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Mondscheinsonette – Ein Eigenkommentar (Teil 3)

Dies ist der dritte Teil meines Eigenkommentars zu „Mondscheinsonette”. Falls ihr den zweiten Teil verpasst habt, könnt ihr ihn hier nachlesen.

Der Absturz in „Mondscheinsonette” ist hart und abrupt. War die angeblich heile Künstlerwelt in den ersten beiden Abschnitten bereits äußerst fragwürdig und mehr als instabil, so wird sie im Abschnitt „tiefste nacht” geradezu feindlich. Gleich drei von den fünf Sonetten erwähnen den Dichter explizit und schleudern ihn in eine Welt, dominiert von Leiden (besonders in „unter dem einfluss saturns”), Isolation (cf. „aurora”) und Psychoterror (cf. „der verwunschene”). In diesem Abschnitt kommt die Funktion des lyrischen Ers auch am deutlichsten zu tragen. Dadurch, dass der Dichter von außen beschrieben wird, erscheint er noch einmal merklich hilfloser, passiver und auch „getriebener”. Nicht nur leidet er in dieser Welt, ihm wird auch ganz bewusst die Möglichkeit genommen das zu tun, was ein Dichter in so einem Fall eigentlich tuen würde: es (be)schreiben. Tatsächlich schreibt der in den „Mondscheinsonetten” beschriebene Dichter kein einziges Mal im Verlauf des gesamten Zyklus. „Er ist allein” in einer Welt voll „von falschen grimassen”, die wenn überhaupt dann nur auf ihn hört wenn er leidet. Er ist von allen verlassen, von seiner „muse”, von der „nacht” die ihm vorher noch wie eine „schwarze schwester” schien und sogar von sich selbst. Denn der Krux des Sonetts „der verwunschene” ist ja genau dies: es ist niemand anderes als der Dichter selbst, der ihn „treibt”, der ihn immer und immer wieder in diese „leeren gassen” voll von „falschen grimassen” lotst und ihn schlussendlich von der Welt seiner Mitmenschen ausschließt. Dieses Paradoxon, Passivität verursacht durch aktive Entscheidungen, ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Abschnitts. Wenn man die Sonette genau liest und im Kontext der restlichen Gedichte bedenkt, dann merkt man, dass der einzig wirkliche Feind des Dichters er selbst ist. Zwar werden allerhand Figuren und schattenhafte Schimären heraufbeschwört, doch der Erschaffer dieser düsteren Welt ist der Dichter selbst. Auch in der Liebe, die so eng mit der Lyrik verbunden ist, handelt er nach diesem Muster: er leidet offensichtlich („es zerfrisst sein kümmerliches glück”), will es sber andererseits auch gar nicht anders („ihm helfen? aber er will es doch!”). Dieser Abschnitt zeigt dem Leser einen faustischen Dichter, der ständig im Kampf mit sich selber ist und sich eine Freude daraus macht, sich die Freude zu nehmen. Es ist paradox, es macht keinen Sinn und es ist mit Momenten eine groteske Vorstellung die sich in „tiefste nacht” abspielt. Es ist aber auch der vielleicht ehrlichste Abschnitt im Buch, weil er zum Kern dieses Künstlerdaseins vordringt. Vor allem aber auch, weil er ein vehementer Widerspruch zur romantischen Vorstellung des Dichters als von der Gesellschaft missverstandenes Genie darstellt. Wie kann die Gesellschaft jemanden missverstehen, der sich selbst noch nicht einmal versteht?„Mondscheinsonette” hätte nach diesem Abschnitt enden können. Dann hätte der Kreislauf wieder von vorne begonnen und die Leiden des Dichters hätten erneut angefangen. Aber dies ist nicht der letzte Abschnitt. Denn obwohl der Titel wenig hoffnungsvoll klingt, liegt im „morgengrauen” der Schlüssel zur Erlösung des Dichters.

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Der vierte und letzte Teil meines Eigenkommentars folgt in drei Wochen am 1. Januar 2017.


