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Schlagwort-Archive: Deutschsprachige Lyrik

Mein 2016

Mit leichter Verspätung möchte ich euch heute meinen persönlichen Jahresrückblick präsentieren und gleich danach einen kurzen Blick auf kommende Projekte werfen. Ich arbeite momentan an sehr vielem gleichzeitig und unter anderem deswegen kommt dieser Beitrag nun mit einer Woche Verspätung, aber es wäre nun mal nicht Neujahr für mich, wenn ich meine erste Deadline nicht verpassen würde.
2016 war oberflächlich gesehen für mich persönlich ein sehr erfolgreiches Jahr. Ich habe die Allgemeine Hochschulreife im Juli erhalten, habe im August mein erstes Buch bei einem Kleinverlag veröffentlicht, stand im Oktober zum ersten Mal für vier Wochen auf einer Bühne, war im Dezember auf einer ganzen Seite in der luxemburgischen Tageszeitung „Tageblatt” mit einem Porträt vertreten und hatte die Gelegenheit meine Gedichte im Rahmen des literarischen Adventskalenders des Eldoradio Book Look vorzutragen. 

Wenn ich allerdings auf mein Jahr 2016 zurückblicke, sind es nicht diese Momente die für mich herausstechen. Wenn ich mich heute erinnere, dann an die Reise mit meiner Abiturklasse nach Venedig im Januar, drei Tage die ich bis heute als die drei besten Tage meines bisherigen Lebens bezeichne. Ich erinnere mich überhaupt sehr gerne an jeden einzelnen Moment dieses Abschlussjahres, weil es eine fantastische Zeit war, während der ich wirklich glücklich war. Lehrerinnen und Lehrer, die mich nicht nur inspirierten, sondern auch als Menschen begeisterten und die mich, mehr als sie es vielleicht selbst wissen, auf einen Weg gebracht haben, der beginnt mehr und mehr mein Leben zu bestimmen. Klassenkameraden, die mich in meiner Arbeit unterstützt haben, weil sie wirklich an ihre Qualität glauben und die mich bis heute motivieren weiter zu schreiben, weiter Kunst zu schaffen. Während dieser ganzen Zeit war ich jemand, während dieser Zeit lebte ich im tiefsten Sinne dieses Wortes. Es ist eine vergangene Zeit von der ich erzähle, dennoch lebe ich noch jeden Tag in ihr, weil es die Erinnerung an sie und diese Menschen ist, die mir die Kraft gibt weiter zu machen. Dies ist mein wahres 2016, dies ist schlussendlich ich.

Was kann man nun 2017 von mir erwarten ? Konkret werden kann ich leider nicht wirklich, da sehr vieles noch in Arbeit ist, ich bin aber gerade dabei die Arbeit an meinem nächsten Gedichtband abzuschließen. Meine Konzentration gilt deswegen vor allem diesem Projekt, weil ich wirklich hoffe, es in diesem Jahr noch vollenden zu können. Die Novelle, welche ich im Artikel im „Tageblatt” angekündigt habe, ist im Prinzip fertig geschrieben, d.h. die Geschichte ist von Anfang bis Ende bereits als Typoskript vorhanden, sie wird aber natürlich noch gründlich überarbeitet, was mindestens noch einmal so viel Zeit beansprucht, doch auch für dieses Projekt bin ich sehr optimistisch was eine Veröffentlichung angeht. In diesem Jahr möchte ich aber vor allem einfach deutlich mehr von allem machen. Kunst und vor allem die Literatur bestimmen mein Leben mehr denn je und ich merke, dass es an der Zeit ist, sich noch deutlicher in der Szene zu festigen. Ich fühle mich bereit und habe noch eine ganze Reihe anderer Projekte am Laufen, die ich hier jetzt nicht erwähnt habe, ihr könnt euch also noch sehr viel von mir in Zukunft erwarten.

Euch allen nachträglich noch ein frohes neues Jahr und ein großes Dankeschön an jeden, der regelmäßig oder auch sporadisch meine Texte liest und natürlich auch an alle Besucher des Blogs, die Sophie und mir regelmäßig ihre Aufmerksamkeit für ein paar Minuten leihen.

 
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Verfasst von - 8. Januar 2017 in Gemischtes

 

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Lesung im Rahmen des literarischen Adventskalenders

Für den Book Looker des luxemburgischen Radiosenders Eldoradio habe ich einige meiner Gedichte für seinen literarischen Adventskalender rezitiert:

 

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Mondscheinsonette – Ein Eigenkommentar (Teil 3)

Dies ist der dritte Teil meines Eigenkommentars zu „Mondscheinsonette”. Falls ihr den zweiten Teil verpasst habt, könnt ihr ihn hier nachlesen.

