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Schlagwort-Archive: Sozialkritik

Politik von heute (oder: warum es unsere Regierungsparteien nicht verdienen, wiedergewählt zu werden) – Ein Gastbeitrag von C.

In diesem Gastbeitrag widmet sich C. unter anderem dem Wesen des „idealen” Politikers resp. des „idealen” Bürgers.

Die meisten Staaten würden sich heute als Demokratien und Republiken bezeichnen und knüpfen dadurch an antike Idealbilder an. Man stellt sich sofort ein transparentes System vor, in dem jeder einzelne Bürger die Machtstrukturen mitgestaltet. So schön wie diese Überlieferungen auch sind, wir scheinen heute diesen roten Faden verloren zu haben und jegliche ethischen Wegweiser werden ignoriert.

Der moderne Politiker kann nur noch über jene alten Deppen lachen. Denken wir nur mal an die römischen Gebrüder Gracchus die sich doch nicht wirklich meucheln ließen, nur weil sie eine lächerliche Landreform durchbringen wollten, die den Ärmsten der Gesellschaft ein Stückchen Ackerboden zugestanden hätte. Da führen Ideale hin! Man stirbt und hat trotzdem nichts erreicht, warum soll man dann überhaupt noch für etwas eintreten?

Die heutige Politik findet sich hingegen in Situationen wie dem Syrien-Konflikt vollendet. Man sieht, wie sich die gesamte politische Klasse darauf geeinigt hat, die Interessen des Volkes getrost zu ignorieren und einen lukrativeren Weg einzuschlagen. Es ist schon erstaunlich, dass die größten Waffenproduzenten der Welt keinen Krieg beenden können, der auf konstanten Nachschub ihrer eigenen Munition angewiesen ist?

Der moderne Politiker kennt keine Ideale, sondern nur noch simple Rechnungen. Einerseits ist natürlich eine Flüchtlingskrise ausgebrochen, die Milliarden kostet. Andererseits gibt es jedoch einen verlässlichen Absatzmarkt für Kriegsgerät, der noch mehr Milliarden in die Kassen spült. Unwichtige Details wie der Wert von unschuldigen Menschenleben werden gar nicht erst in die Waagschale gelegt. Emotionales Gepimper ist kein Bestandteil der Rechnung.

Was ergibt sich als Konsequenz hiervon? Der moderne Politiker trägt Blutschuld. Mit jedem Tag füllen sich die Särge und die radikale Reaktionlosigkeit beweist deutlich, dass der Bürger nicht mehr zählt. Mit jedem frischen Kindergrab wird auch das Erdloch des Idealbildes des Politikers tiefer. Wir, die Wähler, müssen jetzt entscheiden, ob wir unsere Stimme wirklich Mördern anvertrauen wollen.

Was macht man aber, wenn die größte Alternative aus Rechtsradikalen besteht? Eine Protestwahl würde schon einleuchten, aber hier nimmt man nicht die Skrupellosigkeit einzelner Akteure, sondern gleich den angesammelten Wahn der Zeit in Kauf. Hier dürfte man das Übel wohl noch ein Mal abstufen können.

Gibt es überhaupt noch eine moralisch vertretbare Partei in Europa (oder in der westlichen Welt, wenn man zum Beispiel den „Falken“ Hillary Clinton betrachtet)? Ich fürchte, wir kennen alle die Antwort. Aber, ist das ein Grund aufzugeben? Nein. Neben dem mittlerweile komatösen Ideal des Politikers steht nämlich noch ein weiteres: das des idealen Bürgers. Dieses lebt noch weiter, auch wenn es ebenfalls schwächelt.

Was muss man hierunter verstehen? Die Bürger können das politische Geschehen noch immer selbst bestimmen, auch wenn es uns nicht mehr ganz klar ist. Wir leben in einer repräsentativen Demokratie, die das Volk zumindest aus dem politischen Tagesgeschehen ausschließt. Dieses Prinzip hat sich ganz einfach nach der französischen „Terreur“ entwickelt, um andauernde Spannungen zwischen Mehr- und Minderheiten zu verhindern. Des Weiteren vereinfacht es uns schon das Leben, wenn nicht mehr jeder Einzelne auf dem Laufenden über jede noch so belanglose politische Angelegenheit sein muss. Man muss an dieser Stelle aber auf ein ziemlich bekanntes Zitat von dem irischen Politiker John Philpot Curran (1750-1817) eingehen: „It is the common fate of the indolent to see their rights become a prey to the active. The condition upon which God hath given liberty to man is eternal vigilance“. Unsere heutige Freiheit fällt uns also nicht einfach zu, sondern wir müssen sie ständig behaupten. Bei wichtigen Themen wie Kriegen oder Handelsabkommen ist es also unsere Pflicht als Bürger, uns Gehör zu verschaffen. Wir können ganz altmodisch auf die Straße gehen um unsere Meinung auszudrücken (friedlich versteht sich, sonst werden wir nur eine weitere Parodie auf die Meinungsfreiheit). Auch die Petitionen sind im Zeitalter des Internets ein starkes Druckmittel, vor Allem wenn die Politiker um ihre Wiederwahl fürchten müssen.

