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Mondscheinsonette – Ein Eigenkommentar (Teil 3)

Dies ist der dritte Teil meines Eigenkommentars zu „Mondscheinsonette”. Falls ihr den zweiten Teil verpasst habt, könnt ihr ihn hier nachlesen.

Der Absturz in „Mondscheinsonette” ist hart und abrupt. War die angeblich heile Künstlerwelt in den ersten beiden Abschnitten bereits äußerst fragwürdig und mehr als instabil, so wird sie im Abschnitt „tiefste nacht” geradezu feindlich. Gleich drei von den fünf Sonetten erwähnen den Dichter explizit und schleudern ihn in eine Welt, dominiert von Leiden (besonders in „unter dem einfluss saturns”), Isolation (cf. „aurora”) und Psychoterror (cf. „der verwunschene”). In diesem Abschnitt kommt die Funktion des lyrischen Ers auch am deutlichsten zu tragen. Dadurch, dass der Dichter von außen beschrieben wird, erscheint er noch einmal merklich hilfloser, passiver und auch „getriebener”. Nicht nur leidet er in dieser Welt, ihm wird auch ganz bewusst die Möglichkeit genommen das zu tun, was ein Dichter in so einem Fall eigentlich tuen würde: es (be)schreiben. Tatsächlich schreibt der in den „Mondscheinsonetten” beschriebene Dichter kein einziges Mal im Verlauf des gesamten Zyklus. „Er ist allein” in einer Welt voll „von falschen grimassen”, die wenn überhaupt dann nur auf ihn hört wenn er leidet. Er ist von allen verlassen, von seiner „muse”, von der „nacht” die ihm vorher noch wie eine „schwarze schwester” schien und sogar von sich selbst. Denn der Krux des Sonetts „der verwunschene” ist ja genau dies: es ist niemand anderes als der Dichter selbst, der ihn „treibt”, der ihn immer und immer wieder in diese „leeren gassen” voll von „falschen grimassen” lotst und ihn schlussendlich von der Welt seiner Mitmenschen ausschließt. Dieses Paradoxon, Passivität verursacht durch aktive Entscheidungen, ist der Dreh- und Angelpunkt dieses Abschnitts. Wenn man die Sonette genau liest und im Kontext der restlichen Gedichte bedenkt, dann merkt man, dass der einzig wirkliche Feind des Dichters er selbst ist. Zwar werden allerhand Figuren und schattenhafte Schimären heraufbeschwört, doch der Erschaffer dieser düsteren Welt ist der Dichter selbst. Auch in der Liebe, die so eng mit der Lyrik verbunden ist, handelt er nach diesem Muster: er leidet offensichtlich („es zerfrisst sein kümmerliches glück”), will es sber andererseits auch gar nicht anders („ihm helfen? aber er will es doch!”). Dieser Abschnitt zeigt dem Leser einen faustischen Dichter, der ständig im Kampf mit sich selber ist und sich eine Freude daraus macht, sich die Freude zu nehmen. Es ist paradox, es macht keinen Sinn und es ist mit Momenten eine groteske Vorstellung die sich in „tiefste nacht” abspielt. Es ist aber auch der vielleicht ehrlichste Abschnitt im Buch, weil er zum Kern dieses Künstlerdaseins vordringt. Vor allem aber auch, weil er ein vehementer Widerspruch zur romantischen Vorstellung des Dichters als von der Gesellschaft missverstandenes Genie darstellt. Wie kann die Gesellschaft jemanden missverstehen, der sich selbst noch nicht einmal versteht?„Mondscheinsonette” hätte nach diesem Abschnitt enden können. Dann hätte der Kreislauf wieder von vorne begonnen und die Leiden des Dichters hätten erneut angefangen. Aber dies ist nicht der letzte Abschnitt. Denn obwohl der Titel wenig hoffnungsvoll klingt, liegt im „morgengrauen” der Schlüssel zur Erlösung des Dichters.

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Der vierte und letzte Teil meines Eigenkommentars folgt in drei Wochen am 1. Januar 2017.


