu beteiligen.

Als er über die Schwelle hinaus trat, atmete er tief durch und spürte, wie seine Brust sich weitete. Tausend Eindrücke drangen auf ihn ein, längst vergessen und doch vertraut. Er nahm die Farben und Geräusche wahr, die ihn umgaben sowie den Duft des milden Frühlingstags. Gegen seine Erwartung löste all dies ein leises, fröhliches Gefühl des Wiederentdeckens in ihm aus, anstatt des erwarteten Befremdens. Doch ging mit diesen Eindrücken auch das Bewusstsein einher, dass er aufs Neue lernen musste, das Leben in all seiner Fülle wahrzunehmen. Zu lange hatte er sich seiner Szenerie entzogen und ihr keine Beachtung geschenkt. Er erinnerte sich des Parks, sein ehemaliger Hort des Entfliehens, wo er sich stets in die Ferne geträumt hatte und es ihm gelungen war seine alltäglichen Sorgen zu vergessen. So beschloss er denn, seine Schritte in jene Richtung zu lenken. Die Sonne schien ihm ins Gesicht, als seine Füße ihn umhertrugen, durch eine Welt, die untrennbar mit dem Leben verbunden war und in der er doch so lange abwesend gewesen war. Ihm war, als ob er langsam aus einer Trance erwachen würde und sich somit seinen Augen noch nicht alles in seiner vollständigen Form präsentieren würde. Doch je weiter er fortschritt, umso mehr wurde der Schleier gelüftet. Langsam wurde er wieder empfänglich für die Farben dessen, was sich um ihn herum abspielte, für seine Formen und er spürte wie das Leben ihn mit offenen Armen empfing, als er aus seinem Traum erwachte und sich inmitten jener Elemente widerfand, aus denen es zusammengesetzt ist. Er begegnete den Helden des Alltags, die dem Leben seine Form verleihen, von der Sonne auf seinem Gesicht über den Duft des Frühlingstages, der die Luft erfüllte bis zu den Gesprächsfetzen, die an ihm vorbeischwappten.

Als er so voller Staunen durch die Straßen wandelte, kam er an einem Zeitungshändler vorbei. Schmerzlich musste er dem Bewusstsein Einlass gewähren, dass keine einzige der Schlagzeilen ihm vertraut war. Zu lange hatte er den Ereignissen in der Welt keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt, zu tief sich in seine eigne Welt vergraben. Er hatte sich aus der Literatur einen herrlichen Palast errichtet, mit einem wunderschönen Garten, doch hatte er die Türen verschlossen und somit wurde er der Gefangene all dieser Herrlichkeit. Er war dem Anblick der stets gleichen Einrichtung entwachsen und seine Augen verlangte es nach neuen Eindrücken. Sein Quell der Inspiration war unter der stetig wachsenden Staubschicht versiegt.

So blieb er denn stehen um sich eine Zeitung zuzulegen und gewahr zu werden, welche Veränderungen sich in der Welt in der schließlich auch er umherwandelte, vollzogen hatten. Das Lächeln und die freundlichen Worte, die der Verkäufer ihm widmete, riefen ein seltsames Gefühl in ihm hervor, denn so lange hatte er sich der menschlichen Interaktion enthalten. Doch zugleich breitete sich ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht aus. Sein Weg zurück zum Zentrum des Gemäldes des Lebens wurde mit jedem Schritt fester und ebener und die Pflastersteine wichen einem gut begehbaren Weg. Wie hatte er glauben können, dass seine literarische Existenz sich am Rande des Gemäldes abspielen könnte? Wenn sie auch auf verschlungenen Pfaden zum Rande führt und darüber hinaus, so findet sie doch ihre Anfänge mitten im Gewirr der Farben, die ihr ihre Konsistenz einflößen.

Als er den Park erreichte und es ruhiger um ihn wurde, blieb er erneut stehen, die Zeitung noch in der Hand. Er atmete tief durch und sog begierig das ihn umhüllende Parfum der Welt ein. Er schloss die Augen und hüllte sich in den Umhang, das die von leisen Geräuschen unterbrochene Stille für ihn wob. Alle seine Sinne schmiegten sich in diesen Umhang und ihm wurde bewusst, welcher Taubheit ein Sehender ausgesetzt ist. Als er, den Kopf nach hinten geneigt, die Augen öffnete, wurde er von Staunen erfüllt, dass über alldem ein blauer Himmel stand, der dieses Wunder umriss. Ihm war, als sähe er diese Kulisse, die der Welt ihre Begrenzung aufzeigt und zugleich ein Wegweiser in die Freiheit ist, zum ersten Mal in seinem Leben. Weitere längst vergessene Empfindungen durchströmten ihn, die später die Gestalt von Worten annehmen und den Grundstein für seine Werke legen würden. Er wusste nun, dass das Garn mit dem er webte, nur auf diese Weise entstehen konnte, denn entsprang er selbst, so wie alle großen Weber vor ihm, dem ewigen Kunstwerk des Lebens. Kein Teppich kann losgelöst von der Vielfältigkeit und der abstrakten Klarheit dieses Werkes gewebt werden, denn es ist der Webstuhl aller großen und bewegenden Werke.