 
Ein Kommentar

Verfasst von - 11. Dezember 2016 in Literatur, Mondscheinsonette

 

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Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens (Teil 4 – ENDE)

Über dem leeren Flur lag eine erdrückende Stille. Die aschgrauen Mauern türmten sich wie die Wände einer Kathedrale zu Welkenfelds Seiten auf. Sein Arbeitszimmer lag im 2. Stock. Jeder seiner Schritte hallte bedrohlich wieder, wie Glockenschläge die den Geweihten begleiteten. Er fühlte sich unwohl. Diese Muse hatte etwas in ihm in Gang gesetzt, das er nicht unter Kontrolle hatte. Die Liebe umarmte ihn diesmal nicht mit aphroditischer Zärtlichkeit, sondern erdrückte seinen verstaubten Leib in den garstigen Armen einer warzigen Gorgone. Das Mädchen ließ ihn nicht mehr los, es hatte sich wie eine Spinne in seinem Geiste festgesetzt und umschloss ihn in einem undurchdringlichen Netz. Der Gehetzte bekam schlecht Luft. Eine unsichtbare Kraft schien ihm die Kehle zuzuschnüren, während ein Dämon ihm in seinem Inneren seinen Magen herauszureißen drohte. Noch nie hatte eine Muse ihm solch körperliche Schmerzen bereitet. Sein eigenes Heim, sein Rückzugsort, schien ihm auf einmal feindlich. Er fühlte sich verloren und verfolgt während er die steinerne Treppe hinaufeilte. Längst war es draußen dunkel geworden und kein Lichtstrahl fiel mehr durch die schmutzigen Fenster. Das künstliche Licht der Kronleuchter hatte etwas Falsches an sich und blendete den Verirrten. Der Schweiß schoss ihm aus den Poren, doch ihm war als blutete er aus. Sein Arbeitszimmer lag am Ende des Ganges. Der Flur glich dem Weg zum Schafott: an den Wänden hingen die Porträts großer Schriftsteller, Heinrich Welkenfelds Vorbilder, doch in ihrer Masse wirkten sie wie ein wütender Mob. Ihre Blicke waren spöttisch und in ihren aufgesetzten Fratzen lag etwas Diabolisches. Sie lachten über den alten Wicht, der sich wie ein angeschossenes Wild durch einen undurchdringlichen Wald schleppte. Der Verzweifelte keuchte und flehte sie an zu schweigen. Doch das Gekreische wurde lauter und immer unverständlicher bis es nur noch infernalischer Lärm war, der Heinrich Welkenfeld fast taub werden ließ. Nach einer endlos wirkenden Jagd ergriff seine bleiche Hand endlich das kalte Metall des Rettung versprechenden Griffs und der Zerrüttete betrat sein Arbeitszimmer.

Ein Moment der Stille. Vor Heinrich Welkenfeld lag wie ein Altar sein Schreibtisch. Der Schreibtisch an dem ihm seine größten Meisterwerke geglückt waren. Der Schreibtisch an dem er tagtäglich seine Pflicht erfüllt hatte. Sein gesamtes Werk, welches an diesem von Alter und Holzwürmern zerfressenen Tisch entstanden war, war eine Stütze gegen ein gescheitertes Leben. Der Dichter war immer ein Fremder in dieser Welt gewesen, ob als ungeschickter Bauernjunge oder als stummer Liebhaber von Frauen die ihm nur in seinen eigenen Gedichten wirklich nah waren. Heinrich Welkenfeld war kein gebrochener Mann, denn er war nie wirklich ganz gewesen. Formlos und zusammengehalten nur durch die dunkle Kraft seiner Kunst, wanderte er wie ein Geist durch diese Welt, die nicht mehr an Geister glaubt. Ein ihm wohlgesinnter Kritiker bezeichnete sein Werk einmal als „die unzähmbare Freiheit gedrängt in die kälteste vorstellbare Form“. Die Kunst war die einzige Kraft die ihn am Leben hielt und nach vorne trieb und so war Heinrich Welkenfeld nun mehr als entschlossen, sich auch von dieser, zugegebenermaßen höchst seltsamen, Erfahrung nicht unterkriegen zu lassen. Während er langsam zu seinem Elysium stieg, leuchtete ihm bereits weiß das ihm heute Morgen noch so verhasste leere Papier entgegen. Doch ein leeres Papier macht einem inspirierten Schriftsteller keine Angst. Der Wehrhafte greift wie mit letzter Kraft nach seinem hölzernen Stuhl. Es war dunkel im Arbeitszimmer, seine alten Augen brauchten Licht. Er zündete eine rostige Petroleumlampe an, setzte sie auf den Tisch und nahm Platz im leeren Thron. Ein letztes Lächeln ritzte sich in sein faltiges Gesicht, er griff nach seiner bereits halb zerfallenen Feder, tunkte sie in die dickflüssige Tinte, welche immer bereit stand, und schwebte dann mit zittriger Hand über die weiße Heide.

