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„Mondscheinsonette” – Ein Eigenkommentar (Teil 1)

Fast 3 Monate ist es nun schon her, dass mein erster Gedichtband im regulären Buchhandel erschienen ist. Mondscheinsonette stellt von daher ohne Zweifel für mich einen Einschnitt dar, der sich allerdings nicht nur auf die Veröffentlichung in Druckform durch einen Verlag auszeichnet. Nein, dieser Gedichtband hat für mich auch einen Wechsel in meiner Art Lyrik zu schreiben bedeutet. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Eigenkommentar überhaupt schreiben sollte, da ich mich doch grundsätzlich den Ansätzen des großen Marcel Proust anschließe, welcher diese in seinem berühmten Essai «Contre Sainte-Beuve» herausgearbeitet hat; nämlich vor allem, dass die literarische Produktion unabhängig von der Biographie des Autors behandelt und interpretiert werden sollte. Denn wahre literarische Werke existieren für sich, außerhalb der individuellen Sphäre ihres Schaffers. Ich will deshalb für den nun folgenden Kommentar auch keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Er soll vielmehr meinen Gedankengang bei der Schaffung dieses Gedichtbandes beschreiben, was ich mir gedacht habe und wie ich persönlich den von mir verfassten Sonettzyklus sehe und interpretiere. Es wäre nämlich auch falsch den Autor komplett von seinem Werk zu trennen. Auch wenn es ihn zum leben nicht braucht, so ist der Autor doch in jedem Vers präsent und zu finden, ist die Interpretation des Autors dann doch eine welche ausgedrückt werden sollte. Mit diesen Gedanken will ich mich dann nun der Betrachtung meines neuesten Gedichtbandes Mondscheinsonette widmen.

Zu Anfang gilt es erst einmal festzustellen, was bereits im Titel enthalten ist: dieser Gedichtband beinhaltet Sonette. Was dem Literaturfreund und Vielleser vielleicht selbstverständlich ist, stößt bei vielen Gelegenheitsleser zuweilen auf Stutzigkeit. Ich möchte deshalb an dieser Stelle nochmals kurz auf Definition und Geschichte dieser Gedichtform eingehen:

Als Sonett bezeichnet man laut Wikipedia eine Gedichtform bestehend „aus 14 metrisch gegliederten Verszeilen”. Im Kern ist dies dann auch die einzige Voraussetzung, jedes Gedicht welches sich aus genau 14 Versen zusammensetzt, kann also im Prinzip als Sonett bezeichnet werden. Entstanden ist diese Form in Italien, noch heute gilt vielen fälschlicherweise der große fiorentinische Dichter Francesco Petrarca als der Erfinder des Sonetts, dabei reichen seine Ursprünge bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Nicht von der Hand zu weisen ist natürlich die Tatsache, dass Petrarca dem Sonett zu seiner Bekanntheit verholfen hat, unter anderem mit dem monumentalen Canzoniere. Die Bewegung hielt bald Einzug in anderen europäischen Ländern, so etwa in Frankreich, Spanien, Portugal oder auch England, wo es mit Spencer und natürlich Shakespeare unter einer neuen Form, dem „elisabethan sonnet” neue Berühmtheit erlangte. Nach dieser ersten Blütezeit geriet das Sonett erst einmal in Vergessenheit, bis es im späten 18. und dann vor allem im 19. Jahrhundert eine Wiedergeburt erlebte. Die besonders für mich, und damit auch für meinen Gedichtband, entscheidende Phase des Sonetts ereignete sich dabei in Frankreich. Mit dem Erscheinen von Les Fleurs du Mal revolutionierte Charles Baudelaire nicht nur die Lyrik seiner Zeit, er erfand auch das Sonett neu. Klassisch zwar noch immer in der Erscheinung, wurde das Sonett dennoch von ihm, und dann etwas später vor allem auch von Paul Verlaine, „befreit”. Seit dieser Zeit tauchte das Sonett immer mal wieder auf und erweist sich so als eine der langlebigsten Gedichtformen überhaupt, doch für diesen Kommentar genügt es, bei diesen französischen Symbolisten inne zu halten, denn sie sollten mir den kreativen Anstoss zur Schaffung meiner Mondscheinsonette geben.

