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Milan Babić – Geschichte eines Künstlers

Milan Babić – Geschichte eines Künstlers

Was genau mich an diesem 18. Dezember in das Atelier von Milan Babić getrieben hat weiß ich nicht mehr. Es gibt keinen wirklichen Grund für mich hier zu sein. Nun gut, es gibt den Vorwand den ich mir ausgedacht habe, dass ich ihm an diesem vierten Advent ein Geschenk bringen wollte, so wie man das als guter Nachbar macht. Aber nun, da ich vor seiner Tür stehe, fällt mir mehr und mehr die Schwäche dieses Argumentes auf. Milan Babić wohnte bereits hier als ich vor einem Jahr hierhergezogen bin, aber zu mehr als ein paar höflichen Begrüßungen über den Gartenzaun hat es in dem ganzen vergangenen Jahr irgendwie nie gereicht. Insofern habe ich bisher auch nur recht wenig über meinen Nachbarn gewusst, alles was ich wusste war, dass er ein Künstler ist und größtenteils zurückgezogen in seinem Atelier lebt. Damit war für mich eigentlich schon alles gesagt, Künstler habe ich nie wirklich verstanden, mit ihren seltsamen Verhaltensweisen und dem Hang zum Geheimnisvollen. Im Gegensatz zu so vielen anderen Dorfbewohnern bin ich Milan Babić auch nie über den Weg gelaufen, weder beim Einkaufen, noch im Gottesdienst, noch an der Theke in der Dorfkneipe. Trotz dieses isolierten Lebens genießt er allerdings hohes Ansehen bei den anderen Dorfbewohnern, jedenfalls waren sie alle immer nur voll des Lobes, wenn ich mich nach meinem mysteriösen Nachbarn erkundigt habe. Doch das alles erklärt nun immer noch nicht, warum ich jetzt mit einer Schüssel Plätzchen vor seiner Haustür stehe. Ich sagte anfangs, dass ich nicht genau wüsste, was mich hierher verschlagen hat. Nun, das stimmt nur zum Teil, tatsächlich ist es sogar komplett gelogen. Eigentlich weiß ich noch ganz genau was es war, das in mir den Drang ausgelöst hat, diesen Mann kennenzulernen.

Es muss vor einigen Tagen gewesen sein, als ich mich im Rathaus befand, aufgrund irgendeines irrelevanten bürokratischen Details. Wie so oft war ich nicht der einzige dort und so wurde ich gebeten erst einmal zu warten. Im dafür vorgesehen Raum, wollte ich mich eigentlich gleich der Lektüre des Sportteils widmen, als mein Blick auf einmal abgelenkt wurde. Vor mir hing ein Gemälde welches eine auf den ersten Blick belanglose Szene darstellte, nämlich eine Menschenmenge in einem Park, die sich allerlei Aktivitäten hingab. Was aber meine Aufmerksamkeit erregte, war eigentlich ein winziges Detail: leicht zu übersehen, im Hintergrund der Szenerie konnte man ein Mädchen sehen. Es stand auf einem Balkon und schien das Getümmel der Massen unter seinem Wohnblock zu beobachten, doch mir war es, als ob sein Blick in Wirklichkeit aus dem Bild heraus, zu mir in die Wirklichkeit blickte. Das Mädchen blickte mich an, ich bin mir heute absolut sicher. Dazu kam, dass das Mädchen unglaublich detailgetreu dargestellt war, obwohl es ja eigentlich gar nicht der Fokus des Bildes war. Genau weiß ich es nicht, was in diesem Moment mit mir passiert ist, aber es war etwas in der Art der Darstellung dieses Mädchens, das mich zutiefst beeindruckt und berührt hat. Ja, ich glaube man könnte sogar sagen, dass ich mich erinnert gefühlt habe. Jedenfalls war der Effekt dieses Bildes auf mich so groß, dass ich gleich nachgefragt habe, wer der Künstler sei. Man antwortete mir, mit leichter Verwunderung, dass ich es nicht bereits wüsste, dass es ein Gemälde des beliebten Dorfkünstlers Milan Babić sei, meines Nachbarn.

Nun stehe ich also hier, bereit und entschlossen, diesen Mann kennenzulernen. Ich klopfe an seine Tür, dreimal denn das scheint mir eine akzeptable Anzahl zu sein, und warte. Drinnen tut sich erst mal nichts, doch nach einigen Sekunden hört man schwere Schritte, die sich wie in großer Anstrengung zur Tür bewegen. Mit einem gequälten Knarren öffnet sich die schwere Holztür, fast so als ob sie sich das erste Mal seit vielen Jahren wieder einem Menschen öffnen würde. Ehe ich mich es versehe, steht er auch schon vor mir: Milan Babić. Obwohl er durch sein hohes Alter inzwischen etwas eingegangen ist, merkt man ihm an, dass er wohl in der Blüte seines Lebens ein relativ groß gewachsener Mann gewesen sein musste. Unter Haarausfall scheint er auch noch nicht zu leiden, denn seine schneeweißen Haare reichen ihm ohne Probleme bis zu seinem Hals. Nicht sonderlich gut gealtert ist jedoch sein Gesicht, es ist von tiefen Furchen durchzogen die sich wie Risse nach einem massiven Erdbeben durch die ergraute Landschaft seines Gesichts ziehen. Auf seiner Nase ruht bedächtig eine dicke Brille durch die, hinter einer dicken Glaswand gefangen, zwei dunkelgrüne Augen mich fragend, aber nicht abweisend, begutachten.