Heinrich Welkenfeld schloss die Augen. Er dachte an seine Muse. Dort saß sie wieder, in diesem verkommenen Bistro, zart und rein wie er sie in Erinnerung hatte. Komm, zeige her dein Gesicht! Der Blinde brauchte die Augen, die giftgrünen Augen, um zu schreiben. Langsam drehte das geistige Mädchen seinen Kopf zu seinem Beobachter hin. Dort war es, sein Gesicht, aber etwas stimmte nicht. Es war genau so, wie es der Greis in Erinnerung hatte, aber doch anders. In seinem Lächeln lag etwas heimtückisches, fast teuflisches, und seine Augen blitzten wie die eines hungrigen Wolfes. Doch dann wurde es noch deutlich schlimmer, es öffnete seinen Mund und schallendes, gehässiges Lachen kroch aus dem höllischen Schlund. Nie hatte Heinrich Welkenfeld in seinem Leben grausigeres erblickt, nie hatte er sich derart bedroht gefühlt. Längst war das Bistro verschwunden und das einstmals schöne Mädchen nur noch die garstige Vision eines gebrochenen Geistes. Aus den Schatten seines Inneren traten plötzlich weitere Gestalten hinzu, eine hässlicher als die andere. Heinrich Welkenfeld schrie entsetzt als er sie erkannte: sämtliche Musen seiner Vergangenheit kamen ihn zu holen, sich zu rächen für den selbstsüchtigen Missbrauch ihrer Person, im Dienste des Götzen Kunst. Alle lachten sie ihn aus, griffen mit ihren dürren Armen nach seinem immer schwächer werdenden Körper und um den Hexensabbat herum brannte ein Feuer dessen Flammen das Lebenswerk des überheblichen Künstlers verschlangen. Durch die Abscheulichkeit seiner Vision hindurch spürte Heinrich Welkenfeld das dunkle Ross, welches er glaubte gezähmt zu haben. Auch es lachte ihn aus und schlug mit rauen Hufen gegen den Kerker, in welchen der verbitterte Schriftsteller es gezwängt hatte. Er hatte genug, die Feder hatte er schon längst aus der Hand gegeben, er lag nur noch auf seinem Tisch, teils wimmernd, teils schreiend, auf jeden Fall innerlich verrissen. Der Gepeinigte blickte noch ein letztes Mal auf das weiße Blatt Papier und eine primitive Wut brach aus seinen tiefsten Abgründen heraus. In einem Anfall hemmungsloser Raserei warf er die einstige Wiege seiner Kunst um, ohne an die Petroleumlampe zu denken, welche die ganze Zeit an seiner Seite stand. Als letzte befreit, tat nun auch sie ihr vorbestimmtes Werk und setzte das morsche Zimmer in Brand. Längst verloren, stürzte sich Heinrich Welkenfeld zur einzigen Tür des Raumes. Geschwächt und geistig umnachtet stolperte er jedoch über den staubigen Teppich, das einzige noch verbliebene Stück aus dem alten Elternhaus. Sein schweres Haupt schlug hart auf dem Boden auf und wie bereits vor ihm seine Kunst, schwand nun der gescheiterte Künstler aus der feindlichen Welt.

Es war ein kalter Abend. Die ersten Flocken des Winters rieselten leise auf die verwelkten Felder. Irgendwo schreibt gerade ein inspirierter Dichter eine wunderschöne Elegie.

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Dies ist das Ende meiner vierteiligen Erzählung „Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens”.

