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Schlagwort-Archive: Leben

Was wir wollen – Ein Gastbeitrag von C.

Heute ist es mir eine große Freude euch einen Gastbeitrag meines guten Freundes C. präsentieren zu können.

Was will ich? Wie will ich mein Leben gestalten? Diese Fragen bringen wohl jedem jungen Erwachsenen schlaflose Nächte. Unzählige sogar.

Warum ist das so? Heute steht man der absoluten Wahlfreiheit von Studien, FSJ und Ausbildung gegenüber. In dieser Hinsicht war es früher einfacher: den elterlichen Hof übernehmen und das Leben ist in geregelten Bahnen. Diese Fatalität war gewissermaßen angenehm, weil der Einzelne ohne eine Wahl auch nichts falsch machen konnte. Kierkegaard hatte Recht: Freiheit macht uns anfangs Angst. Es geht uns nicht anders als einem Kind, das die ersten Schritte machen muss.

Es ist natürlich schwierig, Entscheidungen zu treffen, wenn man während fast zwei Jahrzehnten nur einen strikten Lehrplan befolgt hat. Solange bulimisches Lernverhalten recht gute Noten erzielt, läuft Etwas in der Schule falsch. Das wäre allerdings noch eine andere Problematik. Jedenfalls, sobald es plötzlich keinen vorgeschriebenen Text mehr gibt und das wahre Leben vor der Tür steht, verliert man schnell die Orientierung. Man ist einfach damit überfordert, plötzlich, auf eigene Verantwortung, selbst den Text zu schreiben.

Allerdings muss man sich auch mal fragen, ob diese eine Entscheidung ihrer Bedeutungsschwere gerecht wird. Diese meistens überstürtzte, früherwachsene und hormonüberladene Entscheidung darf nicht so ernst genommen werden.

Es hält sich die härtnäckige Idee, das Leben sei eine heilige Dreifaltigkeit aus Kindes-, Erwachsenen- und Greisesalter. Jeder Abschnitt sei zudem eine untrennbare Einheit. Eine neue Perspektive ist nötig: Das Arbeits- und Erwachsenenleben kann nämlich ein steter Wandel sein. Ein einziger Beruf, eine einzige Laufbahn ist keiesfalls bindend. Man kann und muss sich immer wieder zwischendurch fragen: Ist es das, was ich will? Was mach überhaupt hier?

Diese Überlegung nimmt viel Druck von den eh schon chronisch überforderten Abiturienten. Egal, was sie nach der Schule machen, es ist nicht falsch. Hauptsache nicht zuhause rumsitzen. Bevor man sich entscheiden kann, wo in die Welt man zieht, muss man sie erst kennen lernen. Und wenn man all diese Möglichkeiten gesehen hat, muss man
zuerst noch sich selbst noch kennen lernen. Eine Diskussion über Nosce te ipse führt vielleicht wieder vom Thema weg, vor Allem wenn man bedenkt, dass sich das eigene Ich auch verändern kann.

Deshalb, anstatt Alles auf eine Karte zu setzen und mehr als 40 Jahre lang den Preis dafür zu zahlen, darf man den Ernst und die Verantwortund getrost verschieben. Das Zukunfts-Ich darf nicht vergessen, dass es noch selber die Kontolle über sein Leben hat. Es darf sich nicht auf die Panikentscheidung eines Spätpubertierenden Wesens verlassen, das sich hauptsächlich durch Pizza, Kaffee und Vodka ernährt. Nach einer gewissen Zeit darf man nicht vergessen, feststehendes zu revidieren.

Letztendlich gibt es unzählige Wege durchs Leben zu kommen. Das Wichtigste ist bloß, sich bewusst, Tag für Tag, für Einen zu entscheiden.

– C.

