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Die Glocken rufen

19 Mrz

Gestern hatte ich das Glück, die Basilika in Echternach im Rahmen einer Besichtigung unter der Leitung von Dechant Francis Erasmy zu besichtigen und Einblicke in sonst unzugängliche Bereiche zu gewinnen. Dies war deswegen auch besonders für mich, weil es nicht das erste Mal war, dass ich die „geheimen“ Plätze der Basilika zu Gesicht bekam. 2014 schrieb ich im Rahmen eines Schulprojektes 2 Artikel für das Buch „Echternach topsecret!“. Einen davon, über die Basilika, möchte ich heute hier mit euch teilen.

Ein zartes Glockenspiel begleitet meine ersten Schritte durch die Basilika. Die gewaltigen Mauern erheben sich ehrfürchtig in den Himmel über Echternach. Ich bin allein, es ist still bis auf jene Melodie des Glockenspiels. Dieser Ort besitzt eine besondere, ganz eigene Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann. Ich nehme mir einen Moment Zeit und setze mich auf eine der Holzbänke. Ich schließe meine Augen und konzentriere mich lediglich auf die „Geräuschkulisse“.

Die Stille ist befreiend und erdrückend zugleich, wären die Glocken nicht, könnte ich wohl meinen eigenen Herzschlag hören. Meine Gedanken kommen mir laut vor, jede Bewegung wie ein Donnerschlag. Ich richte mich wieder auf und wende meine Schritte dem Altar zu. Doch bevor ich die steinernen Stufen hinaufsteige, halte ich inne. Das Glockenspiel ertönt wieder. Aus irgendeinem Grund lassen mich diese zerbrechlichen Laute nicht los. Diese Weise, die den Mantel der Stille durchbricht, zieht mich in ihren Bann und ich gewinne die Gewissheit, dass ich ihre Quelle finden will.

Ich finde mich schon bald in Teilen der Basilika wieder, die gewöhnlichen Besuchern in der Regel verborgen bleiben. Ein Raum, der hauptsächlich aus weißem Stein besteht und dessen Decke so niedrig ist, dass ich gezwungen bin zu knien, ist der erste Ort, den ich passiere. Die Enge ist bedrückend, doch vermittelt die weiße Farbe ein Gefühl von Harmonie. Die Stille ist noch schwerer und undurchdringlicher als vorher, hier bin ich wahrhaftig alleine mit meinen Gedanken.

Ich setze mich hin und schließe erneut meine Augen. Nun kann ich es hören, das dumpfe Schlagen meines Herzens, das eifrig pulsiert und das Blut durch meine Adern pumpt. Ist dies der Klang des Lebens? Welch schwaches Signal für etwas so Gewaltiges! Doch mit jedem weiteren Schlag frage ich mich, ob es vielleicht nicht gerade dieser sich stetig wiederholende Rhythmus ist der unserem Leben das Gewaltige verleiht. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als ich es plötzlich wieder in der Ferne höre, das zarte Klingen der Glocken, das mich sogar in diesem Raum der Stille erreicht. Ich folge seinem Ruf und setze meinen Weg fort.

Ich besteige eine Wendeltreppe aus hellem Stein, die sich an einem schwarzen Pfeiler bis hoch in das Haupt der Basilika schlängelt. Meine Schritte hallen als Zeichen meiner Anwesenheit durch die alten Mauern, während ich Stufe um Stufe höher steige, geleitet einzig durch das nun deutlicher werdende Glockenspiel.

Schon bald finde ich mich in einem Raum wieder, der wie ein Dachboden wirkt. Er ist geprägt von einer Vielzahl an Holzpfeilern auf der linken sowie der rechten Seite, von einer Art Holzbrücke, die durch die Mitte dieses eigenartigen Raumes führt, und einer einsamen Lichterkette über diesem Weg. An diesem Ort vereinen sich all meine Sinne zu einem einzigen, wunderbaren Erlebnis: Der schwache Schein der Glühlampen, der meinen Pfad beleuchtet, der würzige Duft des Holzes, der bei jedem Atemzug meine Nase angenehm reizt, sowie das Knarren der Dielenbretter, das jeden meiner Schritte akustisch begleitet,  während ich mich auf die Mitte des Raumes zu bewege.