Teil 3:

https://just-thoughts.net/2015/12/13/welkenfeld-eine-geschichte-des-versagens-teil-3/

 
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Verfasst von - 20. Dezember 2015 in Literatur

 

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Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens (Teil 3)

Mindestens 50 Minuten vergingen, während denen Heinrich Welkenfeld wie zur Marmorstatue erstarrt, von seinem Platz aus das Mädchen begutachtete. Eine jugendlich-naive Freude breitete sich in seinem Inneren aus, wie jedes mal wenn er eine neue Muse zum ersten Mal erblickte. Ach, wie wunderbar wird er dichten! Dieses Mädchen allein wird die Saat für einen eigenen Band sein, für einen lyrischen Baum mit hunderten von wunderschönen Knospen und Blüten! Der Ergriffene ließ seinen Blick über den gesamten Körper seiner Begierde wandern. Diese Form, diese Zartheit, diese romantisch-wilde Schönheit! Doch Heinrich Welkenfeld wollte mehr, dieses Kunstwerk brauchte einen Titel. Er überlegte sich welchen Namen es wohl tragen würde, einen melodiösen aber dennoch einfachen Namen wahrscheinlich. Er stellte sich vor wie er heute Abend an seinem Schreibtisch sitzen würde, das dunkle Ross zu reiten, während der Name über der lyrisch-lustvollen Orgie hallte wie ein bacchantisches Mantra. Ohne sein Wissen würde er des Mädchens reine Essenz in seine ihr vorbestimmten poetischen Formen gießen, sie von Hand in stundenlanger Arbeit zur Perfektion führen bis er zufrieden seinen Namen über das vollendete Werk setzen würde. All dies war noch zu kommen, doch im Moment war er noch der dem Rausch des Moments verfallene Pygmalion, der seine Muse in einem verkommenen Bistro beobachtete. Von einem Moment auf den anderen kam jedoch Bewegung ins Spiel, das Mädchen bezahlte sein Glas Weißwein und verabschiedete sich vom Wirt. Dieser bedankte sich einen Tick zu freundlich und verabschiedete es mit den Worten: „Auf Wiedersehen, meine Liebe!”. Heinrich Welkenfeld verfluchte den Wirten leise, warum konnte er es nicht beim Namen nennen? Er griff zügig nach seinem Mantel, drückte dem Wirt das Geld in die Hand und stürmte dem Mädchen hinterher.

Vor dem Bistro hielt der Aufgeregte einen Moment inne. Das Mädchen war gerade in eine Seitenstraße eingebogen und wenn er es nicht verlieren wollte, musste er ihm sofort folgen. Doch Welkenfeld dachte über sein Handeln nach und fragte sich ob er es wirklich nötig hatte zum greisen Voyeur zu verkommen. Nein, man war doch schließlich nicht Aschenbach in Venedig. Heinrich Welkenfeld entschloss sich, nach Hause zu gehen und sich dem lyrischen Akt zu widmen. Am Himmel waren inzwischen dunkelgraue Wolken aufgezogen die zu einem heftigen Temperatursturz beigetragen hatten. Zufrieden mit sich selbst machte der Entschlossene sich auf den Heimweg. Winterliche Kälte und eine neue Muse brachte er von diesem Spaziergang mit nach Hause. Seine Frustration des Morgens war vollständig verflogen und sein Herz schlug aufgeregt in seiner Brust. Welche Lust zu leben! Die trügerische Landschaft schien im nun weniger feindlich, die Flüche der Raben erklangen dem Geblendeten nun eher als anziehender Sirenengesang, das Versinken der Landschaft in einem weißen Meer als kurz bevorstehendes Ereignis. Die Natur erschien ihm wieder als seine Geliebte die ihn lediglich neckisch warten ließ. Während ihr kalter Atem seinen alten Körper umschloss, dachte Heinrich Welkenfeld daran wie sehr er andere Menschen eigentlich verabscheute. Desinteressierte Flegel die sich mit klammernden Organen an ihre materialistische Existenz halten. Natürlich kauften viele seine Bücher, doch der Verbitterte wusste ganz genau, dass die meisten sie nicht verstanden oder sogar überhaupt nicht lasen. Ihm war es eigentlich auch herzlich egal, er wusste um die Bedeutung seiner Kunst und solange sie ihn als den großen Dichterfürsten verehrten interessierte er sich nicht für ihre jämmerlichen Existenzen. Denn Heinrich Welkenfeld war der einsame Poet, der hinter den massiven Mauern seiner Festung der Kunst, Tag für Tag den Dienst Apolls ohne Widerspruch erfüllte.