„Ähm, guten Tag Herr Babić! Mein Name ist Gustav Kaster, ich wohne im Haus neben Ihnen, vielleicht erinnern Sie sich, wir haben uns manchmal kurz begrüßt…“

Mein Gegenüber hat sich keinen Millimeter gerührt. Er scheint noch immer abzuwägen, was er von diesem unerwarteten Gast vor seiner Tür zu halten habe. Doch mit absoluter Sicherheit kann ich das nicht behaupten, es ist unmöglich seine Mimik zu deuten.

„Jedenfalls wollte ich Ihnen einen frohen vierten Advent wünschen.“

Ich halte ihm in der ungeschicktesten Art und Weise meine Schüssel mit Plätzchen vor die Nase. Ich würde es ihm nicht übelnehmen, wenn er einfach die Tür schließen würde. Aber plötzlich scheint sich etwas in ihm zu tun. Seine Gesichtszüge lockern auf, seine grünen Augen scheinen mir plötzlich heller zu sein und mit einer warmen, freundlichen Stimme lädt er mich zu sich ein:

„Das ist sehr nett von Ihnen, Herr Kaster. Kommen Sie doch rein, ich habe mir gerade Tee zubereitet.“

Im Fall von Milan Babić von einem Haus zu sprechen würde der Situation wohl nicht ganz gerecht werden. Bereits nach einigen Schritten wird mir klar, dass dieser Künstler praktisch mitten in seinem Atelier lebt. Die Wände hängen voll mit Bildern, von ihm aber auch die Stile einiger anderer Künstler sind darunter zu erkennen. Insgesamt vier Staffeleien zähle ich und an jeder befindet sich ein noch nicht fertig gestelltes Gemälde, er scheint wohl jemand zu sein der gerne an vielen Projekten gleichzeitig arbeitet. Während mein Blick über die fensterartigen Bilder streift, fällt mir immer wieder das Mädchen auf. Hier und da, subtil im Hintergrund, niemals im Zentrum der Aufmerksamkeit aber auf irgendeine Art und Weise doch der interessanteste Punkt eines jeden Gemäldes. Wir nehmen uns Platz an einem runden Holztisch, ungefähr in der Mitte des einen großen Raumes, aus dem Milan Babićs Haus besteht. Mein freundlicher Nachbar schüttet mir behutsam Tee in eine kleine, hellblaue Tasse.

„Nun Herr Kaster, dann sagen Sie mir doch jetzt warum Sie wirklich hier sind!“

Weder in seinem Tonfall, noch in seinem Gesichtsausdruck liegt auch nur der Hauch eines Vorwurfs und doch fühle ich mich überrumpelt von seiner Aufforderung. Der alte Künstler scheint es offensichtlich zu bemerken, da er gleich lachend hinzufügt:

„Ich bin vielleicht alt und ein allein lebender Künstler, aber ein ganz bisschen Verstand ist mir schon noch geblieben.“

Erleichtert, dass er mein kleines Täuschungsmanöver wohlwollend aufgelöst hat, berichte ich ihm von meiner indirekten ersten Begegnung mit ihm im Rathaus. Milan Babić hört mir aufmerksam zu und unterbricht den Blickkontakt dabei nicht einmal für eine einzige Sekunde. Er scheint jedes meiner Wörter auf eine innere Waagschale zu legen und abzuschätzen wie unser Verhältnis sich daraufhin entwickeln wird. Im Allgemeinen strahlt Babić eine große Ruhe aus, aber keine leere auf Passivität beruhende Stille, sondern eine fast spürbare, dauernd agierende Ruhe die einen fast schon etwas einschüchtert, wenn da nicht dieses warme, einladende Lächeln auf seinem Gesicht wäre, welches einem ein angenehmes Gefühl von Sicherheit vermittelt. Ich bin inzwischen mit meinem Bericht fertig und lasse meine Stimme langsam wieder sinken. Milan Babić schweigt erst einmal. Seine nun wieder tiefgrünen Augen liegen schwer in seinen vom Alter und wohl auch der Kunst gezeichneten Augenhöhlen. Während ich gesprochen habe, ist mir diese sehr subtile Veränderung bereits aufgefallen, fast so als ob es ihn auf eine resignierende Art anstrengen würde an seine Kunst zu denken. Er nimmt einen Schluck Tee zu sich, ohne irgendein Anzeichen einer nahenden Antwort zu vermitteln, steht langsam auf und bewegt sich behutsam zu einer der vier Staffeleien zu. Er hält inne und sagt schließlich komplett wertfrei:

„Sie interessieren sich also für meine Kunst Herr Kaster?“

Trotz seines Bemühens um Freundlichkeit merke ich, dass ich, wenn ich jetzt nicht handele, sein Vertrauen nie gewinnen könnte. Milan Babić, der Künstler: wie viele haben ihn wohl zu seiner Kunst angesprochen? Es ist an der Zeit komplett ehrlich zu sein:

„Eigentlich interessiert mich ein ganz bestimmter Teil Ihrer Kunst Herr Babić.“

Noch immer steht er mit dem Rücken zu mir gewendet, aber ich bemerke eine neugierige Anspannung in seinem Genick.

