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Mondscheinsonette – Ein Eigenkommentar (Teil 3)

Dies ist der dritte Teil meines Eigenkommentars zu „Mondscheinsonette”. Falls ihr den zweiten Teil verpasst habt, könnt ihr ihn hier nachlesen.

Der Absturz in „Mondscheinsonette” ist hart und abrupt. War die angeblich heile Künstlerwelt in den ersten beiden Abschnitten bereits äußerst fragwürdig und mehr als instabil, so wird sie im Abschnitt „tiefste nacht” geradezu feindlich. Gleich drei von den fünf Sonetten erwähnen den Dichter explizit und schleudern ihn in eine Welt, dominiert von Leiden (besonders in „unter dem einfluss saturns”), Isolation (cf. „aurora”) und Psychoterror (cf. „der verwunschene”). In diesem Abschnitt kommt die Funktion des lyrischen Ers auch am deutlichsten zu tragen. Dadurch, dass der Dichter von außen beschrieben wird, erscheint er noch einmal merklich hilfloser, passiver und auch „getriebener”. Nicht nur leidet er in dieser Welt, ihm wird auch ganz bewusst die Möglichkeit genommen das zu tun, was ein Dichter in so einem Fall eigentlich tuen würde: es (be)schreiben. Tatsächlich schreibt der in den „Mondscheinsonetten” beschriebene Dichter kein einziges Mal im Verlauf des gesamten Zyklus. „Er ist allein” in einer Welt voll „von falschen grimassen”, die wenn überhaupt dann nur auf ihn hört wenn er leidet. Er ist von allen verlassen, von seiner „muse”, von der „nacht” die ihm vorher noch wie eine „schwarze schwester” schien und sogar von sich selbst. Denn der Krux des Sonetts „der verwunschene” ist ja genau dies: es ist niemand anderes als der Dichter selbst, der ihn „treibt”, der ihn immer und immer wieder in diese „leeren gassen” voll von „falschen grimassen” lotst und ihn schlussendlich von der Welt seiner Mitmenschen ausschließt. Dieses Paradoxon, Passivität verursacht durch aktive Entscheidungen, ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Abschnitts. Wenn man die Sonette genau liest und im Kontext der restlichen Gedichte bedenkt, dann merkt man, dass der einzig wirkliche Feind des Dichters er selbst ist. Zwar werden allerhand Figuren und schattenhafte Schimären heraufbeschwört, doch der Erschaffer dieser düsteren Welt ist der Dichter selbst. Auch in der Liebe, die so eng mit der Lyrik verbunden ist, handelt er nach diesem Muster: er leidet offensichtlich („es zerfrisst sein kümmerliches glück”), will es sber andererseits auch gar nicht anders („ihm helfen? aber er will es doch!”). Dieser Abschnitt zeigt dem Leser einen faustischen Dichter, der ständig im Kampf mit sich selber ist und sich eine Freude daraus macht, sich die Freude zu nehmen. Es ist paradox, es macht keinen Sinn und es ist mit Momenten eine groteske Vorstellung die sich in „tiefste nacht” abspielt. Es ist aber auch der vielleicht ehrlichste Abschnitt im Buch, weil er zum Kern dieses Künstlerdaseins vordringt. Vor allem aber auch, weil er ein vehementer Widerspruch zur romantischen Vorstellung des Dichters als von der Gesellschaft missverstandenes Genie darstellt. Wie kann die Gesellschaft jemanden missverstehen, der sich selbst noch nicht einmal versteht?„Mondscheinsonette” hätte nach diesem Abschnitt enden können. Dann hätte der Kreislauf wieder von vorne begonnen und die Leiden des Dichters hätten erneut angefangen. Aber dies ist nicht der letzte Abschnitt. Denn obwohl der Titel wenig hoffnungsvoll klingt, liegt im „morgengrauen” der Schlüssel zur Erlösung des Dichters.

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Der vierte und letzte Teil meines Eigenkommentars folgt in drei Wochen am 1. Januar 2017.