Bis auf die Deckenlampen über mir gibt es keine Beleuchtung in diesem Raum und so folge ich diesem Licht, das mir meinen Weg weist. Gedanken schießen mir durch den Kopf: Ist dieser Raum vielleicht eine Metapher des Lebens? Der eine richtige Pfad, den es zu finden gilt, der eine Pfad, an dessen Ende einen das Licht erwartet? Unweigerlich denke ich an Franz Kafka: Ist dies der Weg ins niemals zu erreichende „Gesetz“? Oder ist es bloß eine Illusion, an den einen Weg zum Ziel zu glauben? Ich genieße diesen Raum; wie er mit meinen Sinnen spielt, fasziniert mich, doch ist es wieder das entfernte Klingen der Glocken, das mich an mein wahres Ziel erinnert und mich zum Weitergehen bringt.

Eine weitere Treppe führt mich schließlich in den obersten Teil der Basilika. Ich bin an meinem Ziel angelangt, das Glockenspiel das mich durch die Gänge des Gotteshauses geführt hat, mich durch Stille und Licht geleitet hat, ist nur wenige Meter von mir entfernt. Seine Melodie ist nun deutlich kraftvoller, doch besitzt es immer noch diese Zartheit, dieses Zerbrechliche, das mich nicht mehr loslässt, seit ich es das erste Mal gehört habe. Nun also höre ich nicht nur, ich sehe auch. Ich sehe die einzelnen Fäden, welche die Klöppel in genau der richtigen Reihenfolge schwingen, um diese herrliche Melodie zu erzeugen, die mich so in ihren Bann zieht. Ich sehe die einzelnen Glockenkörper, die mit ihren Schwingungen der Melodie einen herrlichen Nachklang geben, der wie ein Geist durch meine Gedankenwelt schwebt. Doch ich sehe auch die größeren Glocken, welche zwar im Moment schweigen aber trotzdem mit ihren gewaltigen Körpern einen mächtigen Eindruck hinterlassen. Ich stelle mir ihren Klang innerlich vor, diesen viel dumpferen, viel tieferen Ton.

Von dieser Warte kann ich hinausblicken in die Außenwelt. Es ist das erste Mal, seit ich hier angekommen bin, dass ich wieder Geräusche von außen höre; den Motor eines vorbeifahrenden Autos, entferntes Gelächter oder auch das Gurren einer Taube. Doch innerlich erlebe ich immer noch diese unvergleichliche Stille, die dieses Gebäude auszeichnet, begleitet nur von meinem geliebten Glockenspiel im Hintergrund. Während ich in die Welt hinausschaue, denke ich noch einmal über meine gewonnen Erkenntnisse nach. Ich habe mich von undurchdringlicher Stille einnehmen lassen, dem Schlagen meines Herzens gelauscht, bin einem Licht über einen hölzernen Pfad gefolgt und habe schließlich die Quelle der mich leitenden Melodie gefunden. Ich habe nachgedacht über das Leben und doch scheint es, als ob ich bis an das Ende meines Weges gehen musste, um das Wichtigste zu erkennen. Während mein Blick über die sich mir bietende Landschaft schweift, erkenne ich die unzähligen Möglichkeiten, die sich mir geboten hätten, diese Basilika zu erleben, und wie ich dennoch einen ganz bestimmten Weg beschritten, ein ganz bestimmtes Ziel meiner Erkundung gewählt habe. Es gibt weder den einen Rhythmus, noch den einen Weg. Wie meine Reise durch die Basilika ist das Leben eine Auswahl an Möglichkeiten, die von jedem anders erlebt und gelebt werden.

Das Glockenspiel beendet seine Melodie und verstummt. Ich kehre der untergehenden Sonne den Rücken, verlasse die Basilika und begebe mich erwartungsvoll auf meine nächste Reise.

Copyright 2014 Tom Weber

Weitere Informationen zum Buch „Echternach topsecret!“ (auf luxemburgisch):

http://kremart.lu/bicher/echternach-topsecret/

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Verfasst von - 19. März 2017 in Literatur

 

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