Es klingt simpel, ist es aber trotzdem nicht. Bevor man seine Meinung kundtuen kann, muss man sich nämlich zuerst eine eigene bilden (ohne auf den Slogan eines wohlbekannten, journalistischen Witzblattes anspielen zu wollen). Der ideale Bürger muss seine Augen für die Missstände in der Welt öffnen und sich nicht vor ihnen verstecken. Er wird nicht versuchen, sich selbst etwas einzureden, um sich den Problemen nicht stellen zu müssen. Der ideale Bürger versucht ständig, die politische Welt zu durchleuchten. Er muss seinen „Feind“ ja schließlich kennen. Allerdings steht der ideale Bürger auch ständig im Dialog mit Andersdenkenden, um seine Meinung entweder fundieren oder schlichtweg ändern zu können. Nur der verbale Streit kann wirklich die Gedanken eines Menschen weiterbringen. Auch ist es hier essentiell, ernsthafte Arbeit zu betreiben, um Fakten von verschiedenen Quellen, sprich Blickwinkeln, zusammenzutragen. Kurz, der ideale Bürger kennt seine Pflicht, bei den großen Veränderungen in der Welt, das letzte Wort haben zu müssen.

Wenn wir unseren Einfluss auf das politische Geschehen zurücknehmen wollen, führt nichts um den Kampf herum. Ein Kampf gegen anonyme Machtstrukturen, die ohne unser Mitwissen, geschweige denn unser Mitwissen regieren (Ceta/TTip). Aber auch ein Kampf mit unserem tiefsten Innern, weil, bevor wir Ideale in die Welt tragen können, müssen wir alles tun, um diesen selbst zu entsprechen. Man muss sich immer wieder mit kalter Objektivität selbst anklagen und verbessern.

Vielleicht wird die Parteienlandschaft eines Tages von Leuten bevölkert, die die Ideen dieses Textes begriffen haben. Vielleicht werden die wenigen Menschen mit einer unumstößlichen Moral nicht mehr von der Politik abgestoßen, sondern sie verspüren den unbedingten Drang, etwas zu verändern. Vielleicht wird das Idealbild des Politikers wieder ein Mindestmaß an Bedeutung wiedererlangen: Menschen aus dem Volk, die im Namen des Volkes regieren.

Doch zuallererst, bevor sich die Herrschenden verändern, muss sich eben dieses Volk verändern.

– C.

 
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Verfasst von - 4. Dezember 2016 in Gastbeiträge, Politik

 

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Bill Hicks – Zwischen Genie und Obszönität

Bill Hicks – Zwischen Genie und Obszönität

Es gibt einige sehr wenige Menschen, die man als Legenden bezeichnen kann. Für mich persönlich zählt zu diesen besonderen Persönlichkeiten ein Mann, der uns leider, wie so viele Legenden vor und auch nach ihm, viel zu früh verließ. Er ist als Humorist bekannt geworden und für mich bleibt er einer der besten und unangenehmsten Künstler aller Zeiten. Ich spreche von niemand anderem als Bill Hicks.

Für jeden der ihn nicht kennt, Bill Hicks wurde am 16. Dezember 1961 in Valdosta, Georgia geboren und wurde besonders während der 80er Jahre als Humorist bekannt, insbesondere auch in Großbritannien. Sein Programm war äußerst derb und bissig und wurde von konservativen Zeitungen auch mal als „satanisch” beschrieben. Er konsumierte in hohem Maße Alkohol und andere, härtere, Drogen, schaffte es aber aufgrund eines Erlebnisses mit seiner Freundin 1988 dem Alkohol zu entsagen. Seine Auftritte wurden regelmäßig gekürzt, um sie einem „Mainstream” Publikum zugänglich zu machen, ein Ziel welches Hicks selbst wohl nicht gleichgültiger hätte sein können. Mit einer Mischung aus Freude und Frustriertheit entlarvte und denunzierte er erbarmungslos die rückgratlose Konsumgesellschaft und zog sie auf eine brutal ehrliche Weise ins Lächerliche. In seinen Metaphern griff er oft auf Vergewaltigungsmotive und ähnlich drastische Bilder zurück, welche seine Sozialkritik auf eine sehr direkte Art in die Köpfe seiner Zuschauer schlug. Seine Karriere fand leider ein viel zu frühes Ende als er im Juni 1993 mit Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde. Er verstarb im Alter von 32 Jahren am 26. Februar 1994 in Little Rock, Arkansas.