 

Sophie Aduial

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Verfasst von - 20. April 2016 in Allgemein, Literatur

 

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Teppich (Teil 1)

In meinem ersten Blogeintrag möchte ich mit euch eine Geschichte teilen, in der ich versuche einzufangen, wie ich das Wesen der Literatur und des Schreibens wahrnehme und wie sie zum Spiegelbild des Charakters und der Entwicklung eines Menschen werden können. Ich werde die Geschichte in zwei Teilen publizieren, die Fortsetzung folgt am 20. April.

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Langsam hob er den Blick von dem vor ihm liegenden Blatt Papier, das darauf wartete, die ihm von seiner Feder eingeflößten Wörter in sich aufzunehmen, bereit, sich in die Kulisse prachtvoller und überschwänglicher Ereignisse zu verwandeln, oder doch stille und melancholische Szenen zu erwecken. Doch welche Rolle er ihm auch zugedacht haben mochte, es würde das ihm Anvertraute sicher verwahren. Doch vorerst offenbarte sich seinen Augen nur eine verachtende Leere, in deren Adern keine Tinte pulsierte, sondern ein tiefer Abgrund sich aufzutun schien, ihn wegen seines Scheiterns verspottend. Vergeblich wartete er seit einiger Zeit auf der Muse Kuss, der Quell seiner Inspiration schien versiegt. Der Moment, in dem sich die Welt ihm von ihren Grenzen freigelegt präsentierte und er eintauchte in die von den Gesetzen der Zeit losgelöste Spiritualität des Universums, blieb ihm verwehrt. Doch war er nicht bereit den Kampf aufzugeben, denn es verlangte ihn, die Dinge von ihrem irdischen Zwang befreit zu betrachten. Ihm entfuhr ein Seufzer und in seinen tiefen, strengblickenden grauen Augen stand eine entnervte Verzweiflung, jedoch auch Kampfeswille.
Er hatte ein Stück seines Garns in den literarischen Teppich, der in sämtlichen Farben schillert und durch den sich die unterschiedlichsten Muster ziehen, hineinverwebt, war aber immer kritischer geworden, was die Qualität seines Garns und des so entstandenen Werkes anbelangte. Er wollte sein Garn jedoch noch nicht aufgebraucht sehen und versuchte denn weiter zu weben, doch schien ihm inzwischen kein Muster mehr komplex und keine Farbe nuanciert und subtil genug.
Er erhob sich aus seinem Stuhl und drehte sich von seinem Schreibtisch, der Stätte seines künstlerischen Schaffens, weg zu seinen Bücherregalen, die das gesamte Zimmer tapezierten. Mit einem Funkeln in den Augen betrachtete er diese für die Ewigkeit geschaffenen Meisterwerke, die sein Leben geprägt und ihn stets geleitet hatten. Diese Regale beherbergten Erinnerungen an prachtvolle Reisen, gewaltige Landschaften und süße Abenteuer des Gefühls, die für ihn den grauen Schleier, von dem die Welt zuweilen umgeben scheint, gelüftet und ihm die schillernde Farbenpracht ihres wahren Gewandes offenbart hatten.
Doch auch die Zeugen vergangener Lebensgefühle fanden sich in ihnen, die Autoren der Wesenszüge, die einst seinen Geist geziert hatten. In jungen Jahren hatte sein Herz für Hesse und Rilke geschlagen. Er hatte sich mit Hesses Darstellungen des sensiblen und einsamen Daseins des Künstlers identifiziert, das er am Rand der Gesellschaft fristet, sowie mit Ehrfurcht Rilkes melodiöse und tiefe Verse gelesen, die den stillen Nebendarstellern des Lebens eine größere Bedeutung zusprechen, als jene, die sie oft erfahren. Ebenso hatte die Welt der Romantik ihn stets mit offenen Armen empfangen, wenn er in ihr die Flucht aus dem Alltag suchte. Sein gesellschaftliches Vorbild hatte er in Friedrich Dürrenmatt gesehen, dessen Werke es der Gesellschaft nicht erlauben, sich dem Blick in den Spiegel zu entziehen. Doch nicht nur in der deutschen Literatur war er zu Hause, sondern auch eine große Affinität zu ihrer französischen Schwester zeichnete ihn aus. Mit Genuss hatte er sich Victor Hugos Werk gewidmet, sowie der Lektüre der Romane von Albert Camus. Er liebte Baudelaires bildreiche Sprache und die klangvolle Fülle des Meisters der Musikalität, Verlaine, schaffte es stets ihm eine große Bewunderung abzuringen. Sie waren die Werke jener Helden, die einst die literarische Welt erschüttert hatten.