Sonette also sollten es sein, so viel stand für mich spätestens im Dezember letzten Jahres fest. Eine bewährte Form die ich aber dennoch auf eine bestimmte Art und Weise an unsere Zeit anpassen wollte. Mir kam eine Idee, welche ich zu Anfang jedoch nur bei einem einzigen Gedicht ausprobierte, nämlich bei meinem Sonett „inanitas”: ich bediente mich der in der deutschen zeitgenössischen Lyrik inzwischen etablierten konsequenten Kleinschreibung. Während dies natürlich schon lange keinen mehr schockt, war es für mich ein wichtiger Schritt und sollte dann später, auf Anraten meines Französischlehrers, zum Standart für diesen Gedichtband werden. Doch gehen wir Schritt für Schritt vor.

Der Band öffnet sich mit einem isolierten Gedicht: „musengesang”. Dieses, wie auch das Schlusssonett, unterscheidet sich von den anderen Gedichten, durch seine Form aber auch durch seinen Inhalt. Die Alexandriner dieses Sonetts beinhalten eine euphorische Stimmung, der Dichter, der „Sohn des Apoll” fühlt sich endlich wieder inspiriert und ruft in höchster Freude die Götter des alten Griechenland an, jene welche schon Goethe zu einigen seiner schönsten klassischen Werke inspiriert haben. Trotz der konsequenten Kleinschreibung, welche das Sonett in den Zyklus eingliedert, wirkt es von allen am „klassischsten” und markiert den Anfang einer künstlerischen Schöpfungsphase. Es ist dabei bewusst klassisch gehalten, da es als Anfangsgedicht auch eine Art Hommage an ältere Sonette darstellen soll, dieser wie bereits erwähnt doch sehr langlebigen Gedichtform. Nachfolgend soll sich diese Schöpfungsphase dann in vier Teilen abspielen:

1. früher abend

2. mitternacht

3. tiefste nacht

4. morgengrauen

Die Titel der einzelnen Abschnitte stehen weniger für den realen Verlauf einer einzigen Nacht, als sie vielmehr für lyrische Stimmungsphasen stehen. Ich werde dies nun im Detail für jeden Abschnitt herausarbeiten.

Die Sonette des Abschnitts „früher abend” verbindet eine Aufbruchstimmung. Es ist das Ende des Alltags, die Nacht ist noch nicht hier doch ist sie bereits zum greifen nah. Voll Vorfreude wird in diesen Gedichten einerseits die Befreiung vom Tag (cf. „die nacht ertränkt den verhassten Tag”) und andererseits der Beginn der künstlerisch fruchtbaren Nacht (cf. „seinen dunklen willen, // der zu lange schon im tiefschlaf lag” sowie die „stille macht” und die „stille schönheit”) gefeiert. Der Dichter wie er in diesen Gedichten auftritt ist ein marginalisierter Einzelgänger der sich der großen Masse nicht zugehörig fühlt (cf. das Empfinden als „geisel” der „verlogene[n] stadt”). So wird dann auch in mehreren Gedichten vor allem die Zusammengehörigkeit des lyrischen Ers (zu dieser Besonderheit am Ende mehr) mit der oftmals personifizierten Nacht (cf. besonders „schwarze göttin”, „schwarze schwester”) hervorgehoben. Der Dichter als Teil einer kleinen, ja oftmals sogar auf ein Dreiecksverhältnis zwischen Dichter, Nacht und einer ungenannten dritten Person (lediglich als „sie” einzeln und in der Inklusion mit dem lyrischen Er als „schattenkinder” erwähnt) reduzierten, Gemeinschaft. In diesem Eröffnungsteil stellt die Nacht die kommende Erlösung vom Alltag und seinen Illusionen dar, als Zustand der sehnlichst vom Dichter herbeigesehnt wird.

