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Absinth: Wahrheit und Mythos

Absinth: Wahrheit und Mythos

Neben der Literatur beschäftige ich mich leidenschaftlich gerne mit Spirituosen. Als Nachkomme einer Winzerfamilie bekam ich die Liebe zum Wein praktisch in die Wiege gelegt und über den Wein bin ich mit den Jahren nach und nach zu den unterschiedlichsten „Flaschengeistern” gekommen. Wer schon einmal eine Lesung von mir besucht hat oder mit mir ein persönliches Gespräch geführt hat weiß, dass ich auch gerne mal den Vergleich zwischen Lyrik und Distillation bemühe.
Üblicherweise ist der Whisk(e)y mein größtes Interessenfeld, doch heute möchte ich über ein anderes Getränk sprechen. Kaum eine Spirituose ist so vielen Vorurteilen ausgesetzt und kaum eine wurde wohl so lange so hartnäckig bekämpft wie die grüne Fee: Absinth ! 

Doch was ist Absinth wirklich und was sollte man wissen bevor man zur Flasche greift ?

I. Was ist Absinth ?

Absinth ist eine Spirituose die generell aus Anis, Wermut, Fenchel und je nach Rezept noch weiteren Kräutern hergestellt wird. Der genaue Ursprung dieser Spirituose ist heute schwierig festzustellen, meistens wird aber das damalige schweizer Val de Travers im 18. Jahrhundert als Ursprungsort der grünen Fee genannt. Der Alkoholgehalt dieses Getränks liegt üblicherweise zwischen 45 und 85 Volumenprozent.

II. Warum ist Absinth umstritten ?

Absinth erfreute sich besonders im Frankreich des 19. Jahrhunderts einer ungeheuren Beliebtheit. Das Getränk war den Franzosen so lieb, dass es sogar als das „Nationalgetränk der Franzosen” bezeichnet wurde. Die Winzer, die gerade aus einer für die Industrie fast fatalen Krisenzeit kamen, waren darüber natürlich nicht besonders erfreut. Durch hartnäckige Lobbyarbeit und einer ironischen Kollaboration mit den Vereinigungen der Alkoholsgegner (Höhepunkt: eine Demonstration mit ~ 4000 Teilnehmern im Jahr 1907 unter dem Slogan „Tous pour le vin, contre l’absinthe“ (Alle für den Wein, gegen den Absinth) erreichten sie schließlich, dass Absinth 1914 in Frankreich verboten wurde. Das bis dato Heimatland des Absinths ließ sich damit vergleichsweise noch Zeit, die Schweiz hatte die Spirituose beispielsweise schon 1910, Belgien sogar bereits 1905 verboten.

Neben den Interessen der Weinlobby wurden auch erhebliche gesundheitliche Risiken mit dem Genuss von Absinth als Gründe bemüht: die Spitituose mache „kriminell”, „animalisch”, ja sie sei praktisch „Gift”. Plakate mit einem Totenkopf als Etikett auf einer Absinthflasche verbreiteten sich ganz besonders während dieser Debatten. Das Absinthverbot hielt sich lange in vielen unterschiedlichen Ländern. Bis wissenschaftliche Studien schließlich eine nach der anderen mit den Vorurteilen aufräumten. In der Schweiz fiel das Verbot 1999, in den USA 2007 und schließlich auch 2011 in Frankreich.

Um es also auch hier noch einmal klarzustellen: 

Nein, Absinth löst keine Halluzinationen aus !

Dies ist wohl eines der verbreitesten Vorurteile gegenüber dieser Spirituose. Dieser Irrglaube basiert auf einer einzigen Theorie von 1975, die davon ausging, dass das Tuhjon, welches man in Absinth findet, molekulare Ähnlichkeit mit oder eine gleichgelagerte Wirkungsweise wie THC (Hauptwirkstoff des Cannabis) aufweist. Dies ist aber bereits 1999 durch eine Studie von Meshler und Howlett widerlegt worden (die sie auch gerne selbst nachlesen können: Pharmacology, Biochemistry and Behavior, Jahrgang 62, Nr. 3).

Absinth ist nicht ungefährlich, klar. Aber nicht gefährlicher als Wein, Bier, Whisk(e)y, Cognac, Vodka oder sonstige alkoholische Getränke. In Maßen genossen braucht allerdings niemand Angst vor dem Konsum zu haben.

III. Wie wird Absinth getrunken ?

Auf gar keinen Fall unverdünnt !!