Der Absturz in „Mondscheinsonette” ist hart und abrupt. War die angeblich heile Künstlerwelt in den ersten beiden Abschnitten bereits äußerst fragwürdig und mehr als instabil, so wird sie im Abschnitt „tiefste nacht” geradezu feindlich. Gleich drei von den fünf Sonetten erwähnen den Dichter explizit und schleudern ihn in eine Welt, dominiert von Leiden (besonders in „unter dem einfluss saturns”), Isolation (cf. „aurora”) und Psychoterror (cf. „der verwunschene”). In diesem Abschnitt kommt die Funktion des lyrischen Ers auch am deutlichsten zu tragen. Dadurch, dass der Dichter von außen beschrieben wird, erscheint er noch einmal merklich hilfloser, passiver und auch „getriebener”. Nicht nur leidet er in dieser Welt, ihm wird auch ganz bewusst die Möglichkeit genommen das zu tun, was ein Dichter in so einem Fall eigentlich tuen würde: es (be)schreiben. Tatsächlich schreibt der in den „Mondscheinsonetten” beschriebene Dichter kein einziges Mal im Verlauf des gesamten Zyklus. „Er ist allein” in einer Welt voll „von falschen grimassen”, die wenn überhaupt dann nur auf ihn hört wenn er leidet. Er ist von allen verlassen, von seiner „muse”, von der „nacht” die ihm vorher noch wie eine „schwarze schwester” schien und sogar von sich selbst. Denn der Krux des Sonetts „der verwunschene” ist ja genau dies: es ist niemand anderes als der Dichter selbst, der ihn „treibt”, der ihn immer und immer wieder in diese „leeren gassen” voll von „falschen grimassen” lotst und ihn schlussendlich von der Welt seiner Mitmenschen ausschließt. Dieses Paradoxon, Passivität verursacht durch aktive Entscheidungen, ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Abschnitts. Wenn man die Sonette genau liest und im Kontext der restlichen Gedichte bedenkt, dann merkt man, dass der einzig wirkliche Feind des Dichters er selbst ist. Zwar werden allerhand Figuren und schattenhafte Schimären heraufbeschwört, doch der Erschaffer dieser düsteren Welt ist der Dichter selbst. Auch in der Liebe, die so eng mit der Lyrik verbunden ist, handelt er nach diesem Muster: er leidet offensichtlich („es zerfrisst sein kümmerliches glück”), will es sber andererseits auch gar nicht anders („ihm helfen? aber er will es doch!”). Dieser Abschnitt zeigt dem Leser einen faustischen Dichter, der ständig im Kampf mit sich selber ist und sich eine Freude daraus macht, sich die Freude zu nehmen. Es ist paradox, es macht keinen Sinn und es ist mit Momenten eine groteske Vorstellung die sich in „tiefste nacht” abspielt. Es ist aber auch der vielleicht ehrlichste Abschnitt im Buch, weil er zum Kern dieses Künstlerdaseins vordringt. Vor allem aber auch, weil er ein vehementer Widerspruch zur romantischen Vorstellung des Dichters als von der Gesellschaft missverstandenes Genie darstellt. Wie kann die Gesellschaft jemanden missverstehen, der sich selbst noch nicht einmal versteht?„Mondscheinsonette” hätte nach diesem Abschnitt enden können. Dann hätte der Kreislauf wieder von vorne begonnen und die Leiden des Dichters hätten erneut angefangen. Aber dies ist nicht der letzte Abschnitt. Denn obwohl der Titel wenig hoffnungsvoll klingt, liegt im „morgengrauen” der Schlüssel zur Erlösung des Dichters.

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Der vierte und letzte Teil meines Eigenkommentars folgt in drei Wochen am 1. Januar 2017.


 
Ein Kommentar

Verfasst von - 11. Dezember 2016 in Literatur, Mondscheinsonette

 

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„Mondscheinsonette” – Ein Eigenkommentar (Teil 2)

Dies ist der zweite Teil meines Eigenkommentars zu „Mondscheinsonette”. Falls ihr den ersten Teil verpasst habt, könnt ihr ihn hier nachlesen.

