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Synästhesie des Nichtgelebten #1

08 Nov
Synästhesie des Nichtgelebten #1

Heute möchte ich mal wieder einen Prosatext mit euch teilen. Ich werde ihn in zwei Teilen veröffentlichen und somit wird die Fortsetzung nächste Woche erscheinen.

Synästhesie des Nichtgelebten

Die Zeit. Er hatte die Zeit vergessen. Panisch schaute er auf die Uhr. Es war schon spät. Er musste los. Das durfte ihm nicht noch einmal passieren, dass er die Zeit vergaß. Es gab doch noch so viel zu erledigen. Er eilte zur Tür und warf nochmals einen Blick auf die Uhr, deren stetes Ticken ihm das Fortschreiten der Sekunden nur allzu deutlich veranschaulichte. Jede einzelne fühlte sich an wie  ein kleiner Stich in den Körper. Er hetzte die Treppen hinunter und warf sich ins Getümmel der Stadt hinein. Doch er blieb teilnahmslos all dem gegenüber. Sein Blick streifte seine Umgebung nur flüchtig, ohne dass diese einen bleibenden Eindruck hinterließ. Sein ganzes Denken war ausgefüllt von seinem unerbittlichen Wettstreit gegen die Zeit. Er durfte nicht zu spät kommen. Unaufhörlich wie das Verrinnen der Sekunden kreiste dieser Gedanke in seinem Kopf. Im Laufschritt hastete er durch die Stadt ohne sein Tempo zu verringern. Ohne Unterlass behielt er die Zeiger seiner Uhr im Blick, die sich unerbittlich vorwärtsbewegten. Er wusste nicht, welches Ziel seine Füße anstrebten, ihm war nur klar, dass er nicht zu spät kommen durfte. Er kämpfte sich vorwärts, ohne dem Geschehen um ihn herum die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Gesprächsfetzen schwappten lautlos an ihm vorbei und die Geräuschkulisse der Stadt erschien wie eine weit entfernte Hintergrundmusik. Er verwarf alles als irrelevant, was keine unmittelbare Auswirkung auf sein Vorwärtskommen hatte und somit blieb er blind für die Welt außerhalb seines Kurses. Alles verschwand in einem grauen, undurchdringlichen Strudel, in dem nur die Zeiger seiner Uhr sich farbig abzeichneten. Immer noch schienen sie sich schneller zu bewegen als er seine Füße  einen vor den andern zu setzen vermochte. Er durfte nicht zu spät kommen. So arbeitete er sich bis zum Rand der Stadt vor. Er wusste nicht welche Entfernung er zurückgelegt hatte oder was ihm auf seinem Weg begegnet war. In  seinem Kopf hallten nur die unzähligen Sekunden wider, die seitdem verstrichen waren.

Doch plötzlich stand er vor dem Nichts. Eine scheinbar unendliche Leere breitete sich vor seinen Augen aus, eine Wüste, in der kein Leben pulsierte und die in Stille gekleidet war. Selbst das Ticken seiner Uhr schien ihre grauen Stoffe nicht zu durchdringen und die Farben der Zeiger verblassten langsam und nahmen den gleichen grauen Ton an. Dieses Verstummen und Verblassen der Zeit gestaltete sich als ein Schock, denn er fühlte sich auf einmal der Essenz seines Lebens beraubt, waren dies doch die einzigen Töne und Farben die er wirklich wahrnahm. Er wusste nicht, wo er sich befand, nur, dass er die Stadt hinter sich gelassen hatte, ohne seinen Weg zu Ende gebracht zu haben. Dies konnte nicht das Ziel seiner Suche sein, sein ständiger Wettlauf mit der Zeit konnte ihn nicht hierher geführt haben, er musste die Richtung der Zeiger falsch gedeutet haben. Verzweifelt blickte er auf seine Uhr, in der Hoffnung, irgendeinen kleinen Hinweis zu finden an dem er sich festhalten konnte, doch die Zeiger hatten ihre letzten Pinselstriche getan. Das Konzert seiner Uhr war zu Ende und sie ruhte nun in stillem Triumph. Da wusste er, dass er den Kampf verloren hatte. Er war zu spät gekommen. Nun endlich offenbarte sich ihm, da es in unerreichbare Ferne gerückt war, das ewige Ziel seines Irrwegs: Das Leben. Er hatte das Leben in all seinen Gewändern und all der Vitalität seiner Farben kennenlernen wollen. Doch anstatt es sich langsam zurechtzuschneidern, aus mit Bedacht ausgewählten Stoffen, war er stets von Geschäft zu Geschäft gehastet, ohne je einen Stoff einer genaueren Betrachtung zu unterziehen, in der Furcht einen vielleicht noch schöneren Stoff zu verpassen. Somit präsentierte sich ihm das Leben in diesem Augenblick in all seiner leeren Nacktheit, da er es nur in die Farben der Zeit gekleidet hatte, die sich zum Grau der Wüste gewandelt hatten. In der gnadenlosen Enttäuschung dieser Erkenntnis befreite er sein Handgelenk von seiner Uhr und schleuderte sie von sich weg, jedoch wohlwissend, dass dieser Akt der Rebellion zu spät kam.

Copyright 2016 Sophie Aduial

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Verfasst von - 8. November 2016 in Literatur

 

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