„Wer ist das junge Mädchen?“

Er hebt seinen Kopf, jetzt überhaupt nicht mehr behutsam, und wendet sich mir zu. Über den Raum hinweg blitzen die grünen Augen wieder auf und scheinen plötzlich wie wiederbelebt. Er nähert sich mir, schleichend und offensichtlich noch vorsichtig prüfend:

„Was meinen Sie damit Herr Kaster?“

Ich habe ihn zurückgewonnen.

„Das junge Mädchen welches in jedem Ihrer Gemälde zu finden ist.“

Während ich ausführe, gehe ich von einem Bild zum nächsten und zeige auf die Mädchenszenen.

„Nie im Zentrum, nie das Hauptmotiv, aber es ist in jedem Bild…“

Ich erreiche die vierte Staffelei, vor der Milan Babić gerade steht. Es ist noch nichts auf dieser Leinwand, außer dem Mädchen, auf einer Parkbank sitzend in die Lektüre eines Buchs mit violettem Einband vertieft.

„…und jedes Mal ist es das faszinierendste Element der ganzen Szenerie.“

Nun schweigen wir beide. Milan Babić lächelt noch immer. Jetzt allerdings, ist es ein Lächeln aus Dankbarkeit.

Wir setzen uns wieder an den kleinen Holztisch und nachdem ich uns Tee nachgegossen habe, fängt der Künstler an zu erzählen:

„Es ist nun schon viele Jahre, ach Jahrzehnte!, her. Damals in meiner Jugend als ich noch in Kroatien wohnte, lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hieß Vitalia und war aus beruflichen Gründen in meiner Gegend. Wir kamen ziemlich schnell ins Gespräch und lernten uns langsam kennen. Sie war, wie ich, eine Kunstliebhaberin, ganz besonders mochte sie Gedichte. Wir verbrachten ganze Stunden von Tagen damit, über Kunst zu reden, auf eine Art wie ich es noch nie zuvor mit jemandem tun konnte. Doch durch die Kunst begannen wir auch immer mehr von uns zu reden. Sie müssen wissen, Herr Kaster, die Werke eines Künstlers offenbaren oft mehr über ihren Erschaffer als er es sich selbst bewusst ist, aber genauso verraten die Werke die wir selbst mögen auch eine ganze Menge über uns. Persönliche, sehr private Dinge, die sie gar nicht in einer anderen Art als die der Kunst ausdrücken können. Vitalia und ich, wir sprachen endlos lange über Kunst, unsere Kunst, und nach und nach machten wir uns dadurch einander natürlich auch immer verwundbarer. Aber es war ein wunderschönes Gefühl. Vitalia war der erste und einzige Mensch, der mich wirklich kennengelernt hat und sie war die Einzige die meine Seele sehen konnte. In vielerlei Hinsicht kannten wir uns wohl gegenseitig besser als wir uns selbst je kennen könnten. Ein halbes Jahr lang war ich glücklich. Wirklich glücklich, im Sinne von: ich spürte in meinem Herzen kein anderes Gefühl als das eines alles umfassenden Glücks und Vitalia war der Quell dieses wunderschönen Gefühls. Nach diesem halben Jahr aber, geschah es, dass sie gehen musste. Der Zufall war es, der uns bekannt machte, der Zufall war es, der uns einander entriss. Sie musste gehen, in ein anderes Land, ihre Arbeit ließ ein Bleiben nicht zu. Ich wollte ihr folgen, aber ich war der Älteste einer mehrköpfigen Familie und mein Vater war im letzten großen Krieg verstorben. Bei unserem Abschied hatte sie eine einzige Bitte an mich: vergessen. Sie vergessen und weitergehen. Sie wünschte sich, dass ich eines Tages eine Frau kennenlernen würde, mit der ich über Kunst reden könnte und ihr meine Heimat, auf die ich damals so stolz war, zeigen könnte. Es war glaube ich der einzige Punkt, in dem Vitalia mich nie verstanden hat. Ich konnte sie nicht vergessen. Ich dachte an sie in jeder Sekunde eines jeden Tages der nach ihrer Abreise verging und ich dachte an sie an jedem Tag eines jeden Monats der ins Land zog und ich dachte an sie in jedem Monat eines jeden Jahres die unerbittlich vergingen während sie nicht mehr bei mir war und ich werde an sie denken in jedem Jahr das noch zu kommen ist, bis es mich ins Grabe trägt. Ich liebe Vitalia, Herr Kaster. Ich liebe sie von ganzem Herzen und auch heute, nach nun fast fünfzig Jahren, liebe ich sie immer noch wie damals als wir uns gegenseitig Gedichte vorlasen.“

Mit jedem Wort füllen sich Milan Babićs Augen mehr und mehr mit den Tränen die sich ohne Zweifel während Jahrzehnten in seinem Herzen angestaut hatten. Fünf einzelne dieser Tränen einer verlorenen Liebe, fließen schließlich langsam über die pergamentartige Haut eines Mannes der ein Leben lang gewartet hat.