Mitternacht, dies ist laut symbolonline.de „[d]er Punkt des Umschlags […] die Stunde der Einweihung in den antiken Mysterien […], der tiefsten Dunkelheit, die Zeit der Geister und Dämonen, der tiefsten Schatten und des geringsten Lichts, aber auch der spirituellen und geistigen Erkenntnis”. Eine ambivalente Tageszeit also und genau aus diesem Grund erschien sie mir auch so passend für diesen Abschnitt in „Mondscheinsonette”. Denn die Sonette des Abschnittes „mitternacht” stellen die scheinbare Erfüllung der im ersten Teil geäußerten Erwartungen des lyrischen Ers dar. Die angerufene Nacht ist nun da („sie sprießt in tiefschwarzer pracht”), die Muse, antike Quelle der Inspiration, „küsst sein heißes herz” und oberflächlich gelesen scheint dieser Abschnitt tatsächlich die „glücklichste stunde” des lyrischen Ers zu beschreiben. Doch gibt es einige kleine Hinweise auf die folgenden Abschnitte und die Kurzlebigkeit dieses Zustandes der Euphorie. Im Gedicht „muse am meer” bleibt beispielsweise die Frage unbeantwortet: „wann wird er sie hören, die noten // gespielt vom ensemble der natur?”, ja man muss sich sogar die Frage stellen ob dieser Zustand der Euphorie überhaupt so wünschenswert ist wie er zunächst scheint: „nun lässt sie ihn endlich nicht mehr fliehn” heißt es etwa in „mondscheinmeditation”. Im Allgemeinen ist anzumerken, dass das lyrische Er sich zwar mehrmals in diesem Abschnitt in einem Zustand befindet, der ihm scheinbar eine Einweihung in die Geheimnisse der Natur ermöglicht, die eigentlichen Geheimnisse aber jedes Mal verborgen bleiben. Selbst der Vers „er findet sich selbst in der leere” wirkt in diesem Interpretationszusammenhang deutlich ambivalenter als während der ersten Lektüre. In diesem Zusammenhang ist auch ein alternativer Blick auf das Sonett „warmer novemberabend” lohnenswert. Oberflächlich und vor allem unabhängig von den anderen Gedichten betrachtet könnte man annehmen es handele sich um einen schlichten Lobgesang auf den Wein. Doch eigentlich beinhaltet dieses Gedicht ein Schlüsselelement zum Verständnis dieses ganzen Abschnitts: die Präsenz des antiken Gottes Dionysos und der Hinweis, dass der Klang der „dunklen melodie” eine Folge des Genusses dieser „rötliche[n] glut” ist, weist auf die rauschhafte Natur dieses Zustandes der Euphorie hin. Ein Rausch ist bekanntlich verbunden mit einem künstlich (künstlerisch?) herbeigeführten Zustand höchster Euphorie gefolgt allerdings durch einen oftmals doppelt so intensiven Absturz. Dieser folgt dann auch im nächsten Abschnitt, doch bevor ich mich diesem widme, muss ich noch kurz über das letzte Sonett dieses Abschnitts sprechen: „zwei eins”. Denn dieses Sonett unterscheidet sich grundsätzlich von den anderen, insbesondere dadurch da es in meinen Augen das einzige Gedicht ist, welches eine wahre Glückssituation des lyrischen Ers beschreibt. Das Glück in diesem Sonett ist kein rauschhaftes, durch Substanzen oder künstlerische Vorstellung herbeigeführtes, flüchtiges Glück, nein es ist weitaus realer und konkreter, weil es an eine andere Person gebunden ist. Das lyrische Er fühlt sich dieser anderen Person so verbunden, dass er sich fast schon mit ihr zu identifizieren beginnt: „getrennt im körper, vereint im geist”. Es ist diese „verbindung zweier seelen” die den einzigen Ausweg des lyrischen Ers aus seiner begrenzten Welt des Scheins darstellt, weil sie die Grenzen des eigenen Bewusstseins verwischt. Die Aneinanderreihung der Zahlwörter „zwei eins” im Titel stellt diese Verschmelzung optisch dar, auf semantischer Ebene verlieren sie dadurch ihre Bedeutung und werden praktisch austauschbar. Die physische Trennung wird fast schon zur Irrelevanz reduziert: „zwei hüllen für ein einziges herz”. Bis heute ist dieses Gedicht für mich persönlich das einzige im ganzen Band, welches eine wahre Glückssituation beschreibt. Doch zugleich ist es auch kein Zufall, dass es das letzte Gedicht des Abschnitts „mitternacht” ist. Denn nach diesem wahren Höhepunkt muss gezwungenerweise der Absturz folgen.

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Der dritte Teil dieses Eigenkommentars wird in zwei Wochen, also am 11. Dezember, veröffentlicht.