 
Ein Kommentar

Verfasst von - 11. Dezember 2016 in Literatur, Mondscheinsonette

 

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„Mondscheinsonette” – Ein Eigenkommentar (Teil 1)

Fast 3 Monate ist es nun schon her, dass mein erster Gedichtband im regulären Buchhandel erschienen ist. Mondscheinsonette stellt von daher ohne Zweifel für mich einen Einschnitt dar, der sich allerdings nicht nur auf die Veröffentlichung in Druckform durch einen Verlag auszeichnet. Nein, dieser Gedichtband hat für mich auch einen Wechsel in meiner Art Lyrik zu schreiben bedeutet. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Eigenkommentar überhaupt schreiben sollte, da ich mich doch grundsätzlich den Ansätzen des großen Marcel Proust anschließe, welcher diese in seinem berühmten Essai «Contre Sainte-Beuve» herausgearbeitet hat; nämlich vor allem, dass die literarische Produktion unabhängig von der Biographie des Autors behandelt und interpretiert werden sollte. Denn wahre literarische Werke existieren für sich, außerhalb der individuellen Sphäre ihres Schaffers. Ich will deshalb für den nun folgenden Kommentar auch keine Allgemeingültigkeit beanspruchen. Er soll vielmehr meinen Gedankengang bei der Schaffung dieses Gedichtbandes beschreiben, was ich mir gedacht habe und wie ich persönlich den von mir verfassten Sonettzyklus sehe und interpretiere. Es wäre nämlich auch falsch den Autor komplett von seinem Werk zu trennen. Auch wenn es ihn zum leben nicht braucht, so ist der Autor doch in jedem Vers präsent und zu finden, ist die Interpretation des Autors dann doch eine welche ausgedrückt werden sollte. Mit diesen Gedanken will ich mich dann nun der Betrachtung meines neuesten Gedichtbandes Mondscheinsonette widmen.

Zu Anfang gilt es erst einmal festzustellen, was bereits im Titel enthalten ist: dieser Gedichtband beinhaltet Sonette. Was dem Literaturfreund und Vielleser vielleicht selbstverständlich ist, stößt bei vielen Gelegenheitsleser zuweilen auf Stutzigkeit. Ich möchte deshalb an dieser Stelle nochmals kurz auf Definition und Geschichte dieser Gedichtform eingehen:

Als Sonett bezeichnet man laut Wikipedia eine Gedichtform bestehend „aus 14 metrisch gegliederten Verszeilen”. Im Kern ist dies dann auch die einzige Voraussetzung, jedes Gedicht welches sich aus genau 14 Versen zusammensetzt, kann also im Prinzip als Sonett bezeichnet werden. Entstanden ist diese Form in Italien, noch heute gilt vielen fälschlicherweise der große fiorentinische Dichter Francesco Petrarca als der Erfinder des Sonetts, dabei reichen seine Ursprünge bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück. Nicht von der Hand zu weisen ist natürlich die Tatsache, dass Petrarca dem Sonett zu seiner Bekanntheit verholfen hat, unter anderem mit dem monumentalen Canzoniere. Die Bewegung hielt bald Einzug in anderen europäischen Ländern, so etwa in Frankreich, Spanien, Portugal oder auch England, wo es mit Spencer und natürlich Shakespeare unter einer neuen Form, dem „elisabethan sonnet” neue Berühmtheit erlangte. Nach dieser ersten Blütezeit geriet das Sonett erst einmal in Vergessenheit, bis es im späten 18. und dann vor allem im 19. Jahrhundert eine Wiedergeburt erlebte. Die besonders für mich, und damit auch für meinen Gedichtband, entscheidende Phase des Sonetts ereignete sich dabei in Frankreich. Mit dem Erscheinen von Les Fleurs du Mal revolutionierte Charles Baudelaire nicht nur die Lyrik seiner Zeit, er erfand auch das Sonett neu. Klassisch zwar noch immer in der Erscheinung, wurde das Sonett dennoch von ihm, und dann etwas später vor allem auch von Paul Verlaine, „befreit”. Seit dieser Zeit tauchte das Sonett immer mal wieder auf und erweist sich so als eine der langlebigsten Gedichtformen überhaupt, doch für diesen Kommentar genügt es, bei diesen französischen Symbolisten inne zu halten, denn sie sollten mir den kreativen Anstoss zur Schaffung meiner Mondscheinsonette geben.

