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Chamäleon

Chamäleon

Ein paar Aschen rieselten langsam in den Aschenbecher, als er die Zigarette antippte. Erneut nahm er einen tiefen Zug und hielt den Rauch kurz innen, bevor er ganz langsam wieder ausatmete. Er wollte keinen Moment vergeuden, jeden Zug voll und ganz auskosten, denn nichts würde je in der Form, wie es sich ihm in dem Moment offenbarte, zurückkommen. Während er zuschaute, wie der Rauch sich in der Luft kräuselte und sein kurzes Kunstwerk formte, bevor er langsam entschwand, fraß die Glut sich weiter zum Filter hin. In dem Aschenbecher auf dem Tisch vor ihm häuften sich die Zigarettenstummeln, abgebrannt, wie von der Glut langsam verzehrte Persönlichkeiten, aus denen man nichts mehr extrahieren konnte, ausgebrannt.

Er hatte die Zigarette nun fast zu Ende geraucht, ihm blieben nur noch ein paar kleine Züge. Er wusste nicht, ob er sie zu Ende rauchen sollte, denn gegen Ende nahmen Zigaretten für ihn stets einen bitteren Geschmack an. Dann konnte er sich dem, was der Filter nach außen hin versteckte, nicht mehr entziehen. Doch eine genaue Auseinandersetzung mit den Substanzen, die sich darunter verbargen, war ihm zuwider. Während er noch überlegte, ob es sich lohne, spürte er, wie das Verlangen in ihm hochstieg, die Zigarette auszudrücken, um den Gedanken, die ihn einholten, zu entfliehen. Er wollte nicht nachdenken, er wollte ihre Wahrheiten nicht, er wollte die Inhaltsstoffe nicht kennen, die drohten, ihn umzubringen. Also warf er die Zigarette zu den anderen und während sie sich mit deren aschenem Kunstwerk vermischte, hatte er schon die nächste Zigarette angesteckt, diesmal eine andere Marke. Er hatte viele verschiedene Marken, da er sich nicht gerne beschränken ließ in seiner Auswahl und die Vielfalt der Möglichkeiten liebte.

Diese schmeckte anders, frisch, befreiend und er spürte wie sich sein Kopf zu entleeren schien. Zufrieden nahm er einen tiefen Zug und schloss genüsslich die Augen, bevor er sich in den Rauch hüllte.  Ein Zitat Fernando Pessoas kam ihn in den Sinn: „Erste Regel: Alles auf alle Weisen zu fühlen. Abschaffung des Dogmas der Persönlichkeit; jeder von uns sollte viele sein.“ Erneut nahm er einen tiefen Zug und ein angenehmer Geschmack breitete sich in seinem Mund aus. Die Zigarette schmeckte nach dieser süßen Freiheit, sich nicht festzulegen auf ein Individuum, sich  nicht einkerkern zu lassen in den Erfahrungen und Gedanken einer Person, sondern ständig im Wandel begriffen zu sein. Doch er hatte kein Interesse daran, auf alle Weisen zu fühlen. Alles zu fühlen, das klang durchaus verlockend für ihn, doch auf alle Weisen, das bedeutete auch, sich dem bitteren Geschmack einer Zigarette auszusetzen. Er blies den Rauch in die Luft hinaus und beschloss, seine Gedanken mit ihm ziehen zu lassen. Andere strömten auf ihn ein, während er den nächsten Zug nahm, doch anstatt sie festzuhalten, ließ er sie vorbeifließen.

Er wollte keine Gedanken, denn Gedanken bedeuteten Ideen und Ideen formten sich stets unweigerlich zu Meinungen, die bedeuteten, sich auf etwas festzulegen. Er wollte flüchtige Momente der Sinneswahrnehmung, die ihn streifen würden wie ein vorüberziehender Windhauch, denn „Fühlen bedeutet

Denken ohne Ideen, und

Fühlen bedeutet daher Verstehen,

da das Universum schließlich             keine Vorstellungen hat. Das Fühlen öffnet die Türen des Gefängnisses,

in dem das Denken

die Seele einschließt.

In den Vorräumen des Fühlens

ist Deutlichkeit verboten.