Als eben jene sich langsam am Horizont bemerkbar machte, zog der Frierende sein Tempo abermals an. Die wilde Natur um ihn herum schien ihm fast lebendig. Ihm war als ob die abgestorbenen Bäume ihre Äste nach ihm ausstrecken würden, wie dämonische Geschöpfe die den Sünder mit ihren Krallen in das ewige Erdloch werfen wollen. Die bleichen Gräser zitterten wie in Furcht beim Vorbeiziehen des Verurteilten. Die Wolken wurden dunkler und dichter, ganz als ob sie versuchen würden dem Verirrten das Licht zu nehmen. Heinrich Welkenfeld wurde nervös, er mochte die Atmosphäre nicht die über ihm lag wie ein Leichentuch. Doch warum? Üblicherweise erfreute er sich doch am Verfall, an der makaberen Morbidität einer dem winterlichen Tod ausgelieferten Landschaft. Doch an diesem Abend war etwas anders, zum ersten Mal schien Heinrich Welkenfeld nicht der Beobachter, sondern der Beobachtete zu sein. Dem Getriebenen schien es, als ob die fratzenhafte Landschaft ihm direkt in die Seele schaue. Zwei tiefe Furchen ritzten sich in seine Stirn. Niemand hatte ihm in die Seele zu schauen! Er musste sich nicht rechtfertigen, nicht vor seinen primitiven Mitmenschen und auch nicht vor seiner geliebten Natur. Sie alle hatten ihm zu dienen und ihn zu bewundern, ihn der die Essenz des Lebens mit sorgfältigen Handgriffen ins weiße Marmor des Papiers schlägt. Der Gehetzte bemerkte mit Erleichterung, dass die schwere Eingangspforte seiner Villa fast in Reichweite war. Wie ein Verbrecher auf der Flucht, hastete er schnell durch den Innenhof zur aufwendig verschnörkelten Eingangstür und rettete sich in die leeren Hallen seines Heims. Er musste während einiger Minuten tief durchatmen bis er sich wieder gefasst hatte. Es war still. Heinrich Welkenfeld musste nun schreiben.

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Der letzte Teil von „Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens” erscheint am nächsten Sonntag auf just-thoughts.net

Teil 2:

https://just-thoughts.net/2015/12/06/welkenfeld-eine-geschichte-des-versagens-teil-2/

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 13. Dezember 2015 in Literatur

 

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Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens (Teil 2)

 Der Wanderer schlenderte lustlos die Zypressenallee hinab, der einzige Weg der seinen Wohnsitz mit dem Dorf verband. Höhnend verspottete ihn das Gekreische der Raben, die hinterlistig ihre Kreise über dem Kopf des Dichters zogen. Diesen Verrat der Natur an ihm verärgerte Heinrich Welkenfeld besonders, weil er sie eigentlich bisher immer als seine Verbündete angesehen hatte. Menschen waren ihm, bis auf wenige Ausnahmen, verhasst doch die Natur war für ihn immer eine Leinwand gewesen auf die er mit sorgsam ausgeführten Pinselstrichen seine Gedichte aufmalte. Heinrich Welkenfeld dachte an den Winter zurück in dem „Melancholia” entstand. Ein harter Winter war es damals, die Landschaft erstickte fast unter der weißen Decke und viele Menschen erfroren in der Kälte. Doch für Heinrich Welkenfeld war es eine Zeit höchster Freude, kein Tag verging ohne ein neues Gedicht und so setzte sich „Melancholia” am Ende aus nicht weniger als 200 Gedichten zusammen. Ein selbstzufriedenes Grinsen huschte dem Alten über sein maskenhaftes Gesicht. Er mochte die Bewunderung die man ihm entgegenbrachte. Mancher warf ihm vielleicht Überheblichkeit vor, doch Heinrich Welkenfeld kümmerte es nicht. Er war stolz auf die Kreationen seiner lyrischen Ausritte und genoss den stillen Neid der hinter den Aussagen seiner Kritiker anschwoll. Doch dieser kurze Moment des Glücks musste schon bald wieder seiner momentanen Frustration weichen, als er die ersten Häuser des Dorfes vor sich sah. Ohne Schnee wirkte es für ihn dreckig und abscheulich und nur mit größtmöglicher Selbstüberwindung setzte er Schritt in die verwerfliche Stätte.