Eine ebenso bedeutende Präsenz in seiner Erinnerung nahmen die Anfänge seiner eigenen literarischen Tätigkeit ein. Er gedachte des unvergleichlichen Gefühls, das stets das Zusammenstellen seiner Texte begleitet hatte, wenn die Tinte des Stiftes, den seine Hand damals so sicher über das Blatt geführt hatte, dem Papier sein Blut, seine Gedanken, seine Seele eingeflossen hatte und der Stift zu seiner Stimme ward. Das Schreiben hatte für ihn das Entfliehen vor der Welt bedeutet, das Erschaffen von Leben, das ihm erlaubt hatte, sich in seiner inneren Welt zurecht zu finden und dabei doch das Leben nicht aus den Augen zu verlieren. Diesen Exkursionen war stets ein Gefühl der Leichtigkeit vorausgegangen, die Worte waren ihm zugeströmt und ihm hatten diese leichten Skizzen genügt, anstatt nach einer vollendeten Form seiner Wortmalereien zu streben. Doch hatte nach und nach eine große Bewunderung für Thomas Manns keinen Fehltritt erlaubende, gemeißelte Perfektion der formvollendeten Sprache sowie für die Künstler des Parnasse von ihm Besitz ergriffen, welche maßgeblich sein künstlerisches Selbstverständnis geprägt hatten. Ein für ihn unübertroffenes Werk, das größte sämtlicher je Geschaffenen, war zudem Goethes Faust, den er als Sinnbild des idealen menschlichen Strebens sah.
Während er noch vor seinen Erinnerungen stand, wanderten seine Augen suchend durch den Raum, jedoch wohlwissend, dass das Objekt seiner Begierde, ein seines künstlerischen Schaffens würdiger Vers, sich ihm in keiner materiellen Form präsentieren würde, konnte er doch nur aus ihm selbst entstammen. Sein Blick streifte die zugezogenen Vorhänge, die den Blick nach draußen verbargen, denn er tolerierte keine Ablenkung durch des Lebens banale Vorgänge. Er war überzeugt, dass der Quell seiner Inspiration seinem Inneren entsprang, hatte die Natur ihn doch zum Künstler auserwählt und ihm somit den Auftrag gegeben, in dieser niederen und vulgären Welt, in deren Rahmen das menschliche Leben sich abspielt, Schönheit zu erschaffen und ihr somit die Maske der Ästhetik aufzusetzen. So konnte denn auch jede ihm von der Außenwelt eingeflößte Idee nur die Banalisierung seiner Muster und das Verblassen seiner Farben bedeuten.
So setzte er sich denn wieder an seinen Schreibtisch, in dem Versuch, seiner Kreativität doch noch einige Ideen abzuringen, doch konnte er den Blick nicht länger verschließen vor der Leere, die sich seiner bemächtigt hatte. Sein Innerstes war ausgelaugt und die Welt der stillen Musik hatte sich ihm verschlossen. Wutentbrannt warf er den Stift zur Seite und fuhr aus seinem Stuhl hoch. Plötzlich wurde er sich der Notwendigkeit bewusst, der Begrenzung, der er sich durch das Zimmer ausgesetzt sah, zu entfliehen und hastete zum Fenster, um die Vorhänge beiseite zu ziehen. Er öffnete das Fenster, damit frische Luft die Enge seiner Gedanken zerstreuen könne und blinzelte in das sanfte Sonnenlicht hinein, dessen Wärme, wie ihm schlagartig bewusst wurde, er schmerzlich vermisst hatte.

Sophie Aduial

 
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Verfasst von - 12. April 2016 in Allgemein, Literatur

 

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Malerei ist Sprache für die Augen, Sprache ist Malerei für das Ohr.

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