Doch auch wenn die Nacht diesen Teil definitiv dominiert, ist doch noch ein weiteres Element Ziel einer Bewunderung des lyrischen Ers. Im Sonett „die schwarze perle” ist von der Lagunenstadt Venedig die Rede, leicht erkennbar an den bekannten Verweisen wie etwa der „märchentempel”, die „gondel”, das „acqua alta” oder auch der „kanal”. Die Serenissima erhält in diesem Sonett ähnlich befreiende Eigenschaften wie die Nacht, wird sogar durch den „mond” am Ende mit ihr kombiniert. Deutlich wird in diesem Sonett auch die offenbarende, die Wahrheit offenlegende Kraft sowohl Venedigs als auch der Nacht, betont:

„ein kanal, die ader zur wahrheit

der mond legt das geheime offen.”

So ist denn dieser erste Teil eine Kondensation künstlerischer Vorfreude. Dominierend sind die Gefühle der Hoffnung, der Vorfreude und vor allem auch der Befreiung. Die Gesellschaft wird lediglich am Rande erwähnt und wenn sie genannt wird, dann als ein Ort der Gefangenschaft des lyrischen Ers. Die bis jetzt nur angekündigte künstlerische Befreiung durch die Nacht, setzt dann definitiv mit dem nun folgenden Teil „mitternacht” ein.

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Dies schließt den ersten Teil meines Eigenkommentars. Die Fortsetzung wird nächsten Sonntag erfolgen.


 

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Das Sonntagssonett #6

Bereits in meinem Reisebericht über Venedig habe ich die besondere Schönheit des Sonnenaufgangs erwähnt. Heute möchte ich euch dann auch einen etwas lyrischeren Blick auf diesen ganz besonderen Moment bieten:

 

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Al cuore non si comandi! (Erzählung)

Al cuore non si comandi! (Erzählung)

„Nella vita, se uno vuol capire, capire sul serio, come stanno le cose di questo mondo, deve morire almeno una volta”

„Wer im Leben verstehen will, wirklich verstehen will, wie diese Welt funktioniert, muss mindestens einmal sterben”

aus Giorgio Bassanis „Il giardino dei Finzi-Contini”

Al cuore non si comandi!