Prägend ist für mich persönlich besonders sein berühmtes Schlusswort. Ihr könnt es euch hier als Videobeitrag ansehen, ich möchte es aber auch gerne hier einmal zitieren:

„The world is like a ride in an amusement park, and when you choose to go on it you think it’s real because that’s how powerful our minds are. The ride goes up and down, around and around, it has thrills and chills, and it’s very brightly colored, and it’s very loud, and it’s fun for a while. Some people have been on the ride a long time, and they begin to question, „Hey, is this real, or is this just a ride?“ And other people have remembered, and they come back to us and say, „Hey, don’t worry; don’t be afraid, ever, because this is just a ride.“ And we … kill those people. „Shut him up! I’ve got a lot invested in this ride, shut him up! Look at my furrows of worry, look at my big bank account, and my family. This has to be real.“ It’s just a ride. But we always kill the good guys who try and tell us that, you ever notice that? And let the demons run amok … But it doesn’t matter, because it’s just a ride. And we can change it any time we want. It’s only a choice. No effort, no work, no job, no savings of money. Just a simple choice, right now, between fear and love. The eyes of fear want you to put bigger locks on your doors, buy guns, close yourself off. The eyes of love instead see all of us as one. Here’s what we can do to change the world, right now, to a better ride. Take all that money we spend on weapons and defenses each year and instead spend it feeding and clothing and educating the poor of the world, which it would pay for many times over, not one human being excluded, and we could explore space, together, both inner and outer, forever, in peace.“

– Bill Hicks

Wäre er noch am Leben, was würde Bill Hicks wohl zu unserer heutigen Gesellschaft sagen? Ich bin mir sicher, er würde ihre Scheinheiligkeit anprangern, den oberflächlichen Konsum, welcher durch die digitale Revolution nur noch schlimmer geworden ist, immer noch in Frage stellen und mit zynischer Freude auf die angeblichen Probleme der „besorgten Bürger“ eingehen. Man muss Bill Hicks nicht mögen, seine Auftritte waren immer von Vulgarität und Obszönität geprägt. Wer aber erkennt, was hinter diesen drastischen Metaphern sticht und wie gut dieser äußerst belesene Mensch die Gesellschaft seiner Zeit analysiert hat, wird sich womöglich sogar daran erfreuen von Hicks zurück auf den Boden der Tatsachen geholt zu werden. Seine Shows „Sane Man” und „Revelations” sind inzwischen auf Netflix zu sehen und sind defintiv wert, (wieder-)entdeckt zu werden. Definitiv nichts für den „braven Bürger” dem seine heile Welt wichtig ist, aber eine Offenbarung für jeden der über den Schein der Gesellschaft hinaus blicken möchte.

 
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Verfasst von - 30. Oktober 2016 in Gemischtes, Politik

 

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Sonntagslyrik #12

 
 

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Die Reisen des Herrn Nimo – Vacuustan

Herr Nimo ist ein Reisender den es immer wieder an recht sonderbare Orte verschlägt. Doch dem aufmerksamen Leser wird es nicht verborgen bleiben, wie bekannt uns diese Städte und ihre Bewohner eigentlich sind.

Herrn Nimos Reise führte ihn in eine Stadt namens Vacuustan. Überrascht stellte Herr Nimo fest, dass die Stadt sich in einem erbärmlichen Zustand befand. Die Straßen waren voller Schlaglöcher, die Fenster der Häuser teilweise zerschlagen und viele Türen aus den Angeln. Doch die Stadt war nicht etwa verlassen, im Gegenteil. Herr Nimo begegnete vielen Leuten, die ihn sogar freundlich grüßten. Als er schließlich fast von einem herabfallenden Dachziegel erschlagen wurde, hielt Herr Nimo den nächsten Passanten an und fragte:

„Entschuldigen Sie bitte mein Herr, ich bin ein Reisender und gerade in ihrer Stadt angekommen. Könnten Sie mir vielleicht erklären warum sie so baufällig ist?”