„Sie trauen sich nicht Ihre Stimme zu erheben Herr Kaster, aber ich weiß was Sie mich fragen wollen: warum konnte ich sie nicht vergessen? Nun die Antwort ist so simpel wie komplex. Vitalia hat mich verändert. Den Milan Babić den sie damals in Kroatien zurückließ, war nicht mehr der gleiche der er so viele Jahre lang war. Sie ist in mein Wesen übergegangen und hat alle meine weiteren Entscheidungen beeinflusst. Nachdem sie gegangen war, beschloss ich italienisch zu lernen, weil es ihre Muttersprache war. Ich lernte diese Sprache mit einer Motivation, wie ich es nie zuvor für etwas aufbringen konnte, weil ich sie in dieser Sprache, die ich sie manchmal sprechen hörte, wieder treffen konnte. Sie ist mir nah, heute noch, wenn ich diese Sprache spreche oder höre, für einen kurzen Moment kann ich sie wieder spüren. Ich entschied mich zu dieser Zeit auch, Künstler zu werden, weil Vitalia das für mich gewollt hätte. Seither habe ich immer versucht Werke zu schaffen, die ihr gefallen würden, weil es irgendwo in mir immer noch diese kleine Hoffnung gibt, dass sie vielleicht eines Tages irgendwo auf eines meiner Werke stößt und weiß, dass ich noch immer an sie denke. Dass ich sie nicht vergessen habe.“

„Malen Sie sie deshalb in jedes Ihrer Gemälde?“

Ein Lächeln breitet sich bei dieser Frage wieder über das erschöpfte Gesicht des großen Künstlers aus:

„Zum Teil. Es hat aber auch mit etwas zu tun, was wir einmal besprochen hatten. Wie an alle unsere Gespräche, kann ich mich noch erinnern als ob es gestern gewesen wäre. Wir haben darüber gesprochen was für eine Art Figuren wir wohl wären, wenn wir in einem Kunstwerk auftauchen würden, etwa in einem Roman oder eben in einem Gemälde. Vitalia war sich damals sicher, dass sie eine nervige und von allen gehasste Figur wäre. Ich weiß, für Sie ist das bestimmt befremdlich, aber es sind Dinge wie diese die ich an ihr mochte und auch für mich persönlich nachvollziehen konnte. Ich hatte ihr damals aber versichert, dass ich sie eher als eine unauffällige Figur im Hintergrund sehen würde, nie im Zentrum der Aufmerksamkeit…“

„…aber immer unerlässlich für die Schönheit des Bildes.“

Der aufgelöste Künstler nickt zustimmend:

„Genau Herr Kaster. Genau.“

Nach diesem sehr persönlichen Gespräch mit Milan Babić sprechen wir noch etwas über seine Werke und Vitalias Rolle in jedem einzelnen von ihnen. Schließlich aber wird es später Abend und ich entschließe mich nach Hause zu gehen. Ich verabschiede mich von Babić und wünsche ihm zum Abschied, dass er Vitalia irgendwann doch noch einmal wiedersehen könnte. Der gutmütige Künstler erklärt mir daraufhin mit ruhiger Stimme:

„Wissen Sie Herr Kaster, in all diesen Jahren ist mir eines bewusst geworden: lieben ist die stärkste und beste Eigenschaft die wir Menschen besitzen. Es ist nicht entscheidend, ob diese Liebe erfüllt wird, solange wir mit ganzer Seele lieben, gibt es einen Grund sich auf den morgigen Tag zu freuen. Wahnsinnig zu werden, aus unerschöpflicher Liebe zu einer anderen Person, das ist das Schönste was einem geschehen kann.“

Während ich langsam zu meinem Haus zurückschlendere, sehe ich aus dem Augenwinkel noch einmal die Silhouette von Milan Babić, die sich gerade an der vierten Staffelei zu schaffen macht. Vielleicht zeichnet er gerade den Titel auf das violette Buch des Mädchens.

Copyright 2016 Tom Weber

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Si un jour tu veux revenir

Sans mots, sans pleurs, sans même sourire

Négligemment et sans te retenir

Sans farder du passé tout l’avenir…

Le soir quand je te vois sourire

Sur cette photo qui ne veut rien dire

Sous ta vieille lampe qui tremble et chavire

Tu viens grimacer dans mes souvenirs

 

Maintenant, comme avant,

Doucement, sans pâlir, sans mentir, sans souffrir…

Aujourd’hui, je te dis:

 

Souffrir par toi n’est pas souffrir,

C’est comme mourir ou bien faire rire

C’est s’éloigner du monde des vivants

Dans la fôret, voir l’arbre mort seulement.