Sonette also sollten es sein, so viel stand für mich spätestens im Dezember letzten Jahres fest. Eine bewährte Form die ich aber dennoch auf eine bestimmte Art und Weise an unsere Zeit anpassen wollte. Mir kam eine Idee, welche ich zu Anfang jedoch nur bei einem einzigen Gedicht ausprobierte, nämlich bei meinem Sonett „inanitas”: ich bediente mich der in der deutschen zeitgenössischen Lyrik inzwischen etablierten konsequenten Kleinschreibung. Während dies natürlich schon lange keinen mehr schockt, war es für mich ein wichtiger Schritt und sollte dann später, auf Anraten meines Französischlehrers, zum Standart für diesen Gedichtband werden. Doch gehen wir Schritt für Schritt vor.

Der Band öffnet sich mit einem isolierten Gedicht: „musengesang”. Dieses, wie auch das Schlusssonett, unterscheidet sich von den anderen Gedichten, durch seine Form aber auch durch seinen Inhalt. Die Alexandriner dieses Sonetts beinhalten eine euphorische Stimmung, der Dichter, der „Sohn des Apoll” fühlt sich endlich wieder inspiriert und ruft in höchster Freude die Götter des alten Griechenland an, jene welche schon Goethe zu einigen seiner schönsten klassischen Werke inspiriert haben. Trotz der konsequenten Kleinschreibung, welche das Sonett in den Zyklus eingliedert, wirkt es von allen am „klassischsten” und markiert den Anfang einer künstlerischen Schöpfungsphase. Es ist dabei bewusst klassisch gehalten, da es als Anfangsgedicht auch eine Art Hommage an ältere Sonette darstellen soll, dieser wie bereits erwähnt doch sehr langlebigen Gedichtform. Nachfolgend soll sich diese Schöpfungsphase dann in vier Teilen abspielen:

1. früher abend

2. mitternacht

3. tiefste nacht

4. morgengrauen

Die Titel der einzelnen Abschnitte stehen weniger für den realen Verlauf einer einzigen Nacht, als sie vielmehr für lyrische Stimmungsphasen stehen. Ich werde dies nun im Detail für jeden Abschnitt herausarbeiten.

Die Sonette des Abschnitts „früher abend” verbindet eine Aufbruchstimmung. Es ist das Ende des Alltags, die Nacht ist noch nicht hier doch ist sie bereits zum greifen nah. Voll Vorfreude wird in diesen Gedichten einerseits die Befreiung vom Tag (cf. „die nacht ertränkt den verhassten Tag”) und andererseits der Beginn der künstlerisch fruchtbaren Nacht (cf. „seinen dunklen willen, // der zu lange schon im tiefschlaf lag” sowie die „stille macht” und die „stille schönheit”) gefeiert. Der Dichter wie er in diesen Gedichten auftritt ist ein marginalisierter Einzelgänger der sich der großen Masse nicht zugehörig fühlt (cf. das Empfinden als „geisel” der „verlogene[n] stadt”). So wird dann auch in mehreren Gedichten vor allem die Zusammengehörigkeit des lyrischen Ers (zu dieser Besonderheit am Ende mehr) mit der oftmals personifizierten Nacht (cf. besonders „schwarze göttin”, „schwarze schwester”) hervorgehoben. Der Dichter als Teil einer kleinen, ja oftmals sogar auf ein Dreiecksverhältnis zwischen Dichter, Nacht und einer ungenannten dritten Person (lediglich als „sie” einzeln und in der Inklusion mit dem lyrischen Er als „schattenkinder” erwähnt) reduzierten, Gemeinschaft. In diesem Eröffnungsteil stellt die Nacht die kommende Erlösung vom Alltag und seinen Illusionen dar, als Zustand der sehnlichst vom Dichter herbeigesehnt wird.

