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Sonntagslyrik #15

Ein besonderes Gedicht heute, welches aus der Ferne von einer Botschaft spricht die doch niemandem fremd ist…

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Der stille Held von Osijek

Der stille Held von Osijek

Mitten im größten Konflikt gibt es manchmal Menschen die es fertig bringen über sich hinaus zu wachsen und sich der Gewalt mit uneingeschränkter Güte entgegenzustellen. Heute möchte ich einen dieser stillen Helden, über die leider viel zu wenig gesprochen und geschrieben wird, hier auf meinem Blog besonders hervorheben.

Josip Reihl-Kir war kroatischer Polizeichef in Osijek während den Anfangsjahren der Separationskriege auf dem Balkan Ende des 20. Jahrhunderts. Seine Aufgabe war es, aufkommende Konflikte zwischen Serben und Kroaten zu verhindern. Um diese zu erfüllen, standen ihm rund 1000 Mann zur Verfügung, doch Reihl-Kir wollte die direkte Konfrontation um jeden Preis vermeiden. Seine Taktik war die der Verhandlung, seine einzige Waffe das Wort. Der serbische Journalist Milos Vasic begleitete Reihl-Kir oft in dessen Fahrzeug und beschrieb in der Dokumentation „Bruderkrieg: Der Kampf um Titos Erbe“ wie dieser vorging: richteten Serben eine Straßensperre auf, fuhr Reihl-Kir dorthin und ging auf sie zu. Er öffnete dabei seine Jacke um ihnen zu beweisen, dass er unbewaffnet war, redete mit ihnen und meistens wurden die Barrikaden daraufhin wieder abgebaut, weil die Serben Reihl-Kir vertrauten. Er versprach ihnen im Gegenzug kroatische Milizen davon abzuhalten von Serben bewohnte Gebiete zu betreten und verwirklichte dies, indem er seine Agenten die Milizen infiltrieren ließ.

Josip Reihl-Kir zog friedliche Lösungen vor, doch dadurch zog er auch den Zorn des örtlichen Parteichefs auf sich, der mindestens ebenso radikal war wie die nationalistischen Serben. Im April 1991 bat er Reihl-Kir eine Gruppe von 3 Parteimitgliedern nach Borovo Selo zu bringen, eine mehrheitlich von Serben bewohnte kroatische Stadt. Obwohl er zunächst ablehnte, stimmte er schlussendlich zu. Einmal dort angekommen musste er zu seinem Schock mitansehen wie die 3 Männer einen Raketenwerfer zusammensetzten und 3 Raketen auf Borovo Selo abfeuerten. Es war eine durchgeplante Propagandaaktion, denn am nächsten Tag wurde der Vorfall im serbischen Fernsehen als Beweis für unprovozierte kroatische Gewalt gegenüber Serben dargestellt. Doch Reihl-Kir gab sich nicht geschlagen und setzte seine Verhandlungen mit den Serben fort, sehr zum Ärgernis des örtlichen Parteichefs der kroatischen HDZ. Einer der drei Angreifer auf Borovo Selo war Gojko Šušak der noch bis 1998 Verteidigungsminister von Kroatien bleiben sollte.

Nach dem Eindringen kroatischer Polizisten in Borovo Selo im Mai 1991 kontaktierte Reihl-Kir den Kommandanten der serbischen Milizen im Dorf, Vukašin Šoškoćanin und erfuhr von ihm, dass die Polizisten tatsächlich auf Mitglieder der Bevölkerung geschossen hätten und dabei eine Person verletzt wurde. Nachdem ein Kampf um die Stadt entbrannt war, protestierte Reihl-Kir öffentlich gegen die Bemühungen führender HDZ Politiker seine Friedensgespräche mit den Serben zu unterbinden.

Reihl-Kir wurde den Extremisten um Kroatiens Präsidenten Franjo Tuđman immer mehr ein Dorn im Auge. Ihm war bald schon klar, dass er sich in Osijek seines Lebens nicht mehr sicher sein konnte. Er bat den Polizeiminister Josip Boljkovac ihn „irgendwo hin” zu versetzen. Dieser antwortete ihm nach eigenen Aussagen mit der Bemerkung: „Kir, seien Sie nicht kindisch, nichts wird passieren. Nehmen Sie einen Whisky!”. Doch nach weiteren eindringlichen Bitten um Hilfe, versprach er seinem Polizeichef ihn nach Zagreb zu holen. Am Tag seiner Versetzung gab es erneut einen Zwischenfall. Reihl-Kir wollte sich ein letztes Mal um Frieden bemühen und fuhr hinaus. Man lockte ihn zu einer seiner eigenen Polizeisperren. Dort erwartete ihn ein Mitglied der Regierungspartei, ein gewisser Antun Gudelj, und schoss ein volles Magazin seiner AK-47 auf Reihl-Kir. 16 Kugeln trafen den Polizeichef und töteten ihn auf der Stelle. Gudelj war Polizeireservist und nur wenige Tage zuvor war er noch bei Reihl-Kir um seine Waffe abzuholen. Dieser gab ihm eine Kalaschnikow. Es war die gleiche Waffe mit der Gudelj ihn am 1. Juli 1991 erschoss.