 

Zu verstehen, was eine andere

Person fühlt,                               bedeutet, sie selbst zu sein.“

 

Zufrieden gab er sich dem Fluss der rasch vorüberziehenden Eindrücke hin, doch versuchte er keinen davon festzuhalten. Während er eine neue Zigarette anfing, schloss er erneut genüsslich die Augen. Er würde wohl noch die ganze Nacht durch rauchen. Er wollte das Universum noch als viele weitere fühlen.

„Das Paradox ist

die charakteristische Ausdrucksweise der Natur.            Insofern nimmt

die gesamte Wahrheit eine paradoxale

Form an.

Die Charakteristiken der Objektivität

sind die Vielfalt, da ich,                                                                      während ich mich selbst

 

als EINER fühle,

das Universum als viele fühle.(…)“

Copyright Sophie Modert 2018

Bildergebnis für zigaretten aschenbecher

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Verfasst von - 9. Mai 2018 in Literatur

 

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Gedanken zur Vielfalt

Gedanken zur Vielfalt

Meine schriftstellerische Tätigkeit war schon immer eng verbunden mit meiner Liebe zu Sprachen. Wenn man mich fragt, was ich für das Beste an meinem Heimatland Luxemburg halte, dann ist meine Antwort eindeutig die Mehrsprachigkeit. Neue Sprachen eröffnen einem immer auch neue Welten und in diesem Zusammenhang hatte ich mich entschlossen, neben meinem Studium im Oktober auch einen Sprachkurs an der Universität zu besuchen. Nachdem ich in Luxemburg bereits Deutsch, Französisch, Englisch und Italienisch gelernt hatte, wollte ich mich dieses Mal bewusst in ein ganz anderes Sprachgebiet begeben. Meine Wahl fiel auf den Sprachkurs Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, einerseits, weil ich mich seit gut einem Jahr intensiv mit der Balkanregion auseinandersetze und andererseits, weil dieser Kurs den Vorteil hat, dass man mit der dort gelehrten Sprache in gleich vier Ländern (Kroatien, Bosnien, Serbien und Montenegro) mit den Menschen auf ihrer Landesprache interagieren kann. Durch diesen Kurs kam ich dann auch in Kontakt mit einer ganzen Reihe von faszinierenden und sehr sympathischen Menschen, viele mit slawischen Wurzeln und überwiegend Studentinnen der Slavistik. In der Tat war der Kontakt so offen freundlich, dass ich relativ schnell gefragt wurde ob ich keine Lust hätte beim Weihnachtstheater der Fachschaft Slavistik mitzuspielen. „Memento audere semper”: warum nicht?

Dieser Auftritt ereignete sich dann am Donnerstag, den 8. Dezember. Es war ein überaus interessanter und lustiger Abend an dem ich vieles kennenlernen durfte, was mir bisher unbekannt war, so beispielsweise Gebräuche und Lieder der einzelnen Ostländer zur Weihnachtszeit. Es war so schön zu sehen, wie diese doch so unterschiedlichen Kulturen einen gemeinsamen Abend verbrachten und selbst jemanden wie mich, der kein Russisch und für den Moment nur ansatzsweise Kroatisch beherrscht, warmherzig in ihrer Mitte aufnahmen. Ich liebe Vielfalt und dieser Donnerstag Abend hat für mich wieder einmal bewiesen, wie schön ein vereintes Europa, von Westen bis Osten, sein könnte. Wie viel wir miteinander teilen und feiern könnten, wenn wir uns nur gegenseitig eine Chance geben würden. An jede(n) Studierende(n) die/der das hier liest kann ich nur sagen: egal was ihr studiert, traut euch, seid neugierig und besucht doch einmal die Veranstaltungen der Fachschaften Romanistik, Slavistik, Sinologie u.a. sofern es diese bei euch an der Uni gibt. Ihr werdet es sicher nicht bereuen.