Giacomo Visconti wartete. Die kalte Lagune floss langsam zu einem unbestimmten Ziel während er nach dem Vaporetto Ausschau hielt. Er liebte es zu warten. Wenn man auf etwas wartet, besitzt man eine ganz besondere Art der Freiheit. Viele Menschen warten nicht besonders gerne, doch Giacomo Visconti genoss diese Momente während denen er nichts Anderes tun musste als warten. Es waren Augenblicke wie dieser, während denen sich der noch junge Venezianer der Schönheit seiner Stadt bewusst wurde. Venedig hatte nichts von dem leicht bedrohlichen Charakter welcher viele andere Städte begleitete. Die Serenissima schwebte über dem Wasser wie ein Asket in tiefster Meditation und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Über der Stadt lag eine schwer zu erfassende Ruhe, die sämtliche Bewohner zu erfassen schien. In Venedig rasten keine Metallkisten mit stinkenden Verbrennungsmotoren über harte Straßen. Dies war die Stadt der Gondeln und Vaporettos, die sich geschmeidig über die Wasserstraßen bewegten. Es war auch die Stadt der schweigsam lächelnden Venezianer, welche tagtäglich wie Ameisen über die tausend Brücken und Gassen ihrer geheimnisvollen Stadt huschten. Aus all diesen Gründen war das Warten auf den gewünschten Wasserbus eine der vielen willkommenen Denkpausen, welche Venedig einem bot. In Ruhe konnte man über die wirklich wichtigen Dinge im Leben nachdenken, welche im Alltag nur all zu gerne untergehen. Für Giacomo Visconti hingegen gab es sowieso nur einen Gedanken der seinen Geist beherrschte. Dieser Gedanke hörte auf den Namen Sara Menken. Sie wohnte im Haus gegenüber und war Giacomos liebste Person in ganz Venedig. Sie kannten sich bereits länger, ein langer und vor allem beschwipster Abend während des alljährlichen Carnevale hatte sie einander bekannt gemacht, und seitdem trafen sie sich regelmäßig. Ihre Gespräche, oft und gerne am äußeren Rand der San Marco geführt, waren sehr persönlich und doch auch mit einer Leichtigkeit geführt als würde man sich über das Wetter unterhalten. Nichts war gezwungen, nichts war gestellt, Saras Gegenwart erst schien Giacomos Leben seinen Wert zu geben. Doch selbst wenn sie nicht bei ihm war, konnte Giacomo an nichts anderes denken. Ihr galt sein erster Gedanke morgens beim Aufstehen genau so wie sein letzter Gedanke vor der Nachtruhe. Waren sie verabredet, so war ihr Treffen Quelle von kindlich-aufgespielter Vorfreude davor und melancholisch-sehnsuchtsvoller Erinnerung danach. Giacomo fühlte sich ihr so verbunden, dass er selbst ihre Gefühle bis ins absolute Extrem teilte. So kam es denn nicht selten vor, dass wenn Sara traurig war, Giacomo in eine tiefe Depression verfiel, selbst wenn es ihm selbst nicht besser gehen konnte. Genau so war aber auch ein einziges Lachen Saras genug um Giacomo von Grund auf glücklich zu machen. Die Beziehung zwischen Giacomo Visconti und Sara Menken suchte zweifellos ihresgleichen, doch ein Paar waren die Beiden nicht. Ein Umstand, der den verliebten Italiener jeden Tag heimsuchte, doch eine Änderung in naher Zukunft schien unmöglich. Eigentlich war es nur ein Detail, doch dieser einzige Mangel war genug um Giacomo in den Wahnsinn zu treiben. Wahre Einsamkeit kennt nur, wer unerfüllt geliebt hat. Die Liebe ist in dieser Hinsicht eine sehr ambivalente Kraft, gleichzeitig der Ursprung des höchsten und reinsten Glücks und doch auch sadistische Peinigerin der unglücklich Verliebten. Giacomi Visconti war ein Gefühlsmensch und als solcher ihren willkürlichen Launen noch verwundbarer augesetzt. Diese Stagnation war für ihn umso schlimmer, weil sie in heftigstem Widerstand zur Ungezwungenheit seiner Beziehung zu Sara stand. Der innere Sog aus primitiver Wut und Verzweiflung verzehrte täglich seine Kräfte und Giacomo Visconti fürchtete den Tag, den Moment an dem er schlussendlich nachgeben würde. Er dachte oft daran, dass vor einigen Jahren alles noch um einiges einfacher gewesen wäre, doch seit sich der Duce vom deutschen Hampelmann die Rassengesetze hat aufschwatzen lassen, waren Giacomos Hoffnungen endgültig ins Reich der Träume verbannt. Man stelle sich nur einmal vor, der Sohn des fanatischsten Faschisten Venedigs zusammen mit einer Jüdin…

Der eintreffende Vaporetto riss Giacomo aus seinen Gedanken. Einmal an Bord, stellte er mit Bedauern fest, dass draußen leider kein Platz mehr war. Giacomo liebte es, den Fahrtwind im Gesicht zu spüren während der Vaporetto wie ein eiserner Moses das Wasser der pastellgrünen Lagune teilte. Wie oft hatte er schon mit Sara an Deck eines Vaporetto gestanden und mit aufmerksamen Ohren ihren Geschichten gelauscht. Es war eine ihrer gemeinsamen Angewohnheiten, in einen beliebigen Vaporetto zu steigen unwissend wohin er sie bringen würde. Giacomo genoss diese Ausflüge, sie hatten etwas sehr Verbindendes, war es doch im Grunde gleich wo sie ankamen, was zählte war, dass sie den Weg zusammen antraten. Inzwischen wurde Giacomo von einem älteren Herrn relativ forsch zum weitergehen gedrängt und so trat er resigniert aber in voller Akzeptanz der Umstände den Gang ins Innere an. Es war schließlich nicht der letzte Vaporetto den er nehmen würde. Ein einziger Platz war noch frei, neben einer etwas distanziert wirkenden älteren Dame, welche sich scheinbar alle Mühe gab, ihn zu ignorieren. Kaum hatte der Vaporetto Fahrt aufgenommen fiel Giacomo etwas ins Auge. Es war ein Zettel, geklebt auf die Rückseite des Sitzes vor ihm. Auf dem Zettel stand in etwas unleserlicher Schrift ein einzelner Satz:

Al cuore non si comandi!

Dem Herzen befiehlt man nicht. Warum der Autor dieses kurzen Ausrufes das Bedürfnis verspürte, seine Aussage gerade auf der Rückseite dieses einen Sitzes in einem beliebigen Vaporetto in Venedig anzubringen, war Giacomo nicht wirklich klar. Zwar war man vom Vandalismus im öffentlichen Transport Schlimmeres gewohnt, doch etwas rebellisch wirkte dieses Notizblatt nichts desto trotz. Normalerweise beachtete Giacomo diese Kritzeleien überhaupt nicht, doch diese Aussage wirkte wie eine magische Beschwörungsformel auf ihn. Sie hatte etwas Verbotenes an sich und Giacomo ertappte sich selber dabei wie er sich misstrauisch umsah, besorgt, dass ihn jemand beim Lesen beobachten könnte. Er war nicht gerade ein großer Leser, doch glaubte er nun zu wissen, was Sara meinte wenn sie ihm von der Wirkung der Lyrik sprach. Diese Worte, so simpel sie auch waren, brannten sich ihm in seine Augen, drangen direkt in sein Herz ein. Nichts schien ihm je klarer ausgedrückt, noch nie fühlte er sich von geschriebenen Worten so persönlich angesprochen. Hier saß er nun, in diesem x-beliebigen Vaporetto auf einem kalten Sitz und las auf einem aufklebten Notizzettel die grundsätzlichste aller Wahrheiten. Giacomo war sich von einem Moment auf den anderen bewusst, dass er die Lösung seines Leidens eigentlich die ganze Zeit vor Augen hatte. Warum sollte er seinem Herzen noch länger das verweigern, was es schon so lange von ihm fordert? Wer hat schon das Recht dem Herzen zu befehlen? Weder der Duce, noch sein Vater und schon gar nicht er selbst. Doch was würden die Anderen von ihm denken? Schlimmer noch, was würden sie von Sara denken? Wie er seinen Vater kennt, würde dieser es fertig bringen sie für seine Entscheidung verantwortlich zu machen, selbst wenn dies vollkommen absurd war. Sicher würde ihm irgendeine verdrehte Argumentation einfallen, welche die „dreckige Jüdin” für seinen Verrat verantwortlich machen würde. Giacomo wiederholte die heilige Botschaft noch einige Male in seinem Kopf. Er war nun fest entschlossen, noch heute sollte er es tun. Viel zu lange schon hatte er es hinausgezögert, längst hätte er erkennen müssen, dass dies die einzige Möglichkeit war. Weder der Staat noch die Gesellschaft sollten ihm weiterhin sein Leben diktieren. Er würde sich rebellieren, ein Zeichen setzen. Auf seine Art und Weise, im Namen seines Herzens und seines Gefühls. Die Anderen würden schon verstehen. Selbst wenn sie es nicht täten, er wusste jetzt wenigstens etwas was sie nicht wussten:

Al cuore non si comandi!