Doch auch wenn die Nacht diesen Teil definitiv dominiert, ist doch noch ein weiteres Element Ziel einer Bewunderung des lyrischen Ers. Im Sonett „die schwarze perle” ist von der Lagunenstadt Venedig die Rede, leicht erkennbar an den bekannten Verweisen wie etwa der „märchentempel”, die „gondel”, das „acqua alta” oder auch der „kanal”. Die Serenissima erhält in diesem Sonett ähnlich befreiende Eigenschaften wie die Nacht, wird sogar durch den „mond” am Ende mit ihr kombiniert. Deutlich wird in diesem Sonett auch die offenbarende, die Wahrheit offenlegende Kraft sowohl Venedigs als auch der Nacht, betont:

„ein kanal, die ader zur wahrheit

der mond legt das geheime offen.”

So ist denn dieser erste Teil eine Kondensation künstlerischer Vorfreude. Dominierend sind die Gefühle der Hoffnung, der Vorfreude und vor allem auch der Befreiung. Die Gesellschaft wird lediglich am Rande erwähnt und wenn sie genannt wird, dann als ein Ort der Gefangenschaft des lyrischen Ers. Die bis jetzt nur angekündigte künstlerische Befreiung durch die Nacht, setzt dann definitiv mit dem nun folgenden Teil „mitternacht” ein.

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Dies schließt den ersten Teil meines Eigenkommentars. Die Fortsetzung wird nächsten Sonntag erfolgen.


 

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Dichter sein

Was ist die Funktion des Dichters? Über keine andere Frage habe ich während der letzten 3 Jahre wohl so häufig meditiert wie über diese. Nach sorgfältigen Lektüren der größten Werke aus 4 verschiedenen Sprachen und höchst bereichernden Diskussionen mit anderen Literaturfreunden und Dichtern glaube ich eine erste Bilanz ziehen zu können. Die Wahrheit ist ein heißes Eisen und wer sich viel und gerne mit Literatur beschäftigt weiß, dass sie der Liebe an Ambivalenz in nichts nachsteht. Wer liest oder schreibt, sucht die Wahrheit doch ist sich stets bewusst, dass er sie niemals finden wird. Im Gegensatz zu den exakten Wissenschaften will die Literatur keine messbaren, präzisen Resultate präsentieren. Sie entsteht durch das Gefühl, dieses geheimnisvolle „Etwas“ welches sich der rationalen Betrachtung auf ewig entziehen wird. Literatur und Wissenschaft sind keine Gegensätze die sich abstoßen, sie ergänzen sich und wirken komplementär. Während die Wissenschaft es sich zur Aufgabe gemacht hat, Licht in das Dunkel zu bringen, erkundet die Literatur das Wesen der Dunkelheit an sich. Der Dichter ist dieser Forscher, doch viel eher noch würde ich ihn als einen Beobachter bezeichnen. Der Vorwurf vom „Schriftsteller im Elfenbeinturm“ ist nicht neu und doch auch heute noch aktuell. Der Dichter aber muss sich distanzieren, er ist von seiner Natur aus marginalisiert und dies ist zu seinem Vorteil. Vom Rand aus bietet sich ihm ein breiter Blick über die Gesellschaft seiner Zeit. Dabei ist er nicht einmal unbedingt physisch außerhalb derselben, oft nimmt er aktiv an ihr Teil. Etgar Keret stellt in seinem Memoir „Die sieben guten Jahre“ klar:

„Der Schriftsteller ist weder ein Heiliger, noch ein Zadik, noch ein Prophet, der am Tor steht, er ist bloß ein Sünder mehr, der eine etwas schärfere Auffassungsgabe hat und eine etwas präzisere Sprache benützt, um die unbegreifliche Wirklichkeit unserer Welt zu beschreiben.”