 
 

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Dichter sein

Was ist die Funktion des Dichters? Über keine andere Frage habe ich während der letzten 3 Jahre wohl so häufig meditiert wie über diese. Nach sorgfältigen Lektüren der größten Werke aus 4 verschiedenen Sprachen und höchst bereichernden Diskussionen mit anderen Literaturfreunden und Dichtern glaube ich eine erste Bilanz ziehen zu können. Die Wahrheit ist ein heißes Eisen und wer sich viel und gerne mit Literatur beschäftigt weiß, dass sie der Liebe an Ambivalenz in nichts nachsteht. Wer liest oder schreibt, sucht die Wahrheit doch ist sich stets bewusst, dass er sie niemals finden wird. Im Gegensatz zu den exakten Wissenschaften will die Literatur keine messbaren, präzisen Resultate präsentieren. Sie entsteht durch das Gefühl, dieses geheimnisvolle „Etwas“ welches sich der rationalen Betrachtung auf ewig entziehen wird. Literatur und Wissenschaft sind keine Gegensätze die sich abstoßen, sie ergänzen sich und wirken komplementär. Während die Wissenschaft es sich zur Aufgabe gemacht hat, Licht in das Dunkel zu bringen, erkundet die Literatur das Wesen der Dunkelheit an sich. Der Dichter ist dieser Forscher, doch viel eher noch würde ich ihn als einen Beobachter bezeichnen. Der Vorwurf vom „Schriftsteller im Elfenbeinturm“ ist nicht neu und doch auch heute noch aktuell. Der Dichter aber muss sich distanzieren, er ist von seiner Natur aus marginalisiert und dies ist zu seinem Vorteil. Vom Rand aus bietet sich ihm ein breiter Blick über die Gesellschaft seiner Zeit. Dabei ist er nicht einmal unbedingt physisch außerhalb derselben, oft nimmt er aktiv an ihr Teil. Etgar Keret stellt in seinem Memoir „Die sieben guten Jahre“ klar:

„Der Schriftsteller ist weder ein Heiliger, noch ein Zadik, noch ein Prophet, der am Tor steht, er ist bloß ein Sünder mehr, der eine etwas schärfere Auffassungsgabe hat und eine etwas präzisere Sprache benützt, um die unbegreifliche Wirklichkeit unserer Welt zu beschreiben.”

Gerade dadurch, dass er „bloß ein Sünder mehr” ist, gelingt es ihm die Mechanismen der Welt in der er sich befindet zu erkennen. Der Dichter ist immer kritisch, immer skeptisch, er hinterfragt alles und jeden und am meisten sich selbst. Der poetische Geist ist Gabe und Fluch zugleich, denn Ruhe oder gar Zufriedenheit wird ein solcher Mensch nicht finden. Der wahre Dichter schreibt um sein Leben. Thomas Mann beschrieb es bereits aufs Vortrefflichste in seiner Novelle „Der Tod in Venedig”, in welcher er die Kunst als „ein erhöhtes Leben” bezeichnet. „Sie beglückt tiefer, sie verzehrt rascher”, für den Künstler gibt es nur das Absolute. Er ist der Spielball seiner Gefühle und es ist seine Aufgabe zu lernen mit ihnen umzugehen. Im Französischen gibt es den Begriff der „béatitude”, der Zustand welcher sich aus Ataraxie und Aponie ergibt, also vollster geistiger und körperlicher Zufriedenheit. Im Deutschen würde man den Begriff am ehesten mit „Glückseligkeit” übersetzen, doch trifft es nicht genau den Sinn seines Französischen Pendants. Auf jeden Fall ist dieser Zustand für den Dichter nicht erreichbar. Er ist von Natur aus ein innerlich zerrissener Charakter, gefangen im ewigen Gegensatz seiner „zwei Seelen”, zwischen „Spleen” und „Ideal”, zwischen Apoll und Dionysos. All dies klingt nicht gerade heiter und könnte zu dem Trugschluss verleiten, der Dichter sei zu einer jämmerlichen Existenz voller Leiden verurteilt. Doch weit gefehlt. Es ist die Literatur die dem Dichter diese komplexe Persönlichkeit auferlegt, es ist die Literatur die ihn an den Rand drängt, doch es ist auch die Literatur die ihn von seiner eigenen Last befreit. Der französische Schriftsteller Marcel Proust bringt es in seinem Jahrhundertwerk „À la recherche du temps perdu” auf den Punkt:

„La vraie vie, […] c’est la littérature”

(übersetzt: „Das wahre Leben, [..] ist die Literatur”)

Denn auch wenn der künstlerische Geist auf ewig in unserer materiellen Realität zu ziellosem Streben nach mehr verurteilt ist, so findet er seine Erfüllung in der Literatur. Der Fehler von Gustave Flauberts Heldin Emma Bovary war, dass sie versucht hat, ihre romantischen Träume in die Realität zu übertragen. Doch was in die Realität übertragen wird, ist ohne Ausnahme zur Vergänglichkeit verurteilt. Die Gefahr der Romantik lag und liegt immer noch in der Schaffung einer Welt der Illusionen die scheinbar der Wirklichkeit entspricht, doch tatsächlich nur in der künstlerischen Phantasie existiert. Der große Fehler Emma Bovarys war so der Versuch, die idealisierte Welt des Künstlers in der Wirklichkeit zu suchen. Der Dichter hingegen agiert umgekehrt: er beobachtet seine Umwelt, destilliert aus ihr die Essenz hinter dem Schein, verdichtet sie in der künstlerischen Form der Lyrik und erhebt sie so auf eine intellektuelle Ebene. Die Literatur übernimmt dabei die Rolle eines Prismas. Kein Spiegel, denn niemals ist sie eine bloße Abbildung oder eine schwache Reflexion der Realität, vielmehr bricht sie den Schein der Welt und offenbart ihre einzelnen Bestandteile. Der Dichter ist ein Beobachter seines Umfelds und seiner selbst, sein Werkzeug ist das Gefühl und seine Werkbank die Literatur. Dichter sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Man arbeitet sein Leben lang und findet in der Literatur Start, Mittel und Ziel. Sie bietet einem die höchsten Freuden und die tiefste Traurigkeit, doch kann man sich immer Gewiss sein, dass sie einem zugleich die breiteste menschenmögliche Erfahrung der Welt bietet.

 
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Verfasst von - 12. Juni 2016 in Literatur

 

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Sonntagslyrik #6

Heute mal ein kleines Gedicht übers Schreiben… oder doch über mehr?

 

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Weiter leben: Die einzige Reaktion

Weiter leben: Die einzige Reaktion

Nach einer ersten spontanen Reaktion gestern, habe ich mir heute etwas mehr Zeit genommen um über die Attentate von Paris zu reflektieren und auch meine eigene Reaktion etwas genauer und kritischer zu betrachten. Den nun folgenden Beitrag habe ich heute Morgen auf meiner Facebookseite publiziert.