 
 

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„Mondscheinsonette” – Ein Eigenkommentar (Teil 1)

Fast 3 Monate ist es nun schon her, dass mein erster Gedichtband im regulären Buchhandel erschienen ist. Mondscheinsonette stellt von daher ohne Zweifel für mich einen Einschnitt dar, der sich allerdings nicht nur auf die Veröffentlichung in Druckform durch einen Verlag auszeichnet. Nein, dieser Gedichtband hat für mich auch einen Wechsel in meiner Art Lyrik zu schreiben bedeutet. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Eigenkommentar überhaupt schreiben sollte, da ich mich doch grundsätzlich den Ansätzen des großen Marcel Proust anschließe, welcher diese in seinem berühmten Essai «Contre Sainte-Beuve» herausgearbeitet hat; nämlich vor allem, dass die literarische Produktion unabhängig von der Biographie des Autors behandelt und interpretiert werden sollte. Denn wahre literarische Werke existieren für sich, außerhalb der individuellen Sphäre ihres Schaffers. Ich will deshalb für den nun folgenden Kommentar auch keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Er soll vielmehr meinen Gedankengang bei der Schaffung dieses Gedichtbandes beschreiben, was ich mir gedacht habe und wie ich persönlich den von mir verfassten Sonettzyklus sehe und interpretiere. Es wäre nämlich auch falsch den Autor komplett von seinem Werk zu trennen. Auch wenn es ihn zum leben nicht braucht, so ist der Autor doch in jedem Vers präsent und zu finden, ist die Interpretation des Autors dann doch eine welche ausgedrückt werden sollte. Mit diesen Gedanken will ich mich dann nun der Betrachtung meines neuesten Gedichtbandes Mondscheinsonette widmen.

Zu Anfang gilt es erst einmal festzustellen, was bereits im Titel enthalten ist: dieser Gedichtband beinhaltet Sonette. Was dem Literaturfreund und Vielleser vielleicht selbstverständlich ist, stößt bei vielen Gelegenheitsleser zuweilen auf Stutzigkeit. Ich möchte deshalb an dieser Stelle nochmals kurz auf Definition und Geschichte dieser Gedichtform eingehen:

Als Sonett bezeichnet man laut Wikipedia eine Gedichtform bestehend „aus 14 metrisch gegliederten Verszeilen”. Im Kern ist dies dann auch die einzige Voraussetzung, jedes Gedicht welches sich aus genau 14 Versen zusammensetzt, kann also im Prinzip als Sonett bezeichnet werden. Entstanden ist diese Form in Italien, noch heute gilt vielen fälschlicherweise der große fiorentinische Dichter Francesco Petrarca als der Erfinder des Sonetts, dabei reichen seine Ursprünge bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Nicht von der Hand zu weisen ist natürlich die Tatsache, dass Petrarca dem Sonett zu seiner Bekanntheit verholfen hat, unter anderem mit dem monumentalen Canzoniere. Die Bewegung hielt bald Einzug in anderen europäischen Ländern, so etwa in Frankreich, Spanien, Portugal oder auch England, wo es mit Spencer und natürlich Shakespeare unter einer neuen Form, dem „elisabethan sonnet” neue Berühmtheit erlangte. Nach dieser ersten Blütezeit geriet das Sonett erst einmal in Vergessenheit, bis es im späten 18. und dann vor allem im 19. Jahrhundert eine Wiedergeburt erlebte. Die besonders für mich, und damit auch für meinen Gedichtband, entscheidende Phase des Sonetts ereignete sich dabei in Frankreich. Mit dem Erscheinen von Les Fleurs du Mal revolutionierte Charles Baudelaire nicht nur die Lyrik seiner Zeit, er erfand auch das Sonett neu. Klassisch zwar noch immer in der Erscheinung, wurde das Sonett dennoch von ihm, und dann etwas später vor allem auch von Paul Verlaine, „befreit”. Seit dieser Zeit tauchte das Sonett immer mal wieder auf und erweist sich so als eine der langlebigsten Gedichtformen überhaupt, doch für diesen Kommentar genügt es, bei diesen französischen Symbolisten inne zu halten, denn sie sollten mir den kreativen Anstoss zur Schaffung meiner Mondscheinsonette geben.

Sonette also sollten es sein, so viel stand für mich spätestens im Dezember letzten Jahres fest. Eine bewährte Form die ich aber dennoch auf eine bestimmte Art und Weise an unsere Zeit anpassen wollte. Mir kam eine Idee, welche ich zu Anfang jedoch nur bei einem einzigen Gedicht ausprobierte, nämlich bei meinem Sonett „inanitas”: ich bediente mich der in der deutschen zeitgenössischen Lyrik inzwischen etablierten konsequenten Kleinschreibung. Während dies natürlich schon lange keinen mehr schockt, war es für mich ein wichtiger Schritt und sollte dann später, auf Anraten meines Französischlehrers, zum Standart für diesen Gedichtband werden. Doch gehen wir Schritt für Schritt vor.