Absinth ist im Prinzip ein Apéritif. Wer jemals in Südfrankreich war, kennt das Basisritual eventuell bereits vom Pastis: dieser Apéritif wurde nach dem Absinthverbot nämlich als dessen „Ersatz” eingeführt und wird, genau wie Absinth, mit Wasser verdünnt. Es gibt allerdings Unterschiede.

Absinth ist noch wesentlich delikater als Pastis. Beim Vermischen mit Wasser tritt ein opalisierender Effekt auf, den man als Louche-Effekt bezeichnet. Das langsame, milchige Vertrüben der Flüssigkeit nennt man trouble und es gehört zum Genuss der grünen Fee dazu. Deshalb gießt man nicht einfach Wasser in seinen Absinth, sondern man benutzt verschiedene Hilfsinstrumente. Im Folgenden einige Anleitungen zu den gängigsten Ritualen (mit Links zu Videos !)

1. Das klassische Ritual (Video)

Für alle die es old school mögen


Hierfür braucht ihr:

2 bis 4 cl Absinth

1 X Absinthglas

1 X Absinthlöffel

1 X Karaffe gefühlt mit (kaltem!) Wasser

1 X Würfelzucker

Legt euren Absinthlöffel auf das Glas. Auf dem Löffel platziert ihr einen Zuckerwürfel. Dann schüttet euren Absinth über den Würfel in das Glas. Nun lasst ihr langsam das kalte Wasser über den Würfel laufen bis er sich aufgelöst hat. Einmal mit dem Löffel umrühren und dann genießen.

2. Ritual mit einem Tropfer (brouille) (Video)

Ideal wenn man alleine oder mit einem Partner Absinth unkompliziert genießen möchte.


Hierfür braucht ihr:

2 bis 4 cl Absinth

1 X Absinthglas

1 X Tropfer

1 X Karaffe gefühlt mit (kaltem!) Wasser

Eiswürfel

1 X Würfelzucker (optional)

Füllt den Absinth in euer Glas. Legt den Tropfer auf euer Glas auf und füllt ihn mit Eiswürfel und optional mit einem Stück Zucker. Gießt ein wenig Wasser hinzu und wartet ab.

3. Ritual mit einer Fontäne (Video)

Ideal für mehrere Personen.


Hierfür braucht ihr:

2 bis 4 cl Absinth

1 X Absinthglas

1 X Absinthlöffel (wenn Zucker benutzt wird)

1 X Fontäne (gefüllt mit kaltem Wasser, sm Besten mit Eiswürfeln)

1 X Würfelzucker (optional)

Gefülltes Absinthglas unter einen Hahn der Fontäne stellen. Falls ihr Zucker zu eurem Absinth hinzugeben wollt, dann Absinthlöffel auflegen und einen Würfel darauf platzieren. Dreht den Hahn auf, je langsamer ihr das Wasser fließen lasst desto besser (einzelne Tropfen sind empfohlen).

4. Ritual mit einer Absinthpfeife (Video)

Die neue und sehr ästhetische Art Absinth zu genießen. Wunderschöner Louche-Effekt !


Hierfür braucht ihr:

2 bis 4 cl Absinth

1 X Absinthpfeife

Kaltes Wasser

Eiswürfel

1 X Würfelzucker (optional)

Absinth in die Pfeife füllen. Falls gewünscht, dann jetzt Würfelzucker in die zweite Blase legen. Eis in die dritte Balse, dann Wasser in die Pfeife gießen. Nicht bis zum Rand fühlen, sonst könnte die Pfeife überlaufen. Bewundert das Schauspiel und dann unbedingt in den Glashalm blasen bevor ihr trinkt, sonst trinkt ihr puren Absinth !!

5. Das tscheschiche Feuerritual (nicht empfohlen!) (Video)

Ein Marketingtrick der den Geschmack eures Absinths ruinieren wird und meistens eine riesen Schweinerei bedeutet.

 

Falls ihr es trotzdem probieren wollt:

2 bis 4 cl Absinth

1 X Absinthglas

1 X Absinthlöffel

1 X Karaffe mit Wasser

1 X Würfelzucker

Streichhölzer oder Feuerzeug

Macht alles genauso wie beim klassischen Ritual, dieses Mal zündet ihr allerdings den Würfelzucker an nachdem ihr ihn mit Absinth übergossen habt (nach dem Prinzip Feuerzangenbowle). Sobald der karamellisierte Zucker vom Löffel getropft ist, schüttet ihr das Wasser über euer Gläschen Elend.