Antun Gudelj floh nach dem Attentat nach Australien, da er neben der kroatischen auch die australische Staatsbürgerschaft besaß. Reihl-Kirs Witwe Jadranka setzte sich über viele Jahre für die Auslieferung des Mörders ihres Mannes ein. Australien lieferte Gudelj schließlich im Jahr 2007 an Kroatien aus, wo er sich nicht nur für den Mord an Reihl-Kir sondern auch an 2 seiner Verbündeten, Milan Knežević und Goran Zobundžija, verantworten musste. Gudelj wurde in dritter Instanz im Jahr 2008 zu insgesamt 70 Jahren Haft für die drei Morde verurteilt.

Josip Reihl-Kir hat sich in einer Zeit der ausufernden Gewalt für friedliche Lösungen von Konflikten eingesetzt. Seine unermüdliche Ausdauer und fortwährende Gespräche mit beiden Konfliktparteien haben viele Menschenleben gerettet und Vertrauen geschaffen in einer Zeit in der viele Menschen nicht einmal mehr ihren eigenen Nachbarn über den Weg getraut haben. Er bezahlte seine Bemühungen um Frieden mit seinem Leben und wird leider bis heute viel zu selten im Zusammenhang mit den Balkankriegen der 90er Jahre erwähnt. Er ist ein stiller Held der unseren Respekt verdient und dessen Kraft und Überzeugung uns leiten sollte.

 
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Verfasst von - 7. August 2016 in Gemischtes, Politik

 

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Eine Anklage aus der Vergangenheit

Eine Anklage aus der Vergangenheit

Viele Verteidiger der EU, zu denen ich mich ja auch zähle, argumentieren gerne mit der Funktion der Union als Friedensprojekt. Dank ihr, so heißt es, hatten wir seit dem Zweiten Weltkrieg keinen Krieg mehr in Europa. Dies stimmt jedoch nur zum Teil. Wenn man unter Europa jenes Bündnis der Gründungsstaaten Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Holland und Italien versteht, dann ist dem nichts entgegenzusetzen. Versteht man unter Europa jedoch den Kontinent an sich, in seiner ganzen Ausdehnung nach Ost und West, so muss man aufs Heftigste widersprechen. Besonders der Osten war und ist noch immer von Konflikten überzogen und das Buch welches ich euch heute vorstellen möchte, behandelt nichts anderes als den schlimmsten Genozid in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg: das Massaker von Srebrenica im Juli 1995.

Das Buch trägt den Titel „Srebrenica – Notizen aus der Hölle”, der Autor ist Emir Suljagić, einer der wenigen die das Grauen von Srebrenica mit eigenen Augen erlebt haben und uns heute noch davon berichten können. Doch Suljagić beschränkt sich nicht auf diesen fatalen Juli 1995, er beschreibt auch die Jahre davor, das Leben in der Enklave, der späteren sogenannten „Sicherheitszone” Srebrenica. Von anderen Augenzeugenberichten, aus dem Zweiten Weltkrieg etwa, kennt man bereits diesen unmittelbaren Ton, welcher ohne großen Pathos die ganzen Abgründe und Grausamkeiten so klar darstellt wie ihre Autoren sie erlebt haben. Doch Emir Suljagić beweist in diesem Buch nichts desto trotz fast schon poetisches Talent, so beispielsweise wenn er seinen Traum schildert der ihn während des Falls von Srebrenica heimgesucht hat:

„Ich weiß nicht, wie ich in dieser Nacht eingeschlafen bin, aber ich kann mich sehr gut erinnern, dass ich von Schlangen geträumt habe; von großen Schlangen, die über die ruhige Oberfläche eines Sumpfes glitten, um die Blätter der Teichrosen herum und sich mir näherten; ich flüchtete, rannte durch das Wasser, meine Beine sanken in den Sumpf, ich schrie, aber aus meinem Hals kam kein Laut. […]”

Noch nicht einmal 20 war Emir Suljagić als er die tiefsten Abgründe der Menschheit miterleben musste. In knappen und doch deutlichen Worten beschreibt er die Agonie der gnadenlos sporadischen Bombardements der Serben und aber auch ihren eigentlich größten Feind: den Hunger. „Im Juli 1992 war der Hunger bereits zum zentralen Faktor im Leben jedes Enklavenbewohners geworden”, schreibt Suljagić und schildert die kargen Mahlzeiten, wenn man sie denn überhaupt so schimpfen darf, „einmal, selten zweimal am Tag”. Die Reaktion der lokalen Bauern, welche als Einzige eher wenige Probleme mit der Nahrungsversorgung hatten? Sie nutzten die Not der Menschen aus, die bereit waren ihr letztes Hemd für etwas Nahrung wegzugeben, „um daran zu verdienen”.