Der Band öffnet sich mit einem isolierten Gedicht: „musengesang”. Dieses, wie auch das Schlusssonett, unterscheidet sich von den anderen Gedichten, durch seine Form aber auch durch seinen Inhalt. Die Alexandriner dieses Sonetts beinhalten eine euphorische Stimmung, der Dichter, der „Sohn des Apoll” fühlt sich endlich wieder inspiriert und ruft in höchster Freude die Götter des alten Griechenland an, jene welche schon Goethe zu einigen seiner schönsten klassischen Werke inspiriert haben. Trotz der konsequenten Kleinschreibung, welche das Sonett in den Zyklus eingliedert, wirkt es von allen am „klassischsten” und markiert den Anfang einer künstlerischen Schöpfungsphase. Es ist dabei bewusst klassisch gehalten, da es als Anfangsgedicht auch eine Art Hommage an ältere Sonette darstellen soll, dieser wie bereits erwähnt doch sehr langlebigen Gedichtform. Nachfolgend soll sich diese Schöpfungsphase dann in vier Teilen abspielen:

1. früher abend

2. mitternacht

3. tiefste nacht

4. morgengrauen

Die Titel der einzelnen Abschnitte stehen weniger für den realen Verlauf einer einzigen Nacht, als sie vielmehr für lyrische Stimmungsphasen stehen. Ich werde dies nun im Detail für jeden Abschnitt herausarbeiten.

Die Sonette des Abschnitts „früher abend” verbindet eine Aufbruchstimmung. Es ist das Ende des Alltags, die Nacht ist noch nicht hier doch ist sie bereits zum greifen nah. Voll Vorfreude wird in diesen Gedichten einerseits die Befreiung vom Tag (cf. „die nacht ertränkt den verhassten Tag”) und andererseits der Beginn der künstlerisch fruchtbaren Nacht (cf. „seinen dunklen willen, // der zu lange schon im tiefschlaf lag” sowie die „stille macht” und die „stille schönheit”) gefeiert. Der Dichter wie er in diesen Gedichten auftritt ist ein marginalisierter Einzelgänger der sich der großen Masse nicht zugehörig fühlt (cf. das Empfinden als „geisel” der „verlogene[n] stadt”). So wird dann auch in mehreren Gedichten vor allem die Zusammengehörigkeit des lyrischen Ers (zu dieser Besonderheit am Ende mehr) mit der oftmals personifizierten Nacht (cf. besonders „schwarze göttin”, „schwarze schwester”) hervorgehoben. Der Dichter als Teil einer kleinen, ja oftmals sogar auf ein Dreiecksverhältnis zwischen Dichter, Nacht und einer ungenannten dritten Person (lediglich als „sie” einzeln und in der Inklusion mit dem lyrischen Er als „schattenkinder” erwähnt) reduzierten, Gemeinschaft. In diesem Eröffnungsteil stellt die Nacht die kommende Erlösung vom Alltag und seinen Illusionen dar, als Zustand der sehnlichst vom Dichter herbeigesehnt wird.

Doch auch wenn die Nacht diesen Teil definitiv dominiert, ist doch noch ein weiteres Element Ziel einer Bewunderung des lyrischen Ers. Im Sonett „die schwarze perle” ist von der Lagunenstadt Venedig die Rede, leicht erkennbar an den bekannten Verweisen wie etwa der „märchentempel”, die „gondel”, das „acqua alta” oder auch der „kanal”. Die Serenissima erhält in diesem Sonett ähnlich befreiende Eigenschaften wie die Nacht, wird sogar durch den „mond” am Ende mit ihr kombiniert. Deutlich wird in diesem Sonett auch die offenbarende, die Wahrheit offenlegende Kraft sowohl Venedigs als auch der Nacht, betont:

„ein kanal, die ader zur wahrheit

der mond legt das geheime offen.”

So ist denn dieser erste Teil eine Kondensation künstlerischer Vorfreude. Dominierend sind die Gefühle der Hoffnung, der Vorfreude und vor allem auch der Befreiung. Die Gesellschaft wird lediglich am Rande erwähnt und wenn sie genannt wird, dann als ein Ort der Gefangenschaft des lyrischen Ers. Die bis jetzt nur angekündigte künstlerische Befreiung durch die Nacht, setzt dann definitiv mit dem nun folgenden Teil „mitternacht” ein.

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Dies schließt den ersten Teil meines Eigenkommentars. Die Fortsetzung wird nächsten Sonntag erfolgen.


 

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