Gerade dadurch, dass er „bloß ein Sünder mehr” ist, gelingt es ihm die Mechanismen der Welt in der er sich befindet zu erkennen. Der Dichter ist immer kritisch, immer skeptisch, er hinterfragt alles und jeden und am meisten sich selbst. Der poetische Geist ist Gabe und Fluch zugleich, denn Ruhe oder gar Zufriedenheit wird ein solcher Mensch nicht finden. Der wahre Dichter schreibt um sein Leben. Thomas Mann beschrieb es bereits aufs Vortrefflichste in seiner Novelle „Der Tod in Venedig”, in welcher er die Kunst als „ein erhöhtes Leben” bezeichnet. „Sie beglückt tiefer, sie verzehrt rascher”, für den Künstler gibt es nur das Absolute. Er ist der Spielball seiner Gefühle und es ist seine Aufgabe zu lernen mit ihnen umzugehen. Im Französischen gibt es den Begriff der „béatitude”, der Zustand welcher sich aus Ataraxie und Aponie ergibt, also vollster geistiger und körperlicher Zufriedenheit. Im Deutschen würde man den Begriff am ehesten mit „Glückseligkeit” übersetzen, doch trifft es nicht genau den Sinn seines Französischen Pendants. Auf jeden Fall ist dieser Zustand für den Dichter nicht erreichbar. Er ist von Natur aus ein innerlich zerrissener Charakter, gefangen im ewigen Gegensatz seiner „zwei Seelen”, zwischen „Spleen” und „Ideal”, zwischen Apoll und Dionysos. All dies klingt nicht gerade heiter und könnte zu dem Trugschluss verleiten, der Dichter sei zu einer jämmerlichen Existenz voller Leiden verurteilt. Doch weit gefehlt. Es ist die Literatur die dem Dichter diese komplexe Persönlichkeit auferlegt, es ist die Literatur die ihn an den Rand drängt, doch es ist auch die Literatur die ihn von seiner eigenen Last befreit. Der französische Schriftsteller Marcel Proust bringt es in seinem Jahrhundertwerk „À la recherche du temps perdu” auf den Punkt:

„La vraie vie, […] c’est la littérature”

(übersetzt: „Das wahre Leben, [..] ist die Literatur”)

Denn auch wenn der künstlerische Geist auf ewig in unserer materiellen Realität zu ziellosem Streben nach mehr verurteilt ist, so findet er seine Erfüllung in der Literatur. Der Fehler von Gustave Flauberts Heldin Emma Bovary war, dass sie versucht hat, ihre romantischen Träume in die Realität zu übertragen. Doch was in die Realität übertragen wird, ist ohne Ausnahme zur Vergänglichkeit verurteilt. Die Gefahr der Romantik lag und liegt immer noch in der Schaffung einer Welt der Illusionen die scheinbar der Wirklichkeit entspricht, doch tatsächlich nur in der künstlerischen Phantasie existiert. Der große Fehler Emma Bovarys war so der Versuch, die idealisierte Welt des Künstlers in der Wirklichkeit zu suchen. Der Dichter hingegen agiert umgekehrt: er beobachtet seine Umwelt, destilliert aus ihr die Essenz hinter dem Schein, verdichtet sie in der künstlerischen Form der Lyrik und erhebt sie so auf eine intellektuelle Ebene. Die Literatur übernimmt dabei die Rolle eines Prismas. Kein Spiegel, denn niemals ist sie eine bloße Abbildung oder eine schwache Reflexion der Realität, vielmehr bricht sie den Schein der Welt und offenbart ihre einzelnen Bestandteile. Der Dichter ist ein Beobachter seines Umfelds und seiner selbst, sein Werkzeug ist das Gefühl und seine Werkbank die Literatur. Dichter sein ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Man arbeitet sein Leben lang und findet in der Literatur Start, Mittel und Ziel. Sie bietet einem die höchsten Freuden und die tiefste Traurigkeit, doch kann man sich immer Gewiss sein, dass sie einem zugleich die breiteste menschenmögliche Erfahrung der Welt bietet.