Dies ist dann auch die große Stärke von Emir Suljagićs Bericht. Es gibt keine Helden, weder die bombardierenden Serben, noch die Blauhelme und nicht einmal die Bewohner Srebrenicas. So macht er keinen Hehl daraus, dass „einige Menschen, die [s]ein Leben verteidigten, mit ihren Taten gegen das Gesetz und die üblichen Normen verstoßen haben”. Im gleichen Tonfall denunziert er nicht nur die Massaker der bosnisch-serbischen Armee oder auch die totale Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft, sondern auch die Verbrechen der ausgehungerten Bevölkerung Srebrenicas. In einem unscheinbaren Satz erwähnt er so zum Beispiel ihre Reaktion auf einen vorläufigen Sieg der Lokalen gegen die Serben während der Kämpfe zwischen Dezember 1992 und Februar 1993:

„Die Nachricht von einem Massaker an der Zivilbevölkerung hörten wir voll Schadenfreude”

Mit jeder weiteren Seite scheint sich die Lage nur zu verschlimmern. Suljagić beschreibt eine desinteressierte öffentliche Gemeinschaft, einen immer herzloseren Krieg sowie ausländische Soldaten die einen gnadenlosen Zigarettenhandel betreiben und die Not der Bevölkerung sogar für Prostitution ausnutzen. Über diese schreibt Emir Suljagić den meiner Meinung nach gewichtigsten Satz im ganzen Buch:

„Die Frau hatte keine Wahl, doch die Soldaten, die sie grausam ausnutzten, grausam, wie es nur der Krieg diktieren kann, hatten eine. Aber wie immer während dieser Jahre in Srebrenica trafen sie die falsche Wahl.”

Vergessen wir nicht, dass dies nicht bosnisch-serbische Soldaten unter Ratko Mladić waren. Die hier beschriebenen Tiere gehören zu unserer Herde, es waren Kanadier und Holländer. Nicht nur haben wir die Bevölkerung Srebrenicas, und wenn wir einmal wirklich ehrlich sind die Bevölkerung des gesamten Balkans, ihrem grausigen Schicksal überlassen, nein, wir waren sogar aktiv an dieser Exekution des Wertwesens Mensch beteiligt. Selbst am Massaker im Juli 1995 tragen wir eine nicht unerhebliche Mitschuld. Emir Suljagić selbst wurde Zeuge „eine[r] kalte[n], fast bürokratische[n] Gleichgültigkeit, ein[es] Verrat[es], begegangen von gebildeten, nach allen Standards intelligenten Menschen”. Bewusst überließ man die muslimischen Männer ihrem Tod. 239 Männer waren in der Obhut der holländischen UN-Soldaten. 239 Männer lieferte man ohne jeden Protest an Ratko Mladić aus. 239 Männer wurden erschossen. Insgesamt kamen fast 8000 Muslime bei dieser „ethnischen Säuberung” ums Leben. Es gibt keine Entschuldigung für dieses Verbrechen.

Emir Suljagić hat uns ein Werk von unschätzbarem historischen Wert überlassen. Nichts anderes als die Wahrheit schreit uns mit jedem Druckbuchstaben entgegen. Eine Wahrheit, die uns fast sämtliche Facetten der menschlichen Abgründe offen legt. Muss man die Geschichte der Separationskriege auf dem Balkan kennen um das Buch zu verstehen? Unweigerlich spielen die Ereignisse während des blutigen Zerfalls von Titos Jugoslawien eine wichtige Rolle, doch das von Suljagić beschriebene Leid überwindet selbst historische Barrieren. Wer sich dennoch informieren möchte, dem empfehle ich diese 6-teilige Dokumentationsreihe. Am Ende dieses Artikels spreche ich diesmal keine Lesempfehlung aus. Die Lektüre dieses Buchs ist Pflicht.

Emir Suljagić

Srebrenica – Notizen aus der Hölle

ISBN: 978-3552054479

 
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Verfasst von - 6. März 2016 in Literatur

 

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