Comme un jour tu viendras sûrement

Dans ce salon qui perd son temps,

Ne parlons plus jamais de nos déserts…

Et si tu restes je mets le couvert

Maintenant, comme avant,

Doucement, sans pâlir, sans mentir, sans souffrir

Aujourd’hui, je te dis:

 

Tous les voyages ne veulent rien dire

Je sais des choses qui te feraient rire

Moi qui entassais des souvenirs par paresse

Ce sont tes vieux chandails que je caresse

 

Maintenant, comme avant, doucement

Restons-en au présent pour la vie,

 

Aujourd’hui, reste ici

 – Texte par Étienne Roda-Gil, mis en musique par Julien Clerc (écoutez la chanson ici)

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Verfasst von - 18. Dezember 2016 in Literatur

 

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Sonntagslyrik #11

Eine solche Leistung verdient wahrlich Applaus!

 

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Dichter sein

Was ist die Funktion des Dichters? Über keine andere Frage habe ich während der letzten 3 Jahre wohl so häufig meditiert wie über diese. Nach sorgfältigen Lektüren der größten Werke aus 4 verschiedenen Sprachen und höchst bereichernden Diskussionen mit anderen Literaturfreunden und Dichtern glaube ich eine erste Bilanz ziehen zu können. Die Wahrheit ist ein heißes Eisen und wer sich viel und gerne mit Literatur beschäftigt weiß, dass sie der Liebe an Ambivalenz in nichts nachsteht. Wer liest oder schreibt, sucht die Wahrheit doch ist sich stets bewusst, dass er sie niemals finden wird. Im Gegensatz zu den exakten Wissenschaften will die Literatur keine messbaren, präzisen Resultate präsentieren. Sie entsteht durch das Gefühl, dieses geheimnisvolle „Etwas“ welches sich der rationalen Betrachtung auf ewig entziehen wird. Literatur und Wissenschaft sind keine Gegensätze die sich abstoßen, sie ergänzen sich und wirken komplementär. Während die Wissenschaft es sich zur Aufgabe gemacht hat, Licht in das Dunkel zu bringen, erkundet die Literatur das Wesen der Dunkelheit an sich. Der Dichter ist dieser Forscher, doch viel eher noch würde ich ihn als einen Beobachter bezeichnen. Der Vorwurf vom „Schriftsteller im Elfenbeinturm“ ist nicht neu und doch auch heute noch aktuell. Der Dichter aber muss sich distanzieren, er ist von seiner Natur aus marginalisiert und dies ist zu seinem Vorteil. Vom Rand aus bietet sich ihm ein breiter Blick über die Gesellschaft seiner Zeit. Dabei ist er nicht einmal unbedingt physisch außerhalb derselben, oft nimmt er aktiv an ihr Teil. Etgar Keret stellt in seinem Memoir „Die sieben guten Jahre“ klar:

„Der Schriftsteller ist weder ein Heiliger, noch ein Zadik, noch ein Prophet, der am Tor steht, er ist bloß ein Sünder mehr, der eine etwas schärfere Auffassungsgabe hat und eine etwas präzisere Sprache benützt, um die unbegreifliche Wirklichkeit unserer Welt zu beschreiben.”

Gerade dadurch, dass er „bloß ein Sünder mehr” ist, gelingt es ihm die Mechanismen der Welt in der er sich befindet zu erkennen. Der Dichter ist immer kritisch, immer skeptisch, er hinterfragt alles und jeden und am meisten sich selbst. Der poetische Geist ist Gabe und Fluch zugleich, denn Ruhe oder gar Zufriedenheit wird ein solcher Mensch nicht finden. Der wahre Dichter schreibt um sein Leben. Thomas Mann beschrieb es bereits aufs Vortrefflichste in seiner Novelle „Der Tod in Venedig”, in welcher er die Kunst als „ein erhöhtes Leben” bezeichnet. „Sie beglückt tiefer, sie verzehrt rascher”, für den Künstler gibt es nur das Absolute. Er ist der Spielball seiner Gefühle und es ist seine Aufgabe zu lernen mit ihnen umzugehen. Im Französischen gibt es den Begriff der „béatitude”, der Zustand welcher sich aus Ataraxie und Aponie ergibt, also vollster geistiger und körperlicher Zufriedenheit. Im Deutschen würde man den Begriff am ehesten mit „Glückseligkeit” übersetzen, doch trifft es nicht genau den Sinn seines Französischen Pendants. Auf jeden Fall ist dieser Zustand für den Dichter nicht erreichbar. Er ist von Natur aus ein innerlich zerrissener Charakter, gefangen im ewigen Gegensatz seiner „zwei Seelen”, zwischen „Spleen” und „Ideal”, zwischen Apoll und Dionysos. All dies klingt nicht gerade heiter und könnte zu dem Trugschluss verleiten, der Dichter sei zu einer jämmerlichen Existenz voller Leiden verurteilt. Doch weit gefehlt. Es ist die Literatur die dem Dichter diese komplexe Persönlichkeit auferlegt, es ist die Literatur die ihn an den Rand drängt, doch es ist auch die Literatur die ihn von seiner eigenen Last befreit. Der französische Schriftsteller Marcel Proust bringt es in seinem Jahrhundertwerk „À la recherche du temps perdu” auf den Punkt:

„La vraie vie, […] c’est la littérature”

(übersetzt: „Das wahre Leben, [..] ist die Literatur”)

Denn auch wenn der künstlerische Geist auf ewig in unserer materiellen Realität zu ziellosem Streben nach mehr verurteilt ist, so findet er seine Erfüllung in der Literatur. Der Fehler von Gustave Flauberts Heldin Emma Bovary war, dass sie versucht hat, ihre romantischen Träume in die Realität zu übertragen. Doch was in die Realität übertragen wird, ist ohne Ausnahme zur Vergänglichkeit verurteilt. Die Gefahr der Romantik lag und liegt immer noch in der Schaffung einer Welt der Illusionen die scheinbar der Wirklichkeit entspricht, doch tatsächlich nur in der künstlerischen Phantasie existiert. Der große Fehler Emma Bovarys war so der Versuch, die idealisierte Welt des Künstlers in der Wirklichkeit zu suchen. Der Dichter hingegen agiert umgekehrt: er beobachtet seine Umwelt, destilliert aus ihr die Essenz hinter dem Schein, verdichtet sie in der künstlerischen Form der Lyrik und erhebt sie so auf eine intellektuelle Ebene. Die Literatur übernimmt dabei die Rolle eines Prismas. Kein Spiegel, denn niemals ist sie eine bloße Abbildung oder eine schwache Reflexion der Realität, vielmehr bricht sie den Schein der Welt und offenbart ihre einzelnen Bestandteile. Der Dichter ist ein Beobachter seines Umfelds und seiner selbst, sein Werkzeug ist das Gefühl und seine Werkbank die Literatur. Dichter sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Man arbeitet sein Leben lang und findet in der Literatur Start, Mittel und Ziel. Sie bietet einem die höchsten Freuden und die tiefste Traurigkeit, doch kann man sich immer Gewiss sein, dass sie einem zugleich die breiteste menschenmögliche Erfahrung der Welt bietet.

 
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Verfasst von - 12. Juni 2016 in Literatur

 

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Franz Kafkas Missverständnis

Franz Kafkas Missverständnis

Liebster Max, 

meine letzte Bitte: alles was sich in meinem Nachlass (also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause und im Bureau, oder wohin sonst irgendetwas vertragen worden sein sollte und Dir auffällt) an Tagebüchern, Manuscripten, Briefen, fremden und eigenen, Gezeichnetem u.s.w. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder Gezeichnete, das Du oder andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man Dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.

Dein          

Franz Kafka

Franz Kafka gehört zu meinen liebsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Seine wegweisende und sehr individuelle Art zu schreiben öffnete der Literatur den Weg in den Traum und zu einem neuem Verständnis des Irrationalen. Ein Detail aus Kafkas Leben jedoch hat mich immer schon mehr beschäftigt als sein literarisches Werk an sich oder auch seine unvergleichliche Korrespondenz: seine Bitte an seinen Freund Max Brod, sein Werk nach seinem Tod zu verbrennen. Diese Entscheidung, welche Brod als guter Freund Gott sei Dank nicht respektierte, brachte mich zum Nachdenken über die Beziehung eines Künstlers zu seinem Werk und vor allem seine Macht über jenes.

Erst einmal ist diese Entscheidung Kafkas äußerst eigentümlich. Jeder Mensch, egal wie großzügig oder hilfsbereit, ist im Kern egoistisch. Dies ist keine Schande, sondern evolutiv bedingt und Teil des Menschseins. Das Bedürfnis nicht vergessen zu werden ist demnach absolut verständlich. Als Künstler ist man Schöpfer, Erschaffer seiner Werke welcher Art sie auch immer sein mögen. Viele sprechen vielleicht nicht darüber, aber ein Antrieb künstlerischen Schaffens ist immer der Gedanke, der Wunsch der Nachwelt etwas zu hinterlassen. Selbst Tagebücher, welche wir vorsätzlich nur für uns selbst führen, sind doch eigentlich immer auch für ein breiteres Publikum gedacht. Ist es wirklich bloßer Zufall, dass die Tagebücher großer Schriftsteller immer wie durch Zufall nach ihrem Tod auf ihrem Schreibtisch oder im Nachlass gefunden werden? Hätte der Autor wirklich gewollt, dass sie privat bleiben sollten hätte er sie vernichtet oder wenigstens gewünscht, dass man dies nach seinem Tod tun sollte. Also genau was Kafka von Max Brod verlangt hat.