 
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Verfasst von - 12. Juni 2016 in Literatur

 

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Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens (Teil 4 – ENDE)

Über dem leeren Flur lag eine erdrückende Stille. Die aschgrauen Mauern türmten sich wie die Wände einer Kathedrale zu Welkenfelds Seiten auf. Sein Arbeitszimmer lag im 2. Stock. Jeder seiner Schritte hallte bedrohlich wieder, wie Glockenschläge die den Geweihten begleiteten. Er fühlte sich unwohl. Diese Muse hatte etwas in ihm in Gang gesetzt, das er nicht unter Kontrolle hatte. Die Liebe umarmte ihn diesmal nicht mit aphroditischer Zärtlichkeit, sondern erdrückte seinen verstaubten Leib in den garstigen Armen einer warzigen Gorgone. Das Mädchen ließ ihn nicht mehr los, es hatte sich wie eine Spinne in seinem Geiste festgesetzt und umschloss ihn in einem undurchdringlichen Netz. Der Gehetzte bekam schlecht Luft. Eine unsichtbare Kraft schien ihm die Kehle zuzuschnüren, während ein Dämon ihm in seinem Inneren seinen Magen herauszureißen drohte. Noch nie hatte eine Muse ihm solch körperliche Schmerzen bereitet. Sein eigenes Heim, sein Rückzugsort, schien ihm auf einmal feindlich. Er fühlte sich verloren und verfolgt während er die steinerne Treppe hinaufeilte. Längst war es draußen dunkel geworden und kein Lichtstrahl fiel mehr durch die schmutzigen Fenster. Das künstliche Licht der Kronleuchter hatte etwas Falsches an sich und blendete den Verirrten. Der Schweiß schoss ihm aus den Poren, doch ihm war als blutete er aus. Sein Arbeitszimmer lag am Ende des Ganges. Der Flur glich dem Weg zum Schafott: an den Wänden hingen die Porträts großer Schriftsteller, Heinrich Welkenfelds Vorbilder, doch in ihrer Masse wirkten sie wie ein wütender Mob. Ihre Blicke waren spöttisch und in ihren aufgesetzten Fratzen lag etwas Diabolisches. Sie lachten über den alten Wicht, der sich wie ein angeschossenes Wild durch einen undurchdringlichen Wald schleppte. Der Verzweifelte keuchte und flehte sie an zu schweigen. Doch das Gekreische wurde lauter und immer unverständlicher bis es nur noch infernalischer Lärm war, der Heinrich Welkenfeld fast taub werden ließ. Nach einer endlos wirkenden Jagd ergriff seine bleiche Hand endlich das kalte Metall des Rettung versprechenden Griffs und der Zerrüttete betrat sein Arbeitszimmer.

Ein Moment der Stille. Vor Heinrich Welkenfeld lag wie ein Altar sein Schreibtisch. Der Schreibtisch an dem ihm seine größten Meisterwerke geglückt waren. Der Schreibtisch an dem er tagtäglich seine Pflicht erfüllt hatte. Sein gesamtes Werk, welches an diesem von Alter und Holzwürmern zerfressenen Tisch entstanden war, war eine Stütze gegen ein gescheitertes Leben. Der Dichter war immer ein Fremder in dieser Welt gewesen, ob als ungeschickter Bauernjunge oder als stummer Liebhaber von Frauen die ihm nur in seinen eigenen Gedichten wirklich nah waren. Heinrich Welkenfeld war kein gebrochener Mann, denn er war nie wirklich ganz gewesen. Formlos und zusammengehalten nur durch die dunkle Kraft seiner Kunst, wanderte er wie ein Geist durch diese Welt, die nicht mehr an Geister glaubt. Ein ihm wohlgesinnter Kritiker bezeichnete sein Werk einmal als „die unzähmbare Freiheit gedrängt in die kälteste vorstellbare Form“. Die Kunst war die einzige Kraft die ihn am Leben hielt und nach vorne trieb und so war Heinrich Welkenfeld nun mehr als entschlossen, sich auch von dieser, zugegebenermaßen höchst seltsamen, Erfahrung nicht unterkriegen zu lassen. Während er langsam zu seinem Elysium stieg, leuchtete ihm bereits weiß das ihm heute Morgen noch so verhasste leere Papier entgegen. Doch ein leeres Papier macht einem inspirierten Schriftsteller keine Angst. Der Wehrhafte greift wie mit letzter Kraft nach seinem hölzernen Stuhl. Es war dunkel im Arbeitszimmer, seine alten Augen brauchten Licht. Er zündete eine rostige Petroleumlampe an, setzte sie auf den Tisch und nahm Platz im leeren Thron. Ein letztes Lächeln ritzte sich in sein faltiges Gesicht, er griff nach seiner bereits halb zerfallenen Feder, tunkte sie in die dickflüssige Tinte, welche immer bereit stand, und schwebte dann mit zittriger Hand über die weiße Heide.