 
Ein Kommentar

Verfasst von - 11. Dezember 2016 in Literatur, Mondscheinsonette

 

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Die Reisen des Herrn Nimo – Speciestan

Herr Nimo ist ein Reisender den es immer wieder an recht sonderbare Orte verschlägt. Doch dem aufmerksamen Leser wird es nicht verborgen bleiben, wie bekannt uns diese Städte und ihre Bewohner eigentlich sind.

Herrn Nimos Reise führte ihn in eine Stadt namens Speciestan. Kaum hatte er diesen Ort betreten, fiel ihm auf, dass seine Bewohner seltsame schwarze Kisten um ihren Kopf geschnallt hatten. Die Kisten bedeckten die Augen und einen Teil der Stirn komplett und waren undurchsichtig, was Herrn Nimo zu der Frage führte, wie die Bewohner dieser Stadt sich orientierten. Ihr Verhalten war darüber hinaus äußerst bizarr, sie schienen mit Objekten oder Personen zu interagieren die nicht wirklich da waren, jedenfalls schloss Herr Nimo dies aus der Art wie manche wild vor einem Baum herum gestikulierten oder die Arme ausbreiteten und einen Fuß vorsichtig vor den anderen setzten, so als ob sie über einen schmalen Grad balancieren würden. Manchmal standen auch Gruppen dieser Bewohner in einem Kreis zusammen und schrien auf etwas Undefinierbares in ihrer Mitte. Jedes Mal wenn Herr Nimo versuchte mit einem von ihnen zu sprechen, ignorierten sie ihn einfach, ganz so als ob er für sie nicht existieren würde. Herr Nimo irrte weiter durch diesen seltsamen Ort und kam schließlich auf einen großen Platz. Dort sah er eine Gruppe Leute in einer geraden Linie nebeneinander stehen die neben den schwarzen Kisten auf ihren Gesichtern noch seltsame Fernbedienungen in ihren Händen hielten. Ihrer Haltung und Armbewegungen nach zu urteilen schienen sie Pfeile mit Bogen auf Ziele zu schießen. Rund um sie war eine große Menschenmenge versammelt, alle mit schwarzen Kisten auf ihren Nasen, die sie lautstark anfeuerten. Doch alles was Herr Nimo sah war eine sonderbare Pantomimshow die auf den unbeteiligten Außenstehenden absurd und fast schon etwas unheimlich wirkte. Dann aber wurde Herrn Nimos Blick auf den Himmel gelenkt. Ein riesiger Schwarm Vögel war dort erschienen, so viele, dass sie fast schon die Sonne verdunkelten. Die Vögel schwebten grazil über die Stadt und fingen an die verrücktesten Kunststücke zu vollführen, sie flogen in sonderbaren Formationen, formten Blumen und Tierköpfe. Es war ein Naturschauspiel wie Herr Nimo es noch nie gesehen hatte und er beobachtete es mit größtem Eifer. Noch während er gebannt den Himmel beobachtete, stürmte auf einmal eine Horde von Bewohnern den großen Platz. Einen Moment lang hatte Herr Nimo geglaubt, sie wären gekommen um sich dieses außergewöhnliche Ereignis mit ihm anzuschauen, doch sie stürmten alle an ihm vorbei auf einen ganz bestimmten Punkt auf dem Platz zu und begannen seltsame Armbewegungen auszuführen, fast als ob sie Bälle nach irgendetwas werfen würden. Die Vögel hatten sich inzwischen in alle Richtungen zerstreut und außer Herrn Nimo hat kein einziger der Bewohner dieses Wunder miterlebt.

 
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Verfasst von - 14. August 2016 in Literatur

 

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Sonntagslyrik #11

Eine solche Leistung verdient wahrlich Applaus!

 

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Sonntagslyrik #9

Der Materialismus war vielleicht noch selten so elementar in einer Gesellschaft verankert wie in der unsrigen. Eine Feststellung die auch den Lyrikern nicht entgeht.

 

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