Natürlich kannte man ihn im Dorf und viele die seinen Weg kreuzten, grüßten ihn freundlich. Heinrich Welkenfeld erwiderte es, labte sich an der Bewunderung, doch zugleich wurde ihm Bewusst wie sehr er sie alle verabscheute. Für ihn blieben sie auf ewig mit der Erinnerung an seinen ihm verhassten Vater verbunden, der ihn lieblos verstieß, weil er nicht seinen Vorstellungen eines „nützlichen” Sohnes entsprach. Umso mehr hatte Heinrich Welkenfeld es genossen, nach seines Vaters Tode das alte Familienhaus abzureißen und sein Herrenhaus über dem Grab seiner Vergangenheit zu errichten. Nach einigen Minuten ziellosen Wanderns, fühlte er ein leichtes Unwohlsein, wahrscheinlich bedingt durch die ungewöhnliche Milde dieses Winters. Heinrich Welkenfeld entschloss sich, im lokalen Bistro eine kurze Pause von seinem Spaziergang einzulegen. Kaum hatte er das Etablissement betreten, eilte der Wirt auch schon zu ihm, begrüßte ihn herzlich, nahm ihm den Mantel ab und platzierte ihn an seinem besten Tisch. Heinrich Welkenfeld bestellte ein Glas italienischen Rotweins und sah sich im Lokal um. Am Fenster saßen der Schreiner und sein Lehrling, grobe Hünen mit schrecklichen Manieren, tranken Bier und verschlangen zwei viel zu fettige Omeletts. Der Meister war ein wahrer Ochse, mit breiten Schultern und einem monströsen Kopf, der sich wie ein schroffes Gebirge aus seinem schrankartigen Körper erhob. Seine Arme waren mit Fleisch überzogene Keulen, seine Hände von der Arbeit mit dem Holz gezeichnet. Doch das abstossendste seines ganzen Wesens war sein fratzenhaftes Gesicht. Seine Augen stießen unnatürlich hervor während seine eingedrückte Nase ihm die Erscheinung eines Dämons gab. Seine Zähne, das heißt die die noch übrig waren, waren vergilbte Zacken die sich scheinbar jedweder Symmetrie wiedersetzten. Der Geselle wirkte wie der Schatten seines Meisters, er besaß die gleiche Grundfigur, jedoch in abgeschwächter Form. In ihrer Gemeinsamkeit waren die beiden ein so abscheulich wildes Bild für den Ästheten Heinrich Welkenfeld, dass er seinen Blick angewidert von ihnen abwandte. Dem Beobachtenden gegenüber saß der Dorflehrer, ein kleinkarierter Pedant, der hin und wieder an seinem Grog nippte. Er war ein schmächtiges altes Gerippe, seine spindeldürren Gliedmaßen waren unnatürlich lang und erinnerten an die haarigen Beine einer heimtückischen Spinne. Auf seinem Nasenrücken bohrte sich eine kalte Brille in sein Fleisch, überwuchert nur von dem Gestrüpp welches seine Augenbrauen waren. Seine Haut war so bleich und abgetragen, dass der Rastende sich nicht ganz sicher war ob dieses Wesen nicht eher tot als lebendig war. Heinrich Welkenfelds Blick schweifte schließlich zum Schanktisch und wie von einem Pfeil tödlich getroffen, zuckte er zusammen.

