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Der stille Held von Osijek

07 Aug
Der stille Held von Osijek

Mitten im größten Konflikt gibt es manchmal Menschen die es fertig bringen über sich hinaus zu wachsen und sich der Gewalt mit uneingeschränkter Güte entgegenzustellen. Heute möchte ich einen dieser stillen Helden, über die leider viel zu wenig gesprochen und geschrieben wird, hier auf meinem Blog besonders hervorheben.

Josip Reihl-Kir war kroatischer Polizeichef in Osijek während den Anfangsjahren der Separationskriege auf dem Balkan Ende des 20. Jahrhunderts. Seine Aufgabe war es, aufkommende Konflikte zwischen Serben und Kroaten zu verhindern. Um diese zu erfüllen, standen ihm rund 1000 Mann zur Verfügung, doch Reihl-Kir wollte die direkte Konfrontation um jeden Preis vermeiden. Seine Taktik war die der Verhandlung, seine einzige Waffe das Wort. Der serbische Journalist Milos Vasic begleitete Reihl-Kir oft in dessen Fahrzeug und beschrieb in der Dokumentation „Bruderkrieg: Der Kampf um Titos Erbe“ wie dieser vorging: richteten Serben eine Straßensperre auf, fuhr Reihl-Kir dorthin und ging auf sie zu. Er öffnete dabei seine Jacke um ihnen zu beweisen, dass er unbewaffnet war, redete mit ihnen und meistens wurden die Barrikaden daraufhin wieder abgebaut, weil die Serben Reihl-Kir vertrauten. Er versprach ihnen im Gegenzug kroatische Milizen davon abzuhalten von Serben bewohnte Gebiete zu betreten und verwirklichte dies, indem er seine Agenten die Milizen infiltrieren ließ.

Josip Reihl-Kir zog friedliche Lösungen vor, doch dadurch zog er auch den Zorn des örtlichen Parteichefs auf sich, der mindestens ebenso radikal war wie die nationalistischen Serben. Im April 1991 bat er Reihl-Kir eine Gruppe von 3 Parteimitgliedern nach Borovo Selo zu bringen, eine mehrheitlich von Serben bewohnte kroatische Stadt. Obwohl er zunächst ablehnte, stimmte er schlussendlich zu. Einmal dort angekommen musste er zu seinem Schock mitansehen wie die 3 Männer einen Raketenwerfer zusammensetzten und 3 Raketen auf Borovo Selo abfeuerten. Es war eine durchgeplante Propagandaaktion, denn am nächsten Tag wurde der Vorfall im serbischen Fernsehen als Beweis für unprovozierte kroatische Gewalt gegenüber Serben dargestellt. Doch Reihl-Kir gab sich nicht geschlagen und setzte seine Verhandlungen mit den Serben fort, sehr zum Ärgernis des örtlichen Parteichefs der kroatischen HDZ. Einer der drei Angreifer auf Borovo Selo war Gojko Šušak der noch bis 1998 Verteidigungsminister von Kroatien bleiben sollte.

Nach dem Eindringen kroatischer Polizisten in Borovo Selo im Mai 1991 kontaktierte Reihl-Kir den Kommandanten der serbischen Milizen im Dorf, Vukašin Šoškoćanin und erfuhr von ihm, dass die Polizisten tatsächlich auf Mitglieder der Bevölkerung geschossen hätten und dabei eine Person verletzt wurde. Nachdem ein Kampf um die Stadt entbrannt war, protestierte Reihl-Kir öffentlich gegen die Bemühungen führender HDZ Politiker seine Friedensgespräche mit den Serben zu unterbinden.

Reihl-Kir wurde den Extremisten um Kroatiens Präsidenten Franjo Tuđman immer mehr ein Dorn im Auge. Ihm war bald schon klar, dass er sich in Osijek seines Lebens nicht mehr sicher sein konnte. Er bat den Polizeiminister Josip Boljkovac ihn „irgendwo hin” zu versetzen. Dieser antwortete ihm nach eigenen Aussagen mit der Bemerkung: „Kir, seien Sie nicht kindisch, nichts wird passieren. Nehmen Sie einen Whisky!”. Doch nach weiteren eindringlichen Bitten um Hilfe, versprach er seinem Polizeichef ihn nach Zagreb zu holen. Am Tag seiner Versetzung gab es erneut einen Zwischenfall. Reihl-Kir wollte sich ein letztes Mal um Frieden bemühen und fuhr hinaus. Man lockte ihn zu einer seiner eigenen Polizeisperren. Dort erwartete ihn ein Mitglied der Regierungspartei, ein gewisser Antun Gudelj, und schoss ein volles Magazin seiner AK-47 auf Reihl-Kir. 16 Kugeln trafen den Polizeichef und töteten ihn auf der Stelle. Gudelj war Polizeireservist und nur wenige Tage zuvor war er noch bei Reihl-Kir um seine Waffe abzuholen. Dieser gab ihm eine Kalaschnikow. Es war die gleiche Waffe mit der Gudelj ihn am 1. Juli 1991 erschoss.

Antun Gudelj floh nach dem Attentat nach Australien, da er neben der kroatischen auch die australische Staatsbürgerschaft besaß. Reihl-Kirs Witwe Jadranka setzte sich über viele Jahre für die Auslieferung des Mörders ihres Mannes ein. Australien lieferte Gudelj schließlich im Jahr 2007 an Kroatien aus, wo er sich nicht nur für den Mord an Reihl-Kir sondern auch an 2 seiner Verbündeten, Milan Knežević und Goran Zobundžija, verantworten musste. Gudelj wurde in dritter Instanz im Jahr 2008 zu insgesamt 70 Jahren Haft für die drei Morde verurteilt.

Josip Reihl-Kir hat sich in einer Zeit der ausufernden Gewalt für friedliche Lösungen von Konflikten eingesetzt. Seine unermüdliche Ausdauer und fortwährende Gespräche mit beiden Konfliktparteien haben viele Menschenleben gerettet und Vertrauen geschaffen in einer Zeit in der viele Menschen nicht einmal mehr ihren eigenen Nachbarn über den Weg getraut haben. Er bezahlte seine Bemühungen um Frieden mit seinem Leben und wird leider bis heute viel zu selten im Zusammenhang mit den Balkankriegen der 90er Jahre erwähnt. Er ist ein stiller Held der unseren Respekt verdient und dessen Kraft und Überzeugung uns leiten sollte.

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Verfasst von - 7. August 2016 in Gemischtes, Politik

 

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