Ein ganz besonderer Moment an diesem Abend war aber ein öffentlicher Heiratsantrag. Viel verstanden habe ich nicht, wie so vieles war auch dieser spezielle Augenblick auf Russisch, aber wenn ein Mann auf ein Knie niedersinkt und einen Ring hervorholt ist dies international verständlich. Es ist immer schön zu sehen, dass es noch so etwas wie romantische Liebe gibt. Liebe, die es nicht aushält stumm zu sein, die gehört werden will und sich mit aller Kraft manifestieren will. Zu lieben ist die beste Eigenschaft der Menschen, es ist in diesem kraftvollen Akt wo wir uns selbst begegnen können und es sollte die Grundlage für all unsere Aktionen sein. Denn zu hassen, zu diffamieren und zu fürchten ist einfach, weil diese Verhaltensweisen immer nur anderen Menschen schaden. Lieben aber ist ein ungeheurer Kraftaufwand, jeden Tag aufs Neue, der uns alles abverlangt und uns an die eigenen Grenzen bringt. Lieben ist immer auch leiden, aber eben das eigene Leiden. Während uns der Hass immer wieder zurückwirft, ist es aber dieser schwierige Akt des Liebens der uns weiterbringt. Weiter als wir es uns je vorstellen können.

Das Fazit dieses Erlebnisses? Seid interessiert, seid neugierig. Sprecht nicht über andere Kulturen, sprecht mit ihnen! Traut euch das bisher Fremde zu Wohlbekanntem zu machen und verschließt euch nicht vor der wunderschönen Vielfalt dieser Welt, die uns noch nie so nah war wie heute. 

 
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Verfasst von - 5. Februar 2017 in Gemischtes

 

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Mensch sein

Es gibt nur wenig im Leben, das mich aus der Ruhe bringt. Ich betrachte mich selbst als größtenteils aufgeschlossen und tolerant. Wahrscheinlich aufgrund dieses Charakters hatte ich schon immer Schwierigkeiten Rassismus, Sexismus, Homophobie, Islamophobie und andere irrationale Hassgefühle zu verstehen. Ich muss zugeben, dass dies manchmal auch dazu führt, dass ich diese gesellschaftlichen Probleme nicht so ernst nehme, wie man es definitiv tun muss. Doch ich bin wie ich bin. Während manche mit großer Motivation gegen diese geistigen Fehlgeburten menschlichen Denkens vorgehen, bleibe ich ganz einfach verständnislos. Diese Perplexität wird oft als Desinteresse oder gar Ignoranz missverstanden, welche ich mir auch selbst gelegentlich vorwerfe. Mir bleibt es unergründlich wie man einen Menschen hassen kann, weil er eine bestimmte Hautfarbe besitzt oder einer bestimmten Kultur angehört. Bei letzterem sowie auch bei jeder Form von Religionshass, bin ich inzwischen der Überzeugung, dass es eng mit mangelndem Verständnis verbunden ist. Menschen haben Angst vor dem Islam, weil nur wenige sich die Zeit nehmen sich mit dieser, meiner Meinung nach, höchst faszinierenden Religion auseinanderzusetzen. Bildung hilft dabei, Angst und Vorurteile abzubauen, dies sind die Lehren der Aufklärung. Ebenfalls bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass zu viele Menschen zu viel Wert auf ihre nationale Herkunft legen. Die Einteilung in Deutsche, Franzosen, Luxemburger, Engländer usw. ist geschichtlich und ethnisch gesehen absurd und verstärkt nur das Gefühl einer gespaltenen Gesellschaft. Die AfD beruft sich ständig auf ein angebliches „deutsches Volk“. Doch „Deutschland“ ist in Wahrheit nichts anderes als der Zusammenschluss bunt zusammengewürfelter Völker, die sich erst seit einigen wenigen Jahrhunderten wohl wirklich als „Deutsche“ identifizieren. Noch lächerlicher aber sind meine eigenen Landsleute: ein luxemburger Patriot ist eine der traurigsten Gestalten denen man über den Weg laufen kann. Luxemburg wurde 1815 als „Pufferzone“ geschaffen, damit Frankreich und Preußen sich nicht ständig in den Haaren liegen würden.

Wer bin ich also dann? Die Antwort ist simpel: ich bin ein Mensch, genau wie 7 Milliarden andere. Zu meinen Freunden zählen Deutsche, Franzosen, Italiener, Goraner, Amerikaner und viele weitere wunderbare Menschen. Ich fühle mich weder überfremdet noch orientierungslos. Ich bin dankbar für die kulturelle Vielfalt, welche diese Menschen in mein Leben bringen. Denn meine Kultur ist die der Menschheit und ich bin Bürger einer großen, vielfältigen Welt.

 
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Verfasst von - 21. Mai 2016 in Allgemein, Gemischtes

 

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Kunst trifft Poesie

Malerei ist Sprache für die Augen, Sprache ist Malerei für das Ohr.

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