Die „Galanterien im Mondschein” sind die Verkörperung von Heinrich Welkenfelds anderer Inspirationsquelle. Jedes einzelne dieser Gedichte geht auf eine Frau zurück, die seine Gedanken zu einer bestimmten Zeit seines Lebens beherrscht hat. Manch einer würde wahrscheinlich von Geliebten sprechen, doch Heinrich Welkenfeld selbst zog den Begriff der Muse vor. Dies vor allem, weil er mit keiner einzigen dieser für seine Gedichte so wichtigen Frauen, je auch nur ein Wort gewechselt hatte. Natürlich hatte er sie geliebt, er hatte sie für ihr Aussehen aber auch für ihre Persönlichkeiten, ihr Verhalten ja sogar für die Tonlagen ihrer Stimmen geliebt. Er hatte diese Frauen auch begehrt, doch selbst die Vorstellung von körperlicher Vereinigung mündete letztendlich immer in einen rein geistigen Akt. Die Liebe wie Heinrich Welkenfeld sie für diese Frauen empfand war eine künstlerische Liebe, es war eine Verehrung der Schönheit, sowohl der physischen wie auch der geistigen, welche diese Frauen für ihn verkörperten. Das Gefühl der Liebe war der Antrieb für Heinrich Welkenfelds Inspiration und ohne es je zu wissen haben diese Frauen durch ihre alleinige Existenz die Entstehung jener allseits gepriesenen Gedichte überhaupt erst möglich gemacht. Während seines gesamten bisherigen Lebens hat Heinrich Welkenfeld nie auch nur an eine andere Form der Liebe gedacht. Nie kam ihm auch nur der bloße Gedanke, diese Frauen aktiv in sein Leben zu integrieren. Heinrich Welkenfeld liebte und brauchte seine Musen. Doch sein Leben teilte er nur mit der Kunst.

Am Schanktisch saß ein Mädchen, Welkenfeld schätzte es auf Anfang 20. Unter seiner wollenen Mütze quoll kastanienbraunes Haar hervor, welches sich ungezähmt um seinen zerbrechlichen Hals legte. Es war nicht sehr groß, seine Füße baumelten munter vom Hocker herab. Der Verfallene konnte es nur im Profil beobachten, doch erhaschte er den Glanz seiner smaragdgrünen Augen. Es war vertieft in die Lektüre eines kleinen, eher dünnen Buches, ein Gedichtband möglicherweise? Vor ihm auf dem Tresen stand ein Glas Weißwein welches es mitunter an seine natürlich rötlichen Lippen führte. Seine Kleidung bestehend aus einem olivgrünen Pullover und einem dunkelbraunen Rock verlieh ihm eine liebliche Grazie. Von seiner ganz eigenen Unscheinbarkeit ging eine geheimnsivolle Anziehungskraft aus, welche den Fantasierenden nach und nach komplett einnahm. Heinrich Welkenfeld war fast schockiert über den Anblick dieser jungen Blume. Nie hatte er in seinem Leben schöneres erblickt, nie ein solch intensiv körperliches Gefühl einem anderen Menschen gegenüber empfunden. Wie mechanisch zitierte er leise aus dem Gedächtnis:

„Und, zu enden meine Schmerzen, Ging ich einen Schatz zu graben. Meine Seele sollst du haben! Schrieb ich hin mit eignem Blut.”

Dies war nicht einfach eine weitere Muse, dies musste Euterpe persönlich sein, die dem Berauschten in diesem niederen Lokal erschienen ist! Gierig sog er an seinem Rotwein und genoss die Wärme die durch seine Adern floss. Das schwarze Ross schlug leidenschaftlich in seinem Kerker aus, es will geritten werden vom Betörten. Doch es musste sich noch gedulden, Heinrich Welkenfeld hatte nämlich beschlossen mehr über dieses Mädchen erfahren zu wollen. Ihn gierte es nach einem Namen, einer Stimme, einer Persönlichkeit. Das Mädchen fest im Blick, beschloss der Habsüchtige zu warten, bis es das Lokal verließ und es bis dahin weiter zu begutachten. Während Heinrich Welkenfeld diese Gedanken fasste, verdunkelte sich draußen der Himmel. Es schien ein kalter Abend zu werden.

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Der nächste Teil von „Welkenfeld – Eine Geschichte des Versagens” erscheint nächsten Sonntag auf just-thoughts.net

Teil 1:

https://just-thoughts.net/2015/11/29/welkenfeld-eine-geschichte-des-versagens-teil-1/

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 6. Dezember 2015 in Literatur

 

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Das Sonntagssonett #3


Ich wünsche euch allen einen angenehmen Sonntag mit diesem Sonett, welches während meines Aufenthaltes in Cannes vergangene Woche entstanden ist.

 

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Das Gedicht zum Sonntag


Anstelle eines herkömmlichen Beitrags, heute ein kleines Gedicht zum Wochenende. Ich wünsche einen angenehmen Sonntag und allen Kreativen ein frohes Schaffen!

 

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Kunst trifft Poesie

Malerei ist Sprache für die Augen, Sprache ist Malerei für das Ohr.

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