Kafka schien es also durchaus ernst gemeint zu haben mit seinem Wunsch vergessen zu werden. Er wollte der Nachwelt nichts hinterlassen, kein einziges Wort. Sein Wunsch war es, dass mit ihm auch sein Werk sterben sollte. Doch hat ein Künstler überhaupt das Recht, in diesem Maße über sein eigenes Werk zu verfügen? Ich bin fest überzeugt, dass das Werk einen eigenen Platz einnehmen muss. Der Künstler erschafft es, doch nachdem dieser Prozess beendet ist, löst er sich von dem Geschaffenen. Das künstlerische Werk an sich entzieht sich immer dem Willen des Künstlers nach seiner Fertigstellung. Denn dieses Werk, egal von wie vielen Menschen es im Nachhinein tatsächlich gelesen wird, befindet sich ab diesem Moment im Besitz der Öffentlichkeit. Die Kunst wirkt durch den Künstler und die Worte des Künstlers werden zu den Worten der Literatur selbst. Jeder Künstler wirkt auf seine Weise an diesem gigantischen Menschheitsprojekt mit und in der Summe erwacht dieses zu ganz eigenem Leben. 

Der ehemalige Präsident der christlich-sozialen Jugend in Luxemburg und jetziger Abgeordneter für die christlich-soziale Volkspartei in der Chambre des Députés, Serge Wilmes, hat einmal während eines Besuches im Echternacher Gymnasium gesagt, dass man als Politiker nicht mehr sich selbst sondern der Öffentlichkeit gehört. Das Gleiche gilt für den Künstler und im Besonderen für sein Werk. Max Brods Verhalten war also alles andere als verwerflich, hatte Kafka doch etwas von ihm verlangt, was eigentlich gar nicht zu erfüllen ist. Genau wie im Kontext des Internets ist das so genannte „Recht auf Vergessen” für manchen vielleicht eine schöne Illusion, aber realistisch nicht zu erfüllen. Das Internet, als kollektives Gehirn aus Bits und Bytes, vergisst nicht und die Kunst schon gar nicht.

 
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Verfasst von - 10. April 2016 in Literatur

 

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Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens (Teil 4 – ENDE)

Über dem leeren Flur lag eine erdrückende Stille. Die aschgrauen Mauern türmten sich wie die Wände einer Kathedrale zu Welkenfelds Seiten auf. Sein Arbeitszimmer lag im 2. Stock. Jeder seiner Schritte hallte bedrohlich wieder, wie Glockenschläge die den Geweihten begleiteten. Er fühlte sich unwohl. Diese Muse hatte etwas in ihm in Gang gesetzt, das er nicht unter Kontrolle hatte. Die Liebe umarmte ihn diesmal nicht mit aphroditischer Zärtlichkeit, sondern erdrückte seinen verstaubten Leib in den garstigen Armen einer warzigen Gorgone. Das Mädchen ließ ihn nicht mehr los, es hatte sich wie eine Spinne in seinem Geiste festgesetzt und umschloss ihn in einem undurchdringlichen Netz. Der Gehetzte bekam schlecht Luft. Eine unsichtbare Kraft schien ihm die Kehle zuzuschnüren, während ein Dämon ihm in seinem Inneren seinen Magen herauszureißen drohte. Noch nie hatte eine Muse ihm solch körperliche Schmerzen bereitet. Sein eigenes Heim, sein Rückzugsort, schien ihm auf einmal feindlich. Er fühlte sich verloren und verfolgt während er die steinerne Treppe hinaufeilte. Längst war es draußen dunkel geworden und kein Lichtstrahl fiel mehr durch die schmutzigen Fenster. Das künstliche Licht der Kronleuchter hatte etwas Falsches an sich und blendete den Verirrten. Der Schweiß schoss ihm aus den Poren, doch ihm war als blutete er aus. Sein Arbeitszimmer lag am Ende des Ganges. Der Flur glich dem Weg zum Schafott: an den Wänden hingen die Porträts großer Schriftsteller, Heinrich Welkenfelds Vorbilder, doch in ihrer Masse wirkten sie wie ein wütender Mob. Ihre Blicke waren spöttisch und in ihren aufgesetzten Fratzen lag etwas Diabolisches. Sie lachten über den alten Wicht, der sich wie ein angeschossenes Wild durch einen undurchdringlichen Wald schleppte. Der Verzweifelte keuchte und flehte sie an zu schweigen. Doch das Gekreische wurde lauter und immer unverständlicher bis es nur noch infernalischer Lärm war, der Heinrich Welkenfeld fast taub werden ließ. Nach einer endlos wirkenden Jagd ergriff seine bleiche Hand endlich das kalte Metall des Rettung versprechenden Griffs und der Zerrüttete betrat sein Arbeitszimmer.