Dieses Ritual ist nicht zu empfehlen !!!

IV. Wo kriege ich guten Absinth her ?

Die Fachgeschäfte für Absinth häufen sich immer mehr. Zwei meiner persönlichen Lieblingsstores sind ALANDIA (http://www.alandia.de/) und die Absinthe von Rue Verte (https://www.absinthes.com/de/index.php).

Bei diesen Onlinestores könnt ihr euch auch das nötige Zubehör bestellen !

Trotz seines Spitznamens ist Absinth übrigens nicht immer grün. Es gibt in auch in rot, blau oder klar. Letzlich entscheidend ist sowieso der Geschmack und der ist, wie so vieles, subjektiv !

Ich hoffe dieser Beitrag hat euch vielleicht einige neue Informationen vermittelt und euch bestenfalls sogar Lust gemacht, die spannende Welt des Absinths gemeinsam mit vielen anderen Enthusiasten zu entdecken. Trinkt verantwortungsbewusst und genießt das Produkt langer und harter Arbeit seitens der Brennereien !

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2 Kommentare

Verfasst von - 3. September 2017 in Gemischtes

 

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Venedig – Die schwarze Perle Italiens

Venedig – Die schwarze Perle Italiens

Vor zwei Wochen war ich im Rahmen eines Klassenausflugs mit meiner Abiturklasse zu Besuch in der Serenissima, in Venedig. Ingesamt war dies meine dritte Italienreise, nach Rom und Florenz im letzten Jahr, und ich muss ehrlich sagen, dass ich es mir nur schwer vorstellen konnte, dass irgendeine Stadt Rom als meine absolute Lieblingsstadt ablösen könnte. Doch Venedig hatte mich vom ersten Moment an in seinen Bann gezogen. Noch nie habe ich Vergleichbares erlebt, noch nie mich in einer Stadt so geborgen, so verstanden gefühlt. Nach dem ersten Tag fiel mir bereits ein wichtiger Faktor dieses Wohlbefindens auf: die Abwesenheit von Autos und sonstigen Krawallmachern. Venedig ist still, Venedig schwebt andächtig über der pastellgrünen Lagune und meditiert mit seinen Besuchern. Diese Stadt lässt einem Raum zum denken, zum leisen diskutieren mit Freunden, sie hat nichts von der Hektik anderer beliebter Reiseziele. Eine Fahrt mit dem Vaporetto ist gemütlich, niemand ist unter Zeitdruck. Chi va piano va sano…

Ich hatte das große Glück den Sonnenaufgang über San Marco mit guten Freunden zu genießen. Dieser Moment ließ Raum und Zeit still stehen, die fast menschenleere San Marco wurde zum Ort eines Geheimnisaustausches, von unserem Sitzplatz aus wurden wir zu stummen Empfängern der ersten Sonnenstrahlen welche die schwarze Perle Italiens an diesem Tage berühren sollten. Dies ist einer der Momente, die sich mir besonders ins Gedächtnis brannten und an die ich heute noch gerne zurückdenke wenn mich der Alltagsstress zu überwältigen droht. In irgendeiner verdrehten Art und Weise fand ich mich auch selbst in dieser Stadt wieder. Verwinkelt und manchmal auf den ersten Blick wie undurchdringlich, ist es doch eigentlich bei genauerem Hinsehen unmöglich sich zu verlaufen. Ja, man könnte fast sagen, sich verlaufen ist lediglich eine natürliche Etappe im Kennenlernprozess dieser Stadt. Ruhe und Langsamkeit sind beides Merkmale Venedigs, doch ebenso auch Tugenden auf die ich viel wert lege. Wer mich kennt, weiß, dass ich sparsam mit Superlativen umgehe, doch ich glaube mit ziemlicher Sicherheit sagen zu können, dass diese 3 Tage in Venedig, die 3 schönsten Tage meines bisherigen Lebens gewesen sind. Selbst nun, 2 Wochen später, hat mich Venedig noch nicht verlassen. Wieder zurück im Alltag, bin ich mir nun doch dieser dunklen Komplizin im Norden Italiens bewusst und manchmal, in Momenten vollkommener Stille, höre ich leise im Hinterkopf, das zärtlich-anmutige Plätschern der geheimnisvollen Lagune.

  

  

 
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Verfasst von - 31. Januar 2016 in Reisen

 

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Ein neuer Sonntag, ein neues Sonett. Ich wünsche euch allen ein geruhsames Wochenende!

 

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