Zwei Tage nach den Anschlägen in Paris ist mein Geist noch immer von diesen abscheulichen Taten eingenommen. Doch es sind noch ganz andere Gedanken die mich umtreiben. Die Vorfälle in Paris lassen mich noch ganz andere weit beängstigerende Umstände erkennen und lassen mich auch mein eigenes Urteilsvermögen hinterfragen. Weder hier auf meiner Seite noch in meinem privaten Profil habe ich meinem Profilbild den von Facebook zur Verfügung gestellten Frankreichfilter verpasst. Nicht, dass ich es kein angebrachtes Zeichen der Trauer finden würde. Im Gegenteil, jeder hat das gute Recht dies zu tun und sein Mitgefühl gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen asuzudrücken. Nein, ich habe dies nicht getan, weil ich mir plötzlich meiner eigenen Heuchlerei bewusst geworden bin. Warum bin ich so erschüttert über diese Angriffe in Paris, während mich der Selbstmordanschlag des IS am Donnerstag im Libanon nicht mal ansatzweise berührt hat? Natürlich kann man es sich nun einfach machen und damit argumentieren, dass Nachrichten für uns wichtiger sind desto näher an uns sie sich ereignen. Man kann darauf verweisen, dass bei dem Anschlag im Libanon knapp 40 Menschen ums Leben gekommen sind, während wir es hier mit fast 130 Toten zu tun haben. Man kann einwenden, dass man nicht um jeden einzelnen Toten trauern kann. Doch ich will und darf mir diesen Freipass nicht gewähren. Das Entsetzen welches ich an diesem Wochenende empfinde, muss allen Opfern des Terrorismus gelten und darf sich nicht auf die Menschen in meiner direkten Nähe beschränken. Unter ihm leiden alle Menschen und nicht bloss weiße Europäer. In diesen Momenten in denen ich reflektiere, will ich nicht nur an die Opfer in Paris denken, ich will auch an die Menschen in Afghanistan, Syrien, Iran und allen anderen Krisenherde dieser Welt denken, die jeden Tag unter dem Joch des Terrorismus leiden müssen. Ich versuche mir vorzustellen, wie sich die Flüchtlinge, die genau diese Art der Gewalt jeden einzelnen Tag erlebt haben, fühlen müssen wenn sie hier von ignoranten Menschen, die nie in ihrem Leben auch nur einen Ansatz von Krieg erlebt haben, vorgeworfen bekommen, dass sie Terroristen sind. Ich versuche den Egozentrismus des Westens zu verstehen, der kaltherzig jene abweist, die vor genau dem fliehen, was wir an diesem Wochenende zu Recht als „unmenschlich” und „barbarisch” verurteilen. Ich versuche schließlich mich selbst zu verstehen, der ohne zu zögern für Paris betet, aber an die zahlreichen Opfer im Nahen Osten, über die er jede Woche in der Zeitung liest, nicht mal einen Gedanken verschwendet. Natürlich verdient Paris unser Mitgefühl. Aber diese Anschläge sollten uns auch endlich klar machen, in welcher Welt wir wirklich leben. In einer Welt in der Glück eine Seifenblase ist, die jeden Augenblick platzen kann. 

Adorno sagte nach dem 2. Weltkrieg „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch”. Autoren wie Paul Celan haben das Gegenteil bewiesen und auch in diesen schwierigen Zeiten muss es die Kunst sein, die dem Leiden eine Stimme, ein Bild, einen Klang gibt. Erwartet dennoch kein Gedicht von mir zu den Ereignissen, ich besitze in diesen Tage nicht die emotionale Stärke um die Tragik dieser Welt in lyrische Worte zu fassen. 

Gestern Abend hatte ich einen Auftritt mit meinem Musiktheaterverein. Unser Auftritt wurde, im Gegensatz zu vielen anderen in Luxemburg, nicht abgesagt. Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass dieser Abend geselligen Klamauks und spaßigen Gesangs uns allen sehr gut getan hat. Wenn man auch während des Auftritts selbst gar nicht daran gedacht hat, so hat sich später an der Bar bei einem guten Glas Rhäifränsch dann doch dieses gewisse „Ha seht her IS, unsere gute Laune kriegt ihr so schnell nicht unter!” Gefühl eingestellt. Deshalb ist mein Rat an euch auch der folgende: 

Lacht und genießt das Leben, denn genau dies wollen uns die Terroristen nehmen. Lasst uns ihnen allen gemeinsam zeigen, dass wir standhaft bleiben gegen ihre sinnlose Gewalt, die sich gegen jene Prinzipien richtet für die unsere Vorfahren so lange gekämpft haben!

 
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Verfasst von - 15. November 2015 in Politik

 

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Malerei ist Sprache für die Augen, Sprache ist Malerei für das Ohr.

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