„Ach das würde ich wirklich gerne, aber leider habe ich gerade überhaupt keine Zeit. Ich bin auf dem Weg zum Stadtpark um einen Stein zu fotografieren, sie verstehen also bestimmt, dass ich es eilig habe.”

Ohne Herrn Nimo eine Antwortmöglichkeit zu bieten, stürmte der Vacuustaner bereits davon. Etwas verwirrt versuchte er sein Glück beim nächsten Passanten:

„Entschuldigen Sie bitte mein Herr, ich bin ein Reisender und gerade in ihrer Stadt angekommen. Könnten Sie mir vielleicht erklären warum sie so baufällig ist?”

„Eigentlich liebend gerne, aber ich muss unbedingt zum Stadtplatz um die Treppe zum Rathaus hinaufzuspringen, Sie verstehen also bestimmt meine Eile!”

Auch dieser Passant ließ Herrn Nimo ohne weitere Worte stehen. Immer ratloser, angesichts dieses seltsamen Verhaltens der Bewohner, änderte er seine Taktik. Er hielt Ausschau nach einem Geschäft oder Lokal, ein Unterfangen welches sich als Äußerst schwierig herausstellte. Die meisten Häuser waren bloß noch Ruinen und die meisten Bewohner Vacuustans schienen auf den Straßen herumzuwuseln. Schließlich fand Herr Nimo jedoch eine kleinere Drogerie in welcher sich tatsächlich auch noch ein Händler befand. Dieser saß hinter seinem Tresen und schien vertieft in irgendeine Aktivität zu sein. Als Herr Nimo, den der Händler scheinbar noch nicht bemerkt hatte, sich ihm näherte, sah er, dass der Händler eine einzelne grüne Erbse anstarrte. In seiner rechten Hand hielt er dabei einen Zahnstocher, den er immer mal wieder über der Erbse kreisen ließ, nur um ihn dann doch wieder für einen Moment wegzulegen.

„Entschuldigung?”, fragte Herr Nimo um die Aufmerksamkeit des Händlers zu erlangen.

„Hmm?”

Der Händler blickte die Erbse vor ihm weiter konzentriert an.

„Entschuldigen Sie mein Herr, ich bin Reisender und erst seit Kurzem in ihrer Stadt. Ich wollte mich nur erkundigen warum ihre Stadt so baufällig ist? Ich habe bereits zwei Passanten befragt, aber diese hatten… wichtigere Dinge zu tun. Könnten Sie mir vielleicht helfen?”

Der Händler antwortete ihm ohne den Blick von der Erbse zu lassen:

„Mein Herr, wie Sie sicher erkennen, bin ich im Moment leider sehr beschäftigt. Ich versuche gerade zu entscheiden, durch welche Stelle ich diesen Zahnstocher in die Erbse stechen soll. Ich kann ihnen also im Moment nicht helfen.”

„Glauben Sie denn nicht, dass Sie diese Entscheidung auch später treffen können? Wenn Sie mich fragen ist sie sowieso nicht von allzu großer Relevanz.”

„Mein Herr ich kann ganz gut selbst beurteilen was relevant ist und was nicht, vielen Dank. Wenn Sie jetzt bitte gehen könnten, Sie stören meine Konzentration.”

Da Herr Nimo bemerkte, dass er auch hier keine Antwort auf seine Frage erhalten würde, entschied er sich das Geschäft zu verlassen. Kurz vor dem Ausgang der Stadt, bemerkte er den Bürgermeister derselben, leicht erkennbar an seiner Schärpe. Ein letztes Mal wollte Herr Nimo versuchen, seine Neugierde zu befriedigen. Er näherte sich dem Bürgermeister und fragte:

„Entschuldigen Sie bitte mein Herr, aber sind Sie zufällig der Bürgermeister dieser Stadt?”

„Der bin ich in der Tat. Kann ich ihnen helfen?”

„Nun das hoffe ich. Ich bin ein Reisender und seit ich in ihrer Stadt angekommen bin, frage ich mich warum sie so baufällig ist? Gibt es nicht genug Geld für Reparaturen?”

„Oh nein, nein mein Herr, Geld ist genügend da. Die Reparaturen werden auch kommen, doch Sie werden schon verstehen, dass die wirklich wichtigen Dinge natürlich Vorrang haben!”