Ein Moment der Stille. Vor Heinrich Welkenfeld lag wie ein Altar sein Schreibtisch. Der Schreibtisch an dem ihm seine größten Meisterwerke geglückt waren. Der Schreibtisch an dem er tagtäglich seine Pflicht erfüllt hatte. Sein gesamtes Werk, welches an diesem von Alter und Holzwürmern zerfressenen Tisch entstanden war, war eine Stütze gegen ein gescheitertes Leben. Der Dichter war immer ein Fremder in dieser Welt gewesen, ob als ungeschickter Bauernjunge oder als stummer Liebhaber von Frauen die ihm nur in seinen eigenen Gedichten wirklich nah waren. Heinrich Welkenfeld war kein gebrochener Mann, denn er war nie wirklich ganz gewesen. Formlos und zusammengehalten nur durch die dunkle Kraft seiner Kunst, wanderte er wie ein Geist durch diese Welt, die nicht mehr an Geister glaubt. Ein ihm wohlgesinnter Kritiker bezeichnete sein Werk einmal als „die unzähmbare Freiheit gedrängt in die kälteste vorstellbare Form“. Die Kunst war die einzige Kraft die ihn am Leben hielt und nach vorne trieb und so war Heinrich Welkenfeld nun mehr als entschlossen, sich auch von dieser, zugegebenermaßen höchst seltsamen, Erfahrung nicht unterkriegen zu lassen. Während er langsam zu seinem Elysium stieg, leuchtete ihm bereits weiß das ihm heute Morgen noch so verhasste leere Papier entgegen. Doch ein leeres Papier macht einem inspirierten Schriftsteller keine Angst. Der Wehrhafte greift wie mit letzter Kraft nach seinem hölzernen Stuhl. Es war dunkel im Arbeitszimmer, seine alten Augen brauchten Licht. Er zündete eine rostige Petroleumlampe an, setzte sie auf den Tisch und nahm Platz im leeren Thron. Ein letztes Lächeln ritzte sich in sein faltiges Gesicht, er griff nach seiner bereits halb zerfallenen Feder, tunkte sie in die dickflüssige Tinte, welche immer bereit stand, und schwebte dann mit zittriger Hand über die weiße Heide.

Heinrich Welkenfeld schloss die Augen. Er dachte an seine Muse. Dort saß sie wieder, in diesem verkommenen Bistro, zart und rein wie er sie in Erinnerung hatte. Komm, zeige her dein Gesicht! Der Blinde brauchte die Augen, die giftgrünen Augen, um zu schreiben. Langsam drehte das geistige Mädchen seinen Kopf zu seinem Beobachter hin. Dort war es, sein Gesicht, aber etwas stimmte nicht. Es war genau so, wie es der Greis in Erinnerung hatte, aber doch anders. In seinem Lächeln lag etwas heimtückisches, fast teuflisches, und seine Augen blitzten wie die eines hungrigen Wolfes. Doch dann wurde es noch deutlich schlimmer, es öffnete seinen Mund und schallendes, gehässiges Lachen kroch aus dem höllischen Schlund. Nie hatte Heinrich Welkenfeld in seinem Leben grausigeres erblickt, nie hatte er sich derart bedroht gefühlt. Längst war das Bistro verschwunden und das einstmals schöne Mädchen nur noch die garstige Vision eines gebrochenen Geistes. Aus den Schatten seines Inneren traten plötzlich weitere Gestalten hinzu, eine hässlicher als die andere. Heinrich Welkenfeld schrie entsetzt als er sie erkannte: sämtliche Musen seiner Vergangenheit kamen ihn zu holen, sich zu rächen für den selbstsüchtigen Missbrauch ihrer Person, im Dienste des Götzen Kunst. Alle lachten sie ihn aus, griffen mit ihren dürren Armen nach seinem immer schwächer werdenden Körper und um den Hexensabbat herum brannte ein Feuer dessen Flammen das Lebenswerk des überheblichen Künstlers verschlangen. Durch die Abscheulichkeit seiner Vision hindurch spürte Heinrich Welkenfeld das dunkle Ross, welches er glaubte gezähmt zu haben. Auch es lachte ihn aus und schlug mit rauen Hufen gegen den Kerker, in welchen der verbitterte Schriftsteller es gezwängt hatte. Er hatte genug, die Feder hatte er schon längst aus der Hand gegeben, er lag nur noch auf seinem Tisch, teils wimmernd, teils schreiend, auf jeden Fall innerlich verrissen. Der Gepeinigte blickte noch ein letztes Mal auf das weiße Blatt Papier und eine primitive Wut brach aus seinen tiefsten Abgründen heraus. In einem Anfall hemmungsloser Raserei warf er die einstige Wiege seiner Kunst um, ohne an die Petroleumlampe zu denken, welche die ganze Zeit an seiner Seite stand. Als letzte befreit, tat nun auch sie ihr vorbestimmtes Werk und setzte das morsche Zimmer in Brand. Längst verloren, stürzte sich Heinrich Welkenfeld zur einzigen Tür des Raumes. Geschwächt und geistig umnachtet stolperte er jedoch über den staubigen Teppich, das einzige noch verbliebene Stück aus dem alten Elternhaus. Sein schweres Haupt schlug hart auf dem Boden auf und wie bereits vor ihm seine Kunst, schwand nun der gescheiterte Künstler aus der feindlichen Welt.

Es war ein kalter Abend. Die ersten Flocken des Winters rieselten leise auf die verwelkten Felder. Irgendwo schreibt gerade ein inspirierter Dichter eine wunderschöne Elegie.

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Dies ist das Ende meiner vierteiligen Erzählung „Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens”.

Teil 3:

https://just-thoughts.net/2015/12/13/welkenfeld-eine-geschichte-des-versagens-teil-3/

 
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Verfasst von - 20. Dezember 2015 in Literatur

 

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