Heinrich Welkenfeld schloss die Augen. Er dachte an seine Muse. Dort saß sie wieder, in diesem verkommenen Bistro, zart und rein wie er sie in Erinnerung hatte. Komm, zeige her dein Gesicht! Der Blinde brauchte die Augen, die giftgrünen Augen, um zu schreiben. Langsam drehte das geistige Mädchen seinen Kopf zu seinem Beobachter hin. Dort war es, sein Gesicht, aber etwas stimmte nicht. Es war genau so, wie es der Greis in Erinnerung hatte, aber doch anders. In seinem Lächeln lag etwas heimtückisches, fast teuflisches, und seine Augen blitzten wie die eines hungrigen Wolfes. Doch dann wurde es noch deutlich schlimmer, es öffnete seinen Mund und schallendes, gehässiges Lachen kroch aus dem höllischen Schlund. Nie hatte Heinrich Welkenfeld in seinem Leben grausigeres erblickt, nie hatte er sich derart bedroht gefühlt. Längst war das Bistro verschwunden und das einstmals schöne Mädchen nur noch die garstige Vision eines gebrochenen Geistes. Aus den Schatten seines Inneren traten plötzlich weitere Gestalten hinzu, eine hässlicher als die andere. Heinrich Welkenfeld schrie entsetzt als er sie erkannte: sämtliche Musen seiner Vergangenheit kamen ihn zu holen, sich zu rächen für den selbstsüchtigen Missbrauch ihrer Person, im Dienste des Götzen Kunst. Alle lachten sie ihn aus, griffen mit ihren dürren Armen nach seinem immer schwächer werdenden Körper und um den Hexensabbat herum brannte ein Feuer dessen Flammen das Lebenswerk des überheblichen Künstlers verschlangen. Durch die Abscheulichkeit seiner Vision hindurch spürte Heinrich Welkenfeld das dunkle Ross, welches er glaubte gezähmt zu haben. Auch es lachte ihn aus und schlug mit rauen Hufen gegen den Kerker, in welchen der verbitterte Schriftsteller es gezwängt hatte. Er hatte genug, die Feder hatte er schon längst aus der Hand gegeben, er lag nur noch auf seinem Tisch, teils wimmernd, teils schreiend, auf jeden Fall innerlich verrissen. Der Gepeinigte blickte noch ein letztes Mal auf das weiße Blatt Papier und eine primitive Wut brach aus seinen tiefsten Abgründen heraus. In einem Anfall hemmungsloser Raserei warf er die einstige Wiege seiner Kunst um, ohne an die Petroleumlampe zu denken, welche die ganze Zeit an seiner Seite stand. Als letzte befreit, tat nun auch sie ihr vorbestimmtes Werk und setzte das morsche Zimmer in Brand. Längst verloren, stürzte sich Heinrich Welkenfeld zur einzigen Tür des Raumes. Geschwächt und geistig umnachtet stolperte er jedoch über den staubigen Teppich, das einzige noch verbliebene Stück aus dem alten Elternhaus. Sein schweres Haupt schlug hart auf dem Boden auf und wie bereits vor ihm seine Kunst, schwand nun der gescheiterte Künstler aus der feindlichen Welt.

Es war ein kalter Abend. Die ersten Flocken des Winters rieselten leise auf die verwelkten Felder. Irgendwo schreibt gerade ein inspirierter Dichter eine wunderschöne Elegie.

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Dies ist das Ende meiner vierteiligen Erzählung „Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens”.

Teil 3:

https://just-thoughts.net/2015/12/13/welkenfeld-eine-geschichte-des-versagens-teil-3/

 
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Verfasst von - 20. Dezember 2015 in Literatur

 

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Kunst trifft Poesie

Malerei ist Sprache für die Augen, Sprache ist Malerei für das Ohr.

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