„Nein, ehrlich gesagt verstehe ich nicht. Was ist denn bitte schön wichtiger als die Instandhaltung der Stadt?”

Der Bürgermeister sah Herrn Nimo verwundert an:

„Na Sie haben vielleicht Fragen! Ich muss mich um viele wichtige Dinge kümmern. Im Moment versuche ich zum Beispiel herauszufinden ob ich für 3 Minuten auf einem Bein stehen soll oder für 5 Minuten im Kreis um diesen Baum dort gehen soll!”

 
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Verfasst von - 21. August 2016 in Allgemein, Literatur

 

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Die Reisen des Herrn Nimo – Speciestan

Herr Nimo ist ein Reisender den es immer wieder an recht sonderbare Orte verschlägt. Doch dem aufmerksamen Leser wird es nicht verborgen bleiben, wie bekannt uns diese Städte und ihre Bewohner eigentlich sind.

Herrn Nimos Reise führte ihn in eine Stadt namens Speciestan. Kaum hatte er diesen Ort betreten, fiel ihm auf, dass seine Bewohner seltsame schwarze Kisten um ihren Kopf geschnallt hatten. Die Kisten bedeckten die Augen und einen Teil der Stirn komplett und waren undurchsichtig, was Herrn Nimo zu der Frage führte, wie die Bewohner dieser Stadt sich orientierten. Ihr Verhalten war darüber hinaus äußerst bizarr, sie schienen mit Objekten oder Personen zu interagieren die nicht wirklich da waren, jedenfalls schloss Herr Nimo dies aus der Art wie manche wild vor einem Baum herum gestikulierten oder die Arme ausbreiteten und einen Fuß vorsichtig vor den anderen setzten, so als ob sie über einen schmalen Grad balancieren würden. Manchmal standen auch Gruppen dieser Bewohner in einem Kreis zusammen und schrien auf etwas Undefinierbares in ihrer Mitte. Jedes Mal wenn Herr Nimo versuchte mit einem von ihnen zu sprechen, ignorierten sie ihn einfach, ganz so als ob er für sie nicht existieren würde. Herr Nimo irrte weiter durch diesen seltsamen Ort und kam schließlich auf einen großen Platz. Dort sah er eine Gruppe Leute in einer geraden Linie nebeneinander stehen die neben den schwarzen Kisten auf ihren Gesichtern noch seltsame Fernbedienungen in ihren Händen hielten. Ihrer Haltung und Armbewegungen nach zu urteilen schienen sie Pfeile mit Bogen auf Ziele zu schießen. Rund um sie war eine große Menschenmenge versammelt, alle mit schwarzen Kisten auf ihren Nasen, die sie lautstark anfeuerten. Doch alles was Herr Nimo sah war eine sonderbare Pantomimshow die auf den unbeteiligten Außenstehenden absurd und fast schon etwas unheimlich wirkte. Dann aber wurde Herrn Nimos Blick auf den Himmel gelenkt. Ein riesiger Schwarm Vögel war dort erschienen, so viele, dass sie fast schon die Sonne verdunkelten. Die Vögel schwebten grazil über die Stadt und fingen an die verrücktesten Kunststücke zu vollführen, sie flogen in sonderbaren Formationen, formten Blumen und Tierköpfe. Es war ein Naturschauspiel wie Herr Nimo es noch nie gesehen hatte und er beobachtete es mit größtem Eifer. Noch während er gebannt den Himmel beobachtete, stürmte auf einmal eine Horde von Bewohnern den großen Platz. Einen Moment lang hatte Herr Nimo geglaubt, sie wären gekommen um sich dieses außergewöhnliche Ereignis mit ihm anzuschauen, doch sie stürmten alle an ihm vorbei auf einen ganz bestimmten Punkt auf dem Platz zu und begannen seltsame Armbewegungen auszuführen, fast als ob sie Bälle nach irgendetwas werfen würden. Die Vögel hatten sich inzwischen in alle Richtungen zerstreut und außer Herrn Nimo hat kein einziger der Bewohner dieses Wunder miterlebt.

 
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Verfasst von - 14. August 2016 in Literatur

 

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Sonntagslyrik #2

Einen schönen Sonntag euch allen! Warum nicht mit ein wenig Lyrik in den Tag starten?

 

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Kunst trifft Poesie

Malerei ist Sprache für die Augen, Sprache ist Malerei für das Ohr.

the chronicles of An Overthinker

.thinking.reading.writing.

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