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„Der Turm“ von Uwe Tellkamp: Romananalyse (3. Teil: Erzählstil, Figuren und Themen)

19 Jul
„Der Turm“ von Uwe Tellkamp: Romananalyse (3. Teil: Erzählstil, Figuren und Themen)

Dies ist der dritte Teil meiner Romananalyse von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“. Den zweiten Teil könnt ihr hier nachlesen.

Der Roman besteht aus zwei „Büchern“: „Die pädagogische Provinz“ und „Die Schwerkraft“. Die Handlung wird abwechselnd durch die drei Hauptcharaktere erzählt, größtenteils im personalen Erzählstil, jedoch treten Christian und Meno i  ihren Briefen bzw. Tagebucheinträgen auch als Ich-Erzähler auf. Besonders sticht auch die teils stark variierende Syntax hervor, bei der Passagen bestehend aus äußerst langen Sätzen in starkem Kontrast zu Abschnitten wie dem Kapitel 57, welches lediglich aus fünf Wörtern besteht, stehen. Ebenfalls stark variiert auch die Sprache, die von beispielsweise biologischer Fachsprache zu starkem sächsischen Dialekt wechselt, welcher lautgetreu wiedergegeben wird. Auch innerhalb eines Kapitels wechseln sich die Handlungsstränge der drei Hauptcharaktere ab, oftmals lediglich durch eine Leerzeile getrennt.

Die Figuren des Romans und insbesondere die drei Hauptcharaktere, sind äußerst detailreich dargestellt und haben von Tellkamp ganze Lebensläufe, gespickt mit zahlreichen Details und Anekdoten, verliehen bekommen. Ihre Handlungen sind miteinander und mit derer von gut hundert weiteren Figuren verknüpft und überschneiden sich regelmäßig. Durch den größtenteils vorherrschenden personalen Erzählstil sind sie äußerst neutral dargestellt und der Leser kann sich so seine eigene Meinung über deren Verhalten bilden. Die Handlung des Romans erstreckt sich über die letzten sieben Jahre der DDR und zeigt auch eine Entwicklung der Figuren, insbesondere bei Christian und Richard.

Die drei Hauptcharaktere sind alle bildungsbürgerliche Bewohner des Villenviertels „Weißer Hirsch“ und wohnen in der Turmstraße. Dieses Viertel scheint auf den ersten Blick eine Art eigene Welt innerhalb der DDR zu sein. Die Bewohner leben wie in einer längst vergangenen Welt, was beispielsweise an der Musik der „Comedian Harmonists“ zu erkennen ist, die durch das Haus klingt. Die Handlung zeigt aber nach und nach, dass auch die Bewohner dieser Nischengesellschaft, die sich so neutral wie nur irgendmöglich verhalten wollen, nicht vor der Politik der SED fliehen können. So zwingt der Staat sie beispielsweise, regimegetreue Mitbewohner bei sich einziehen zu lassen und verhaftet am Ende sogar den Ingenieur Stahl und dessen Frau, als ihr waghalsiger Fluchtversuch mit einem Flugzeug auffliegt. Generell scheint das Hauptthema der allgegenwärtige sozialistische Staat zu sein, der in dieser wie stehengebliebenen Zeit, die sich dennoch unaufhaltsam auf die Wende zubewegt, in das Leben jeder einzelnen Figur einzudringen scheint. Die drei Hauptcharaktere stehen hier stellvertretend für drei große Einflussbereiche des Staates: Privatleben, Armee und Kultur. Durch den Handlungsstrang von Richard Hoffman zeigt Tellkamp uns, wie der Staat Menschen systematisch zur Bespitzelung ihrer Mitmenschen zwingt und was passiert wenn man sich widersetzt. Der Handlungsverlauf seines Sohnes gewährt dem Leser Einblicke sowohl in das Bildungssystem als auch in das Militär in der sozialistischen Autokratie. Hier wird besonders deutlich, dass die DDR, die den Faschismus und die NS-Zeit stets verteufelt hat, besonders im Umgang mit der Jugend ein ähnliches System eingesetzt hat: Die Bildung der Schüler ist darauf bestimmt aus ihnen sozialistische Musterbürger zu machen, es gibt Fächer wie Russisch und Marxismus-Leninismus auf dem Stundenplan und Christians Klasse nimmt sogar an einem Wehrlager teil. Die kleinste Kritik am System wird sofort im Keim erstickt und der betroffene Schüler im schlimmsten Fall relegiert. Die Armee ist hart und auch hier ist das schlimmste Delikt die Kritik am Staat. Dies zeigt sich besonders deutlich daran, dass Christian wegen seiner kritischen Äußerungen zu einem Gefängnisaufenthalt verurteilt wird und nicht wegen seiner Mitschuld an Burres Tod. Durch den Handlungsstrang des Lektors Meno Rohde wird auch der Einfluss der Politik auf die Kunst deutlich: Er gitb vor, welche Aussagen sie zu verbreiten hat. So ist Zensur an der Tagesordnung und talentierte aber aufmüpfige Autoren wie Judith Schevola werden kurzerhand aus der Szene ausgeschlossen. Hier werden uns auch die verschiedenen Arten von Autoren vorgeführt, den es gab auch viele, die der Linie folgten und sich nicht kritisch äußerten. Diese scheinen soger eher in der Überzahl zu sein da die genannte Judith Schevola die einzige offen kritische Autorin zu sein scheint. Der einzige den man noch dazuzählen könnte, wäre Altberg, da er sich gegen eine Außschließung von Judith Schevola ausspricht und auch sein Buch zensiert werden musste.

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Ein Kommentar

Verfasst von - 19. Juli 2015 in Literatur

 

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