Der Vaporetto hielt an seiner Endstation. Mit katatonisch entschlossenem Blick schritt der Liebende von Bord. Ein Gefühl breitete sich in seiner Brust aus welches eigentlich nur Glück sein konnte. Giacomo Visconti stand, einer römischen Plastik gleich, am Rand des großen Kanals. Seine olivgrünen Augen streiften die Kulissen der geliebten Stadt. Venedig, du wunderschöne Sklavin deines eigenen Verfalls! Niemanden lässt du unberührt, in deinem geheimnisvollen Schoß führst du jeden zur Selbsterkenntnis. Mit einem zufriedenen Lächeln nickte er die Szene ab. In der Tat, heute war ein schöner Tag um sich das Leben zu nehmen.

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Copyright 2016 Vito Volpe

 
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Verfasst von - 7. Februar 2016 in Literatur

 

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Venedig – Die schwarze Perle Italiens

Venedig – Die schwarze Perle Italiens

Vor zwei Wochen war ich im Rahmen eines Klassenausflugs mit meiner Abiturklasse zu Besuch in der Serenissima, in Venedig. Ingesamt war dies meine dritte Italienreise, nach Rom und Florenz im letzten Jahr, und ich muss ehrlich sagen, dass ich es mir nur schwer vorstellen konnte, dass irgendeine Stadt Rom als meine absolute Lieblingsstadt ablösen könnte. Doch Venedig hatte mich vom ersten Moment an in seinen Bann gezogen. Noch nie habe ich Vergleichbares erlebt, noch nie mich in einer Stadt so geborgen, so verstanden gefühlt. Nach dem ersten Tag fiel mir bereits ein wichtiger Faktor dieses Wohlbefindens auf: die Abwesenheit von Autos und sonstigen Krawallmachern. Venedig ist still, Venedig schwebt andächtig über der pastellgrünen Lagune und meditiert mit seinen Besuchern. Diese Stadt lässt einem Raum zum denken, zum leisen diskutieren mit Freunden, sie hat nichts von der Hektik anderer beliebter Reiseziele. Eine Fahrt mit dem Vaporetto ist gemütlich, niemand ist unter Zeitdruck. Chi va piano va sano…

Ich hatte das große Glück den Sonnenaufgang über San Marco mit guten Freunden zu genießen. Dieser Moment ließ Raum und Zeit still stehen, die fast menschenleere San Marco wurde zum Ort eines Geheimnisaustausches, von unserem Sitzplatz aus wurden wir zu stummen Empfängern der ersten Sonnenstrahlen welche die schwarze Perle Italiens an diesem Tage berühren sollten. Dies ist einer der Momente, die sich mir besonders ins Gedächtnis brannten und an die ich heute noch gerne zurückdenke wenn mich der Alltagsstress zu überwältigen droht. In irgendeiner verdrehten Art und Weise fand ich mich auch selbst in dieser Stadt wieder. Verwinkelt und manchmal auf den ersten Blick wie undurchdringlich, ist es doch eigentlich bei genauerem Hinsehen unmöglich sich zu verlaufen. Ja, man könnte fast sagen, sich verlaufen ist lediglich eine natürliche Etappe im Kennenlernprozess dieser Stadt. Ruhe und Langsamkeit sind beides Merkmale Venedigs, doch ebenso auch Tugenden auf die ich viel wert lege. Wer mich kennt, weiß, dass ich sparsam mit Superlativen umgehe, doch ich glaube mit ziemlicher Sicherheit sagen zu können, dass diese 3 Tage in Venedig, die 3 schönsten Tage meines bisherigen Lebens gewesen sind. Selbst nun, 2 Wochen später, hat mich Venedig noch nicht verlassen. Wieder zurück im Alltag, bin ich mir nun doch dieser dunklen Komplizin im Norden Italiens bewusst und manchmal, in Momenten vollkommener Stille, höre ich leise im Hinterkopf, das zärtlich-anmutige Plätschern der geheimnisvollen Lagune.

  

  

 
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Verfasst von - 31. Januar 2016 in Reisen

 

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Kunst trifft Poesie

Malerei ist Sprache für die Augen, Sprache ist Malerei für das Ohr.

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